Werktags, Punkt 8 Uhr, steigt der Blutdruck bei den Pressechefs von Credit Suisse, UBS, Bär und Raiffeisen. Dann stellt Bank-Blogger Lukas Hässig seinen Artikel auf die Plattform «Inside Paradeplatz». Auch am 21. Oktober 2015. Wie oft in der Vergangenheit schiesst Hässig eine Breitseite gegen die Credit Suisse ab. Diesmal hat er CEO Tidjane Thiam im Visier. Der Titel der Story lautet «Thiam sticht der CS ins Herz». Thiams Plan, die Schweiz-Aktivitäten der Grossbank an die Börse zu bringen, um so neues Kapital einzusammeln, fällt im Blog durch: «Der Plan ist fast schon ein Ganovenstück erster Güte.»

Aufgeregte Telefonanrufe der Pressestelle folgen, geharnischte E-Mails, es wird gedroht und gefeilscht. Um 9 Uhr 36 passt Hässig den Titel an. Nun «sticht» Thiam nicht mehr ins Herz der Bank, jetzt wird bloss noch «das Herz verkauft». Auch das heikle Wort «Ganovenstück» wird getilgt und zum «Gesellenstück» abgeändert. Schliesslich wird die Behauptung «Mit Thiam haben die Araber ihren Mann für den nächsten Reibach eingesetzt entschärft.» Neu steht im Blog: «Mit Thiam haben die grossen Anteilseigner ihren Mann eingesetzt.» Mit Anteilseignern sind der katarische Staatsfonds und der saudische Olayan-Clan gemeint, die CS-Grossaktionäre sind.

Die Breitseite hat Folgen. Der Beitrag über Thiam und den Börsengang ist der Auslöser einer Klage, welche die Bank am 9. November gegen Hässig einreicht.

Fehlanzeige beim neuen Kapital

Nicht nur der Thiam-Artikel stösst den CS- Anwälten sauer auf. Eine Woche zuvor hatte Hässig die Credit Suisse mit der Fifa («ein korrupter Verein») gleichgestellt und CS-Präsident Urs Rohner mit Fifa-Chef Joseph Blatter verglichen («Urs wie Sepp»). Zur Weissglut brachte die Banker auch ein Artikel Ende Oktober. Damals hatte die CS angekündigt, sie werde zwei Aktienkapitalerhöhungen aufgleisen. Bevor man den Kapitalmarkt adressiert hatte, war das Urteil im Blog gemacht: «Rohner kriegt das Kapital nicht zusammen.» Eine Fehlanzeige, wie sich bald zeigte. Anfang Dezember schloss die Bank die Kapitalerhöhung erfolgreich ab.

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Nicht nur gegen «Inside Paradeplatz»-Artikel klagt die Bank, auch gegen einen «Tages-Anzeiger»-Beitrag geht die CS juristisch vor. Das Finanzinstitut klagt wegen möglicher Geschäftsschädigung und Persönlichkeitsverletzung.

Beide Parteien äussern sich nicht zum Fall

Der Zoff vor Gericht ist aussergewöhnlich. Normalerweise wird hinter den Kulissen über kritische Zeilen gestritten. Diesmal aber trifft man sich vor dem Zürcher Handelsgericht, das als medienkritisch gilt. Für Autor Hässig geht es ums Eingemachte: Die von der Credit Suisse beauftragten Juristen – Peter Hafner und Andrea Meier von der Kanzlei Wartmann & Merker – bezifferten den Streitwert auf 100'000 Franken, doch das Handelsgericht erhöhte auf 500'000 Franken. Weder Hässig noch die Credit Suisse äussern sich zum Fall.

«Inside Paradeplatz» gehört zu den bestgelesenen Bank-Blogs der Schweiz. Zwischen 8 und 9 Uhr rufen bis zu 13'000 Bankangestellte die Website auf und freuen sich, wenn ihre Chefs der Unfähigkeit, der Bereicherung, der Raserei oder Seitensprüngen bezichtigt werden. Zimperlich ist Hässig im Blog nie, grob ist die Sprache. Dass diverse Konzernchefs «ihre Bank an die Wand fahren», ist der Standard. Oft folgt der Plot dem simplen Muster: Oben wird abkassiert und gemauschelt, unten gespart und entlassen.

Capt'n Schettino

Auch Notenstein-Chef Adrian Künzi geriet schon in die digitale Wasserwalze. Seine Expansionsstrategie, las man bei «Inside Paradeplatz», tauge wenig bis nichts. Das Urteil über Künzi: «Wie bei einer Goldküsten-Gattin auf wilder Shoppingtour brennen dem Notenstein-Chef die Sicherungen durch.» Statt zu klagen, schickte der Angeschossene dem Autor ein Buch mit persönlicher Widmung. Anders reagierte Pierin Vincenz, damals Raiffeisen-Chef, als ihn der der Finanz-Blog als «Capt'n Schettino des Swiss Banking» betitelte. Ehrverletzend fand er den Vergleich mit Kapitän Francesco Schettino, der damals das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia und das Leben von 32 Passagieren zerstört hatte.

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Nach Intervention vom Raiffeisen-Pressechef, vom externen PR-Berater und vom Hausjuristen wandelte sich Vincenz im Blog vom «Capt'n Schettino» zum «Capt'n Sorglos». Es ist ein tägliches Katz-und-Maus-Spiel. Um 8 Uhr wird behauptet und gekeilt, anschliessend um Fakten und Buchstaben gerungen. Korrigiert wird – wenn überhaupt – erst ab 9 Uhr, doch bis dann hatten die Website-Besucher längst ihr Gaudi. Unter ihnen sind viele Frustrierte aus der Finanzwelt, die in anonymisierten Kommentaren ihre Vorgesetzten mit Spott und Häme überschütten.

Ist CEO Thiam Auslöser der Klage?

Weshalb im November die Stimmung in der Bank gegen den Blogger kippte, ist unklar. Beobachter verweisen auf den aggressiveren Ton und die Häufung halbgarer CS-Stories, andere sehen den CEO-Wechsel von Brady Dougan zu Tidjane Thiam als Auslöser der Klage.

Nicht alle freuts. Anfang Jahr suchte die Bank das Gespräch mit Hässig, um eine aussergerichtliche Einigung auszuloten. Ein halbes Dutzend Artikel sollten vom Netz verschwinden und der künftige Umgang zwischen der geplagten Pressestelle und ihrem nicht gerade pflegeleichten Kunden formalisiert werden. Die Geheimverhandlungen wurden im Frühling ergebnislos abgebrochen und Stillschweigen vereinbart. Nun trifft man sich im August vor dem Richter – voraussichtlich.

Finanzjournalist Hässig schreibt regelmässig für den Tages-Anzeiger und Der Bund, bis Herbst 2015 schrieb er auch für die Handelszeitung.