Als Martin Bisang zum ersten Mal im grossen Stil Aktien von Gurit kaufte, war sein Optimismus grenzenlos. Einen Millionenbetrag investierte der damalige Bank-am-Bellevue-Chef Ende 2007 in den Toggenburger Kunststoffproduzenten. Damit nicht genug. Mit 6 Millionen Optionen wettete er zusätzlich auf massiv steigende Kurse.

Das erste Abenteuer vor fünf Jahren ­endete im Desaster. Die Gurit-Aktie verlor seither rund 60 Prozent ihres Werts. Es war einer der spektakuläreren Fehlgriffe des Bankers, den man in der Finanzbranche früher bewundernd den «Mann mit dem Goldhändchen» nannte.

Jetzt will es Bisang noch einmal wissen. Ende Oktober stockte er seinen Anteil bei Gurit auf und avancierte mit inzwischen 5,3 Prozent zum zweitgrössten Aktionär. Das Erstaunliche dabei: Die Aktie serbelt weiter. Vor zehn Tagen musste Gurit eine Gewinnwarnung herausgeben. Der Markt für Windenergie-Anlagen – damit für Gurits Spezial-Verbundstoffe für Rotorblätter – brach ein. Wegen der Schuldenkrise und Engpässen im Stromnetz wandern zahlreiche Windprojekte in die Schublade. Weit über das Jahresende hinaus bleiben die Aussichten düster. Nun mahnen einige Analysten zur Vorsicht. Die UBS rät gar zum Verkauf der Gurit-Papiere.

Deals unter Freunden

Doch Bisang kauft offenbar weiter zu. Investmentbanker berichten, die Bank am Bellevue erwerbe in seinem Namen Aktien. Zwar schied er letzten Frühling aus der Leitung und dem Verwaltungsrat aus. Doch noch immer ist die Verbindung zu seinem Institut eng. Seine ­private Beteiligungsgesellschaft Corso­part­ners hat Büros am Geschäftssitz der Bank in Küsnacht ZH.

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Bisang steht Gurit von jeher nahe. ­Prominenteste Verbindungsperson zum Industrieunternehmen ist Robert Heberlein. Er sass früher im Verwaltungsrat von Bisangs Bank am Bellevue. Der Anwalt der Kanzlei Lenz & Staehlin sitzt heute im Aufsichtsgremium von Gurit. Er hält zudem engen Kontakt zu Gurits Hauptaktionärin. Die Familie Huber kontrolliert den Spezial­materialkonzern mit 33 Prozent Stimmrechtsanteil bei 9,4 Prozent Kapitalanteil. Gegen die Interessen von Gurit würde ­Bisang nie vorgehen. In Geschäftsleitung und Verwaltungsrat heisst es denn auch, der Finanzmann sei ein «willkommener Aktionär». Und ohne Bisangs Intervention – so Börsenhändler – wäre der Kurs in den letzten Tagen noch tiefer gefallen.

Hektik herrscht am Gurit-Sitz in Wattwil SG deswegen nicht. «Was getan werden musste, ist nun getan», sagt Konzernchef Rudolf Hadorn zur Flaute. In China und in Kanada legte das Unternehmen letzte Woche zwei Werksbereiche still und entliess 150 Mitarbeitende. Laut Hadorn steht unmittelbar keine fundamentale Neuorientierung an. «Wir glauben weiter an die Windenergie und generell an die Verbund­stoff-Technologie», sagt er. Aber natürlich müsse man Alternativen zum Windsektor voranbringen, wenn dieser wie gegenwärtig schwächle. Gurit sei zum Beispiel im Autobereich auf guten Wegen und liefere zunehmend Carosserieteile aus Verbundstoffen. Aber es brauche einfach Zeit, bis man sich im Markt einen Ruf erarbeitet habe.

Traditionellerweise ist der gut vernetzte Bisang darüber orientiert, was in der Unternehmerwelt läuft. Was die Bank am Bellevue unter seiner Führung früher auszeichnete, waren Investitionsideen, von denen nur wenige eine Ahnung hatten. Im letzten Jahr kursierte in der Branche das Gerücht, wonach der direkte Konkurrent Schweiter aus Horgen ZH Interesse an Gurit bekunde, aber bei der Hauptaktionärin Familie Huber auf Granit stosse. Zuletzt hatte Schweiter allerdings aus eigener Kraft in das Verbundstoffgeschäft investiert und prüft gleichzeitig weitere Cash-Ausschüttungen an seine Aktionäre.

Abgeneigt für Kooperationen irgendwelcher Art ist man bei Gurit jedenfalls nicht, um in neue Geschäftsfelder vorzustossen. «Wir schliessen nichts aus bezüglich Akquisitionen und Zusammenarbeit», erklärt ­Hadorn, der früher den Berner Traditionskonzern Ascom führte. Aber kurzfristig ­bestehe bei Gurit kein Handlungsbedarf.

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Bisang will nicht kommentieren, warum er gerade jetzt Millionen in Gurit anlege. Ein anderer Gurit-Aktionär meint aber, es brauche nicht unbedingt Übernahme-Fantasie, um jetzt einzusteigen. Wenn man ein Langzeit-Investment anstrebe. Der Zeitpunkt für ein Aufstocken sei gerade nach den schlechten Unternehmensnachrichten ideal. Langfristig bleibe Gurit dank der an Bedeutung gewinnenden Wind­industrie gut aufgestellt.

Die Frau machts vor

Bisangs erstes Engagement bei Gurit endete als Flop. Die damals gekauften Optionen auf Papiere des Toggenburger Unternehmens verfielen sogar wertlos. Vielleicht sollte er sich manchmal inspirieren lassen. Wie man nachhaltig investiert, macht ihm derzeit seine Frau Mirjam Staub Bisang vor. Seit einigen Jahren führt sie ihre eigene Finanzgesellschaft. Offenbar mit Erfolg. Für 2011 wies ihre Independent Capital Management einen Gewinn von 403 765 Franken aus.

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