Hans Ziegler sitzt mit seiner Tochter an der Modeshow von Charles ­Vögele in der ersten ­Reihe. Die Modekette ist Hauptsponsor der ­Fashion Days in Zürich. Es ist Anfang ­November, Ziegler ist seit zwei Monaten Verwaltungsratspräsident von Charles ­Vögele. Ziegler und seine Tochter lachen, kommentieren die Mode und die Models und klatschen. Wenig später entscheidet der Verwaltungsrat von Charles Vögele, sich als Hauptsponsor der Fashion Days zurückzuziehen. Ziegler und seine Kollegen kamen zum Schluss, sich künftig auf das operative Geschäft zu konzentrieren. Als Privatperson amüsiert sich Ziegler. Als Sanierer rechnet er.

Ziegler hetzt seit Jahren von Auftrag zu Auftrag, saniert eine Firma nach der anderen. Jetzt holt ihn seine Vergangenheit ein. Rolf Erb schiebt ihm die Schuld für den Zusammenbruch der Erb-Gruppe in die Schuhe. In Winterthur läuft der Prozess im Fall Erb. Ziegler war 2003 auf Wunsch von Erb angetreten, um das trudelnde Firmenkonglomerat zu retten. Rasch kam er zum Schluss, die Erb-Gruppe sei nicht mehr zu retten. Ziegler leitete den Verkauf der einzelnen Firmenteile ein und besiegelte damit das Ende der Firma.

Ziegler ist ein diskreter Mann, der nicht gerne im Rampenlicht steht. «Ich wünsche kein Porträt über mich und stehe nicht für ein Treffen zur Verfügung», schreibt er kurz vor Mitternacht in einer E-Mail an die «Handelszeitung». Just an diesem Abend läuft im Schweizer Fernsehen ein Dokumentarfilm mit dem Titel «Der Zusammenbruch – Wie die Familie Erb Milliarden verdiente und wieder verlor». Darin werden harte Vorwürfe gegen Ziegler erhoben. Ging Ziegler in der Erb-Gruppe zu schnell vor? War er zu wenig mit den komplexen Strukturen des Firmenimperiums vertraut? Von aus­sen lassen sich diese Fragen derzeit nicht beantworten.

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Manager, Verwaltungsratskollegen und Investoren, die Ziegler kennen, zeichnen alle ein ähnliches Bild von ihm. Sie nennen das schnelle Denken und die Entscheidungsfreudigkeit als seine ausgeprägtesten Eigenschaften.

Unternehmer und Turnaround-Experte

Selbst Manager, die einst eine andere Position als er vertraten, loben ihn. «Er ist eigentlich kein Sanierer, der die Kosten senkt, um möglichst schnell eine schwarze Null zu erzielen, sondern ein Businessman, ein Unternehmer, der die Firma vorwärtsbringen will», sagt ein Kadermann. Ziegler gilt als unkompliziert, offen und humorvoll. «Er ist kein Mann, der polarisiert», sagt ein anderer. Investor Tito Tettamanti hält Hans Ziegler für einen exzellenten Unternehmer, einen Turnaround-Experten, der scharfsinnig und wenn nötig hart sein kann, ohne die Kulanz des geschickten Verhandlers zu verlieren.

Ziegler sieht zwar aus wie eine Mischung aus Professor Bienlein aus der Comic-Serie «Tim und Struppi» und Walter Roderers Buchhalter Nötzli. Er sei aber kein reiner Erbsenzähler, sagt jemand, der eng mit ihm zusammenarbeitete. «Sein Charme und Humor zeigen sich erst im ­direkten Kontakt und bei seinen Auftritten an Generalversammlungen.» Er höre sehr gut zu, hole alle Meinungen ab. «Am Schluss entscheidet er rasch, aber ohne dass sich jemand übergangen fühlt», erklärt ein Verwaltungsratskollege. Privat zeigte sich der Vater von fünf Kindern jüngst beschwingt auf der Tanzfläche am Kispiball, dem Wohltätigkeitsball zugunsten des Kinderspitals Zürich.

«Selber ein Restrukturierungsopfer»

Ziegler selber kann sich mit dem Bild des knallharten Sanierers nicht identifizieren, wie er einst der «Handelszeitung» erklärte. Schon die Bezeichnung Sanierer widerstrebt ihm – lieber wäre ihm «Lösungssucher für Firmen in Schwierigkeiten».

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Die Karriere des 1952 geborenen Ziegler begann in Wald im Zürcher Oberland. Der Sohn eines Schreiners absolvierte eine kaufmännische Lehre in der Gemeindeverwaltung. Berufsbegleitend bildete er sich weiter zum Systemanalytiker und ­Betriebsökonomen. Nach einer Anstellung bei der SBG arbeitete er für Ericsson und für Alcon Pharmaceuticals in Dallas. 1988 ging er als Finanzchef zur Usego-Waro-Gruppe, später zum Globus-Konzern. Ins Sanieren ist er reingeschlittert. «Ich bin selber ein Restrukturierungsopfer», sagte Ziegler einst in einem Interview. Er verlor seinen Job als Finanzchef der Usego-Waro-Gruppe, als sie unter die Kontrolle von Karl Schweri kam.

Als Interdiscount 1996 vor dem Kollaps stand, wurde er als Finanzchef an Bord ­geholt. Dort lieferte er sein Gesellenstück als Sanierer. Er verkaufte Interdiscount Schweiz an Coop, das Frankreich-Geschäft an die Porst-Gruppe und den Aktienmantel der Heim-Elektronik-Firma an Alexander Falk, der diesen in Distefora umbenannte. Seither engagierte sich Ziegler bei zahlreichen Firmen wie etwa Complet-e, Elma, Schlatter oder Epa. Nach wie vor ist er Verwaltungsratsmitglied von Swisslog, Charles Vögele und Oerlikon.

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Sein Engagement bei OC Oerlikon war eine seiner grössten Herausforderungen. Als er einstieg, stand entweder eine Refinanzierung der hoch verschuldeten Firma an oder eine Zerschlagung und ein Verkauf der wertvollen Firmenteile. Doch Käufer waren nicht in Sicht. Ziegler blieb nur übrig, Grossinvestor Viktor Vekselberg und die Banken von seiner Strategie zu überzeugen. Der Konzern wurde gerettet.

Probleme bei Schlatter

Dennoch ist es schwierig, eine Erfolgsbilanz zu ziehen. Wie viel trägt sein Wirken an der Entwicklung eines Unternehmens bei? Was wäre ohne sein Eingreifen wirklich geschehen? Kritische Stimmen gab es immer wieder, etwa nach seinem Engagement beim kriselnden Schweissanlagenhersteller Schlatter. Dort übernahm Ziegler 2006 das Verwaltungsrats­präsidium. Die Investoren reagierten mit Begeisterung, zeitweilig schnellte der Börsenkurs auf 600 Franken. Doch das Feuerwerk war schnell vorbei. Als Ziegler Mitte 2010 abtrat, war der Aktienkurs um die Hälfte gesunken, heute ist der Titel noch ein Drittel wert.

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Das Jahr 2011 schloss die Firma mit Verlust ab. Um zu überleben, musste sie eine Kapitalerhöhung durchführen. Das legen manche Beobachter Hans Ziegler zur Last. Er habe es verpasst, zur richtigen Zeit Wachstumsimpulse zu setzen. Die «Finanz und Wirtschaft» griff ihn vor gut einem Jahr in einem anonymen Börsenkommentar scharf an. Es sei erstaunlich, dass sich kein Investor über den Geschäfts­gang bei Schlatter aufrege – und dass Ziegler noch immer den Ruf eines «Profi-Sanie­rers» geniesse.

Investoren und Firmeninsider sehen das anders. «Die Kapitalerhöhung wurde nicht darum nötig, weil Hans Ziegler zuvor versagt hatte», betont ein Teilhaber. «Schlatter machte unter Ziegler starke operative Fortschritte.» Doch die Firma konnte trotz Aufschwung keine Reserven bilden – und habe darum die Auswir­kungen der Finanzkrise voll zu spüren bekommen. «Kaum war das überstanden, musste Schlatter die Kosten wegen des ­hohen Frankens gleich nochmals senken.»

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Ein anderer Insider meint, wenn der Umsatz einer Firma wegen der Krise um die Hälfte einbreche, könne man nicht eine einzelne Person dafür verantwortlich machen. Die Krise habe auch die Konkurrenz getroffen, Schlatter habe keine Marktanteile verloren. Ziegler selber erklärt, dass Schlat­ter zuerst «operationell restrukturiert werden musste». Mehr will er zu ­seinem Engagement bei der Firma nicht sagen.

Für Rückblicke bleibt ihm ohnehin kaum Zeit. Derzeit ist er bei der trudelnden Charles Vögele gefordert. Nach dem abrupten Abgang von Firmenchef André Maeder Anfang September unterstützte er den neuen Chef Frank Beeck eine Zeit lang mit einem 50-Prozent-Pensum. Gleichzeitig übernahm er das Amt des Verwaltungsratspräsidenten. Zusammen mit dem Verwaltungsrat und dem Management hat er die Strategie von Vögele erneut geändert. Jetzt geht es wieder zurück zu den Wurzeln. Die Modekette setzt wieder auf eine bodenständigere, ältere Kundschaft. Dass er mit dieser Strategie den Turn­around der gebeutelten Modekette in einem mehr als gesättigten europäischen Bekleidungsmarkt erzielt, ist eher unwahrscheinlich. Aber wenn die Aufgabe einfach wäre, hätte man Ziegler nicht an Bord geholt.

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Der Erb-Prozess wird für die weitere Karriere von Hans Ziegler als Profi-Sanierer entscheidend sein. Entweder erweist sich seine Zerschlagungsstrategie als richtig und er geht gestärkt hervor – oder sein Saubermann-Image kriegt Risse.

 

Richtigstellung: Im Lead dieses Artikels war in der vorherigen Version zu lesen, Hans Erb hätte Hans Ziegler zur Erb-Gruppe geholt. Tatsächlich handelte es sich um Rolf Erb und nicht um Hans Erb. Wir bitten Sie, diesen Fehler zu entschuldigen.