Wenn sich deutsche Online-Schnäppchen-jä­ger auf Sellpy.de durch Zigtausende Se­cond­hand-­Kleider klicken, dann steht da kein «H» und auch kein «M». Trotzdem steckt sehr viel H&M drin im Online-Gebrauchtkleiderportal. 70 Prozent, um genau zu sein.

Seit 2015 ist der Fast-Fashion-Mode­riese bei Sellpy investiert und zeichnet mittlerweile als Hauptaktionär beim schwe­dischen Secondhand-Portal. Dies über den Venture-Capital-Arm von H&M, der sich Co:Lab nennt. Vor wenigen Tagen wurde Sellpy in Deutschland lanciert; auf der Plattform sind bereits über 200'000 Teile ausgeschrieben. Das Portal kümmert sich um Belange wie Überprüfung, Bewertung und Fotografieren der Teile, beschreibt die Artikel, wickelt Zahlung, Lieferung und allfällige Rückgaben ab. Dabei lebt Sellpy von einer Kommission, die unterschiedlich hoch ausfallen kann.

Was in Deutschland seit wenigen Tagen erstmals erprobt wird, könnte dereinst auch in der Schweiz lanciert werden: «Wir hoffen, dass wir unseren Kunden diese Secondhand-Online-Plattform in Zukunft auch in der Schweiz anbieten können», sagt H&M-Schweiz-Sprecherin Sileia Urech. Das klingt wohl deshalb noch etwas vage, weil grosse Lancierungen in der Regel vom Hauptsitz in Stockholm gesteuert werden.

«Pre-loved» statt Secondhand

Urech glaubt, dass die Konsumenten bereit sind für einen Secondhand-Modehandel im grösseren Online-Stil: «Wir sehen, dass das Bewusstsein und die Nachfrage unserer Kunden nach nachhaltiger Mode ständig wächst und heute wahrscheinlich grösser denn je ist.»

Dass sich ein Mode-Champion wie H&M, der Designabläufe, Lieferketten und preisliche Effizienz fest im Griff hat, für den Handel gebrauchter Teile interessiert, irritiert zunächst. Tatsächlich aber hat der Fast-Fashion-Gigant ein gutes Gespür, wenn er zusätzlich zum hoch getakteten Verkauf von Neuware auf langsa­mere Mode setzt.

Zum einen kann der Konsumgigant damit bei der jüngeren Generation punkten, die sich für Themen wie Kreislaufwirtschaft und Konzepte gegen Verschwendung interessiert. Zum andern kann das durchaus schick sein, denn Handel und Erwerb von gebrauchten Kleidern haben viel vom Offline-Muff vergangener Tage verloren. Was sich auch verbal manifestiert: Statt von «gebrauchten Kleidern» sprechen Fashionistas heute lieber von «pre-loved». Das Motto: Einst heiss geliebte Teile werden weiterverkauft – am liebsten zu einem heissen Preis. Letzteres kann eine wichtige Rolle spielen in der herrschenden Pandemiezeit, welche in vielen Volkswirtschaften das Ausgabeverhalten beeinflusst.

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Sellpy-Tasche: In diese packen Verkäufer rein, was über die Plattform raus soll.

Das Geschäft mit alten Klamotten ist aber nicht nur aus Kundensicht, sondern auch aus der Perspektive von Händlern attraktiv. Nur schon deshalb, weil sich so am lebendigen Beispiel beobachten lässt, wie gefragt die Teile der Konkurrenz sind. Auf Sellpy.de beispielsweise werden auch massenhaft Klamotten vom H&M-Erz­rivalen Zara angeboten.

Die Online-Resterampe

Kommt dazu: Sollte der stationäre Handel aufgrund der Pandemie weiterhin Schwierigkeiten haben, seine hohen Mietkosten einzuspielen, dann eignen sich Online-Tummelfelder optimal für Riesen wie H&M. Gut möglich, dass Secondhand-Portale dereinst auch als Online-Resterampe für ungetragene H&M-Teile dienen könnten, die sich in der Innenstadt als Laden­hüter entpuppten und so nur sehr wenig «Pre-Love» erfahren haben.

Bevor Sellpy in der Schweiz starten könnte, wäre wohl eine grössere Marktsondierung notwendig. Diese, sagt Urech, sei noch nicht angestossen worden. Dafür ist etwas anderes bereits geschehen, das zwingend zu jeder Online-Initiative gehört: Zu Jahresbeginn haben die Schweden eine Online-Domain registrieren lassen. Sie heisst Sellpy.ch.

H&M und Corona: Kurve einigermassen gekriegt

Covid-19 trifft auch H&M hart. Das zeigen die Halbjahreszahlen: Der Gruppenumsatz tauchte um 23 Prozent. Dies vor allem wegen der Lockdowns, der die H&M-Shops in vielen Ländern lahmlegte. Die Börse nahm das zu Beginn der Krise per Kurssturz vorweg, seither erholte sich die H&M-Aktie wieder ein wenig.

Aktienkurs von H&M

Aktienkurs von Hennes & Mauritz in Schwedischen Kronen.

Hier gehts zur interaktiven Grafik auf cash.ch.

Quelle: Cash.ch

H&M Schweiz kam besser durch die Krise als andere Ländermärkte. Oder weniger schlecht. Das Halbjahresumsatzminus betrug hier 6 Prozent. H&M Schweiz führt dies unter anderem auf verstärkte Online-Verkäufe zurück. Man sei nun froh um die Digital-Investitionen der letzten Jahre. Zum Online-Anteil schweigt das Unternehmen. Die Beratungsfirma Carpathia schätzt die Online-Verkäufe 2019 von H&M Schweiz auf knapp 50 Millionen Franken, was rund 10 Prozent des Jahresumsatzes entspricht.