Die Zeiten von Birkenstock-Sandalen und Joints sind bei Globetrotter definitiv vorbei. Wer das frühere Image der Reisebürokette noch verinnerlicht hat und heute eine Filiale betritt, ist zunächst einmal überrascht. Die Einrichtungen sind professionell und auf dem modernsten technischen Stand, die Reiseberater machen einen gepflegten Eindruck, bewegen sich nicht barfuss und bewahren trotz warmherziger Begrüssung einen Höflichkeitsabstand zur Klientele. Geschäftsführer André Lüthi wurde kürzlich von einem 50-jährigen Neukunden aus Bern verwundert gefragt, warum man ihn in der Globetrotter-Filiale nicht geduzt habe. «Die meisten Filialbesucher schätzen diesen Kulturwandel in unseren Reisebüros allerdings und fühlten sich früher vom der Mitarbeitenden teils überrumpelt.»

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Die Umgangsformen sind nicht das Einzige, was sich bei Globetrotter verändert hat. Das im Jahr 1976 von Walter Kamm als Einzelfirma gegründete und fünf Jahre später zur AG umgewandelte Reisebüro ist zu einer stolzen Kette und bedeutenden Grösse in der Schweizer Reisebranche herangewachsen. Die Entwicklung vom Treffpunkt für Weltenbummler und Ausstiegswillige zum prosperierenden Reise-Unternehmen hat vor rund sieben Jahren eingesetzt. Damals positionierte sich Globetrotter neu und legte ein klares Bekenntnis zum Individualtourismus ab. Dieser Entscheid war weise, denn es folgte ein rasantes Wachstum. Im letzten Jahr sprengten die mittlerweile in der ganzen Deutschschweiz verteilten 16 Filialen mit insgesamt 168 Mitarbeitenden erstmals die Umsatzgrenze von 100 Mio Fr. Das bedeutet ein Wachstum von beinahe 8% gegenüber dem Vorjahr.

Während die grossen Schweizer Reiseveranstalter wie Kuoni, Hotelplan oder TUI Suisse nach dem 11. September 2001 massiv Kundschaft verloren hatten, ist sie Globetrotter immer stärker zugelaufen. «Viele unserer Kunden sind reiseerprobt und haben auf das Attentat in New York mit weniger Angst reagiert als der Durchschnittstourist», begründet André Lüthi. Der Globetrotter-Umsatz setzt sich zu 77% aus dem Verkauf von Flugtickets zusammen. Die Reisebürokette unterhält gemäss Lüthi mit 2,5 Mio verschiedenen Tarifen für 95 weltweite Airlines die beste Datenbank in der Schweiz. Buchbar sind auch sämtliche Mietwagenfirmen und Hotels der Welt.

Starke Mitarbeiter- undKundenbindung

Globetrotter bezeichnet sich selbst als «aussergewöhnliches Reiseunternehmen». Im Vordergrund der Philosophie steht der Mensch, seien es Kunden oder Angestellte. Mitarbeitende werden gezielt rekrutiert. «Wir stellen nur Leute ein, die mindestens drei Kontinente intensiv bereist haben und bestens kennen», sagt Lüthi. In jeder Globetrotter-Filiale werden damit sämtliche Länder der Welt aus erster Hand abgedeckt, was eine sehr fundierte Beratung ermöglicht. Um die Destinationskenntnisse seiner Angestellten auf dem aktuellen Stand zu halten, schickt sie Lüthi jedes Jahr für zwölf Wochen auf Reisen. Vier bis fünf davon sind in der Regel bezahlt. Mit Familienvätern, die nicht so lange unterwegs sein können, macht Lüthi spezielle Deals aus und bezahlt ihnen eine zusätzliche Kinderzulage. 80%-Pensen sind bei Globetrotter kein Problem. Die Reiseberater stammen fast zu 90% nicht aus der Branche, sondern sind Umsteiger, für die Reisen zum Lebensinhalt geworden ist. Um sie mit den Abläufen im Reisebüro vertraut zu machen, hat Globetrotter in Olten ein zentrales Schulungssystem eingerichtet. Obschon die Löhne, wie in der ganzen Reisebranche, auch bei Globetrotter nicht feudal sind ein Reiseberater erhält im Durchschnitt 4400 Fr. , hat die Reisebürokette beim «Cash»-Arbeitgeber-Award einen vorderen Rang belegt.

Die Kombination von Zufriedenheit und grossem Know-how bei den Mitarbeitenden zahlt sich für Globetrotter aus. So wurden im letzten Jahr 78% der insgesamt 60000 Kunden durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf das Reisebüro aufmerksam gemacht, wie André Lüthi aus Erhebungen weiss. Das erlaubt ihm, vollständig auf Marketing und Werbung zu verzichten. Stattdessen wird jährlich rund 1 Mio Fr. für spezielle Kundenbindungsmassnahmen ausgegeben. Auch dieses Geld ist gewinnbringend investiert: Denn Globetrotter kann heute auf einen hohen Stammkundenanteil von 72% zählen. Das Durchschnittsalter der Reisenden hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht und liegt heute bei etwa 33. Neben Studenten kommen auch Kravattenträger und kaufen sich ihr Businessklasse-Ticket. Globetrotter hat für sie sogar eine Geschäftsreiseabteilung gegründet. Rucksacktouristen, die bei Globetrotter Around-the-World-Tickets für längere Weltreisen buchen, gibt es zwar auch heute noch. «Daneben finden aber immer mehr Familien und Senioren zu uns», so der Geschäftsführer.

Verantwortung gegenüber Umwelt und fremden Kulturen

Die Bedürfnisse der Kundschaft herauszuspüren, ihnen mit Menschlichkeit zu begegnen, lautet Lüthis Credo. Diese Warmherzigkeit strahlte der Globetrotter-Geschäftsführer auch unlängst über die Medien aus, als er vor laufenden Fernsehkameras in Südostasien nach Überlebenden der Tsunami-Katastrophe suchte. «Das Echo war überwältigend und hat auch für Globetrotter viel Publizität gebracht», so Lüthi, der die Aktion aber keinesfalls mit diesem Hintergedanken gestartet habe. «Es ging mir nur darum, unseren Kunden auch in dieser prekären Lage aktiv beiseite zu stehen.»

Der Globetrotter-Geschäftsführer betrachtet Reisen als ein kostbares Gut und begegnet der heute sehr schnelllebigen Tourismusindustrie mit Vorbehalten. Die zurzeit von Last-Minute-Aktionen und Preisdumping geprägte Entwicklung schaudert ihn. Lüthi findet, dass viele grosse Reiseveranstalter ihre Verantwortung gegenüber der Umwelt und den soziokulturellen Eigenheiten von Zielgebieten vernachlässigen. Mit massiven Überkapazitäten in Flugzeugen und Hotels werde stattdessen nur dem Profit nachgelebt. Globetrotter möchte dem Massengut Ferien entschieden entgegentreten und will keine Kunden, denen es egal ist, ob sich ihr Hotelzimmer in Bali oder der Karibik befindet.

Lüthi fordert mehr Bewusstsein und den Willen, sich mit fremden Kulturen auseinander zu setzen. Sein Motto lautet deshalb «Reisen statt Ferien». Der Erfolg gibt ihm Recht: Globetrotter hat mit dieser Strategie eine grosse Masse von Individualisten für sich gewinnen können.

Firmen-Profil

Name: Globetrotter Travel Service AG, Neuengasse 30, 3001 Bern,
031 326 60 60

Gründung: 1976 von Walter Kamm

Geschäftsleitung: André Lüthi Geschäftsführer und Mitglied des Verwaltungsrats

Umsatz: 100 Mio Fr.

Beschäftigte: 168

Produkte: Vermittlung von Flugreisen und Mietwagen in der ganzen Welt, 2,5 Mio verschiedene Tarife für 95 Airlines, sämtliche Mietwagenfirmen der Welt.

Internet: www.globetrotter.ch