Welches Image besitzt die Schweiz in Thailand?

Botschafter Hans-Peter Erismann: Ein sehr gutes, erklärbar mit zwei Hintergründen, einem historischen und einem gegenwärtigen. Die Mitglieder des thailändischen Königshauses pflegten enge Beziehungen zur Schweiz. König Bhumibol Adulyadej verbrachte zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder, beide in der Zwischenzeit verstorben, sowie seiner Schwester 17 wichtige Jahre seiner Jugend in der Schweiz. Das ist in den Köpfen der stark Königshaus fokussierten Thailänder hängen geblieben, zumal sie glauben, dass das moralische, ethische Verhalten des Königs auf seinen Erfahrungen in der Schweiz beruht.

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Und der zweite, der aktuelle Hintergrund?

Erismann: Man weiss um die Vorteile der Schweiz, ihren demokratischen Aufbau, ihre Rolle im internationalen Kontext und nicht zuletzt auch um ihre landschaftlichen Schönheiten. Die Schweiz gilt in Thailand als eines der beliebtesten Reiseziele.

Kennen Sie genauere Zahlen?

Erismann: Leider nicht, weil es seit einigen Jahren möglich ist, mit einem Mehrfach-Schengen-Visum in die Schweiz einzureisen. Wir gehen von jährlich gegen 50000 Schweiz-Reisenden aus.

Thailands Botschafter in der Schweiz, Pradap Pibulsonggram, spricht gar davon, die Schweiz besässe für Thailand Vorbildrolle.

Erismann: Das hängt damit zusammen, dass fortschrittlich orientierte Thai dem Modell Schweiz Beachtung schenken und meinen, verschiedene Aspekte, so das Zusammenleben ethnisch verschiedener Gruppen, die Pressefreiheit oder das demokratische System, würden sich zu übernehmen lohnen.

Poliert die Hilfe der Schweiz nach der Tsunami-Katastrophe das Image der Schweiz zusätzlich?

Erismann: Die Hilfe der Schweiz wird zur Kenntnis genommen, allerdings nur von einem kleinen Teil der hiesigen Bevölkerung. Primär wissen die in der Katastrophenhilfe, der Krisenbewältigung und im Wiederaufbau engagierten Kreise um die Unterstützung aus der Schweiz.

Das tönt ernüchternd ...

Erismann: Nein, die Direkthilfe der Schweiz auf den Inseln Ko Kho Khao und Ko Phra Thong wird von Premierminister Chinnawatals Thaksin als mustergültige Aktion mit Vorbildcharakter eingestuft. Das wurde von den Nicht-Regierungsorganisationen und von den Hilfswerken positiv und imagefördernd für die Schweiz aufgenommen.

Was sind die bisherigen Erfahrungen?

Erismann: Die Hilfe zur Selbsthilfe bewährt sich. Wir sorgen dafür, dass Fischergemeinschaften, die beim Tsunami alles verloren haben, wieder eine Basis für ein selbstständiges Leben aufbauen kön-nen.

Spüren Sie die Bestrebungen Thailands, sich wirtschaftlich zu öffnen?

Erismann: Überall, vor allem in den Bemühungen, ausländische Investoren für Thailand zu finden. Dieses Vorhaben gelingt in zunehmendem Masse, aktuell schwergewichtig in der Zulieferindustrie für den Automobilbau, auf dem Hightech-Sektor und auf der Verarbeitung landwirtschaftlicher Güter.

Thailand fährt eine Dual-Track-Strategie, will sowohl die einheimische Wirtschaft über Investitionsprogramme ankurbeln wie auch mit Ansiedlungen die internationale Wettbewerbsfähigkeit und damit die Exporte steigern. Ist diese Ausrichtung erfolgreich?

Erismann: Ja, zudem gibt es das Modell, dass sich jedes Dorf auf eine handwerkliche Fertigkeit spezialisiert. Das hat zu wesentlich besserer Qualität der Produkte sowohl für das In- wie das Ausland geführt. Das reicht von der kleinsten geschnitzten Seife bis hin zu Möbeln.

Welche Rolle spielen Schweizer Investoren?

Erismann: Schweizer Firmen haben ein generelles Interesse, in Asien und damit in den Zukunftsmärkten zu investieren. Sie sind deshalb von allen Ländern stark umworben, die Konkurrenz spielt.

Wer investiert?

Erismann: Die ganze Palette der Schweizer Wirtschaft, selbst KMU eröffnen hier Standorte. Südlich von Hua Hin läuft unter der Leitung des Schweizers Paul Somm ein Ansiedlungsprojekt. Vier KMU haben sich dort angesiedelt, produziert werden unter anderem Plastikboote und elastische Kabel.

Wie steht die Schweiz als Investor im internationalen Vergleich?

Erismann: Wir pendeln zwischen den Positionen acht und zehn.

Weshalb soll ein Schweizer Unternehmen in Thailand investieren?

Erismann: Sehr viele Schweizer Firmen lernten in der Vergangenheit die Vorteile Thailands kennen, vorausgesetzt, die Betriebe werden professionell geführt. Die Thailänder arbeiten exakt und zuverlässig.

... und auch günstig ...

Erismann: Die Lohnvorteile liegen heute eher bei anderen südostasiatischen Ländern, beispielsweise in China.

Wo drückt Schweizer Firmen in Thailand der Schuh?

Erismann: Aus unseren Umfragen und den jährlichen Besuchen von Schweizer Delegationen wissen wir, dass nur selten Beanstandungen an uns herangetragen werden. Klagen sind selten, es läuft gut.

Ist das nicht blauäugig?

Erismann: Die Administration könnte noch etwas vereinfacht werden. Und dem Schutz von Marken und des geistigen Eigentums müsste, besonders aus der Sicht der schweizerischen Pharma- sowie der Uhrenindustrie, in Thailand zusätzliche Bedeutung beigemessen werden.

Wie sehen Sie die Ausgangslage für die Schweizer Banken in Thailand?

Erismann: Die Schweizer Banken sind daran, ihre Position im Private Banking zu verstärken, das geschieht zum Teil von Bangkok aus, aber auch aus Singapur und Hongkong. Die Präsenz im Banking wird laufend besser.

Wer ist von den Schweizer Banken in Thailand vor Ort?

Erismann: Die beiden Grossen, die UBS und die CS.

Ein Thema in der Schweiz ist der «Heiratstourismus». Belastet dieser das Verhältnis zwischen der Schweiz und Thailand?

Erismann: Diese Frage muss pragmatisch angegangen werden. Fundamental ist das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. In Thailand leben ungefähr 48% Männer und 52% Frauen, es gibt also einen deutlichen Frauenüberhang. Dieser trifft auf eine bestimmte Nachfrage. Dazu kommt die Armut in nordöstlichen oder nördlichen Regionen Thailands. Frauen von dort haben verschiedene Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten. Zudem sind die Moralbegriffe unterschiedlich zu jenen westlicher Länder. Durch die Verheiratung wird in den meisten Fällen auch die Zukunft der Familie der Frau gesichert. Und noch eine Nebenbemerkung sei erlaubt: Die Scheidungsrate zwischen schweizerisch-thailändischen Ehen unterscheidet sich nicht von jener rein schweizerischer Verbindungen.



Botschafter in Bangkok: Steckbrief

Name: Hans-Peter Erismann

Funktion: Seit 2001 und noch bis Ende Januar 2006 Schweizer Botschafter in Thailand (Bangkok)

Alter: 64

Ausbildung: Dr. der Wirtschaftswissenschaften Uni St. Gallen

Familie: Verheiratet, zwei erwachsene Töchter

Karriere: Seit 1971 im diplomatischen Dienst