Im Januar 2009 waren es 20 Jahre her, dass Sie von Hans Dobiaschofsky, dem Sohn des Gründers, das Auktionshaus erwarben. Wie kam es dazu?

Marius Heer: Eigentlich eher durch Zufall. Als fleissiger Auktionsgänger erfuhr ich, dass Hans Dobiaschofsky mangels eines Nachfolgers sein Haus schliessen wollte. Im Oktober 1988 war die letzte Auktion angesagt, und das interessierte mich. Im Anschluss habe ich Hans Dobiaschofsky gegenüber mein Interesse für die Firma kundgetan; bald danach wurden wir uns handelseinig.

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Es heisst, Sie hätten «Kunst quasi mit der Muttermilch aufgesogen».

Heer: Meine Eltern, vor allem meine Mutter, waren sehr an Kunst und Antiquitäten interessiert und nahmen mich schon früh an Vorbesichtigungen und Auktionen mit. Ich fand das faszinierend und der Auktionator war für mich fast eine Art Kultfigur. Ich meinte, alles was da versteigert wurde, würde auch verkauft, und es handle sich um ein besonders lukratives Geschäft! In der Zwischenzeit musste ich einiges dazulernen.

In 20 Jahren verändert sich sehr viel. Was waren für Sie die markantesten Veränderungen im Auktionswesen?

Heer: Als ich das Geschäft übernahm, ging es mir zuerst einmal darum, die Kontinuität zu wahren. Bei der alteingesessenen Kundschaft wäre es falsch gewesen, etwas ganz Neues anfangen zu wollen. Ich musste aber wegkommen von der Kunst des 19. Jahrhunderts. Diese war Anfang der 90er-Jahre eher passé. In der Folge habe ich dann das 20. Jahrhundert und die Moderne aufgewertet.

Wie kommen Sie zu den Kunstobjekten?

Heer: Wir betreuen viele Nachlässe. Häuser und Wohnungen werden altershalber aufgegeben. Auf Anfrage beurteilen wir dann, was für eine Auktion interessant ist. Damit ist man in der Auswahl beschränkt. Wir sind auf qualitätsvolle Einlieferungen angewiesen.

Der Name Dobiaschofsky ist ein Begriff, aber ausser den Auktionsberichten geben Sie eigentlich wenige Informationen nach aussen. Weshalb diese Zurückhaltung?

Heer: Ihre Frage ist berechtigt. Aber ich wollte nach der Übernahme keine grossen Veränderungen. Auch keine Veränderung im Namen. Als Familienbetrieb besteht für uns auch keine Notwendigkeit, interne Zahlen zu kommunizieren. Unser durchschnittlicher Jahresumsatz beläuft sich auf zwischen 10 und 15 Mio Fr.

Ist Ihr Kundenkreis international oder eher schweizbezogen? Hat er sich in den letzten Jahren verändert?

Heer: Wir haben eine grosse Kundenkartei mit etwa15000 Adressen. Durch das Internet hat sich unser Kundenstamm auf der Einliefererseite und der Käuferseite noch mehr internationalisiert. Unser Umsatz verteilt sich etwa zur Hälfte auf das Ausland und die Schweiz.

Zurzeit wird sehr viel spekuliert und geschrieben über allfällige Veränderungen, welche die Finanzkrise auch im Kunstmarkt verursachen werde.

Heer: Die arrivierte Kunst, die klassische Moderne, wird in den kommenden Jahren eher noch im Wert steigen, weil davon immer weniger auf dem Markt vorhanden ist. Kunstliebhaber sind nicht unbedingt auf Finanzen fixiert. Sie setzen auf andere Werte. Deshalb denke ich, dass Objekte von guter Qualität immer ihre Käufer finden werden. Jene, die eher mit Kunst spekulieren, sind derzeit wohl vorsichtiger. Bei der zeitgenössischen Kunst, die unser Haus aber weniger touchiert, ist die Gefahr, dass die Finanzkrise Schaden anrichtet, viel grösser.

Es heisst, dass sich derzeit das Einkaufsverhalten von Sammlern verändere. Manche geben an, das sie vermehrt bei kleineren Häusern einkaufen und dies erheblich günstiger. Was ist Ihre Meinung?

Heer: Die grossen Auktionshäuser stehen in einem Konkurrenzkampf, was unter anderem darin zum Ausdruck kommt, dass sie ihre Schätzpreise entsprechend ansetzen. Ein Einlieferer bevorzugt dann natürlich den höheren Schätzpreis - obwohl dies nicht unbedingt für einen guten Verkaufserfolg massgebend ist. Während einer gewissen Zeit steigen dann die Auktionspreise, bis ein Punkt erreicht wird, wo viele Lose unverkauft bleiben. Dann gehen die Schätzpreise wieder hinunter. Einlieferer, die solche Erfahrungen machen, kommen dann vermehrt zu uns und erwarten eine realistischere Schätzung ihrer Objekte.

In den 90er-Jahren wurden bei Ihnen hauptsächlich Werke in der Preiskategorie zwischen 5000 und 80000 Fr. verkauft. Wo liegt das Preisniveau heute?

Heer: In den letzten Jahren hat sich die Zahl der angebotenen Objekte praktisch verdoppelt, umsatzmässig hat eine Vervierfachung stattgefunden. Natürlich sind auch wir bestrebt, mehr und gehaltvollere Objekte zu erhalten, wodurch sich das Preisniveau erhöht hat.

Der Markt für klassische Moderne und auch für Schweizer Kunst des 20. Jahrhunderts ist recht ausgetrocknet. Wie sieht das bei Ihrem Angebot aus?

Heer: Dank unseren Einlieferern kommen wir vielfach in Privathäuser, deren Sammlungen noch intakt sind. Diese erweisen sich häufig als wahre Fundgruben. Bei uns findet man auch Werke von Malern, die in den grösseren Auktionshäusern noch nicht so Eingang gefunden haben.

Lange war Dobiaschofsky ein Publikumsmagnet für Liebhaber der Kunst des 19. Jahrhunderts. Jetzt ist diese Epoche wieder im Kommen. Wie sehen Sie das?

Heer: Kunst hat viel mit Zeitgeist und Modetrends zu tun. Vielleicht beruht ein heutiger Trend wieder auf einer Rückbesinnung auf Werte, die gestalterisch andere Qualitäten haben als die Strömungen der Gegenwartskunst. Das 19. Jahrhundert hat eine sehr grosse künstlerische Bandbreite. Da muss man die Spreu vom Weizen zu trennen wissen.

Was wünschen Sie sich für Ihr Haus in den kommenden Jahren?

Heer: Kontinuität ist mir sehr wichtig. Die Pflege des Kundenkreises, der sich bei uns wohl fühlt, bleibt deshalb ein grosses Anliegen. Ich bin mir aber bewusst, dass wir vermehrt ein jüngeres Publikum ansprechen müssen. Das gelingt uns bereits sehr gut mit moderner Grafik und Plakaten. In diesen Gebieten haben wir uns bereits einen respektablen Platz erarbeitet.