Auch wenn einem der Professor väterlich auf die Schulter klopft mit den wohlmeinenden Worten, dass ein guter Hochschulabsolvent auch im trüben wirtschaftlichen Umfeld gute Chancen habe, sieht die Realität heute anders aus. Die Euphorie der 90er Jahre für umworbene High Potentials und kluge Köpfe ist merklich abgeklungen. Die meisten Firmen halten sich mit Neuanstellungen zurück, reagieren flexibler, quasi just in time, auf neuen Bedarf und bauen keinen «akademischen Vorrat» auf.

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Heute ist Arbeitgeberzeit im Bewerbungsmarkt. Stark gestiegene Spontanbewerbungen, auffallend häufige Internet-Stellensuchende, bis zu 200 Bewerbungen auf Inserate sprechen Klartext. Gesucht wird der Absolvent bzw. die Absolventin, die die stark gestiegenen, oft äusserst komplexen Anforderungen am ehesten erfüllt und gleichzeitig Entgegenkommen bei Salär-, Job- und Arbeitsort-Fragen zeigt.

Unternehmen, die heute Ökonomen, Juristen oder Informatiker suchen, stellen in der Regel auch nur solche an. Das sah vor ein paar Jahren noch anders aus: An Rekrutierungsveranstaltungen umwarben vor allem die Banken nicht nur Ökonomen, Juristen oder Informatiker. Gefragt waren auch Physiker, Theologen und Psychologen. In der offiziellen Lesart waren das je nach Fantasie der Personalverantwortlichen «mutige Querdenker», «scharfe Analytiker» oder «Sozialexperten». In Wirklichkeit war es wohl mehr der ausgetrocknete Arbeitsmarkt, der sie zu exotischen Anstellungsverträgen beflügelte.

Die seit 15 Jahren jährlich von der ETH PolyContact durchgeführte Veranstaltung «Forum& Contact Days» profitierte noch vor zweieinhalb Jahren vom Boom und dem Glauben an eine rosige Zukunft. Ein Vergleich mit sechs Firmen, die daran teilnahmen und der «HandelsZeitung» weitere Auskünfte gaben, zeigt den Abwärtstrend:

Credit Suisse Financial Services suchte an der Forum 2001 etwa 450 Absolventen und rund 150 Studierende. Im Augenblick ist bei der Grossbank von 200 Career-Startplätzen die Rede. Die Medienverantwortliche Nicole Sabine Pfister erklärt, dass aufgrund der derzeitigen Arbeitsmarktsituation die Hoch- und Fachhochschulabsolventen im «Career Start» im Vergleich zu früheren Jahren länger im Programm bleiben.

KPMG suchte vor zwei Jahren 125 bis 150 kluge Köpfe, 2003 ist die Zahl auf 60 bis 100 zurückgegangen. PricewaterhouseCoopers will 150 neue akademische Mitarbeiter engagieren, 2001 waren es noch 200 bis 300.

Stark zurückgegangen ist die Nachfrage auch bei UBS Schweiz: Von 300 vor zwei Jahren ist der Anspruch für 2004 auf rund 120 geschrumpft weltweit lockt UBS jedoch mit 430 Stellen. ABB Schweiz umwarb an der PolyContact-Veranstaltung 142 Absolventen. In der aktuellen Umfrage ist die Rede von 30 bis 40.

Bei der Auswahl der Hochschulen orientieren sich die meisten Arbeitgeber jedoch nicht wie oft vermutet am neuen SwissUp-Ranking. Dort können sich seit kurzem Studierende und Arbeitgeber über die Qualität von 12 schweizerischen Hochschulen informieren. Eine bestimmte Hochschule sei noch kein Garant für die «richtige» Besetzung der Stelle, lässt Swisscom-Pressesprecher Sepp Huber wissen.

Die UBS kennt ebenfalls innerhalb der anerkannten Unis und Fachhochschulen kein Ranking. Bei KPMG beobachtet man die Hochschulrankings aufmerksam, «ohne jedoch deren Aussagekraft überzubewerten», sagt Stefan Mathys von KPMG Corporate Communications. Bei Migros wird eher auf die Studienausrichtung und Laufbahnzielsetzungen als auf Rankings geachtet, betont Mediensprecher Urs Peter Naef.

Die Ciba Spezialitätenchemie räumt dagegen ein, dass gute Kontakte zu mehreren Schweizer Hochschulen wie z.B. ETH Zürich und Hochschule St. Gallen dem Unternehmen bei der Rekrutierung zugute kommen. PWC umwirbt die meisten Studentinnen und Studenten an den Universitäten Zürich, St.Gallen und der HEC Lausanne, da von dort viele BWL- und Jus-Studenten abgehen. Für Dina Bianchi von PricewaterhouseCoopers ist die Wahl der Universität auch deshalb eher zweitrangig, weil sich viele Studenten einen Wegzug vom Elternhaus schlichtweg nicht leisten können.

Resignation greift um sich

Beim akademischen Nachwuchs gehören inzwischen Kompromisse bei den meisten Bewerbungsgesprächen zum Alltag. Hochschulabsolventen sind «realistischer in ihren Erwartungen an die erste Arbeitsstelle geworden», teilt Jasmin Sigrist von der Kommunikation Schweiz der Ciba mit. Je weniger Vakanzen, desto höher die Bereitschaft zu gewissen Einschränkungen, heisst es auch bei Siemens. «Der Verdienst steht nicht mehr im Vordergrund», ist von Peter Keller, Leiter Personal und Ausbildung national bei Coop, zu hören.

Die Personalverantwortlichen der Bâloise glauben sogar, eine gewisse Resignation bei Bewerbern feststellen zu können. Auf Grund der Wirtschaftlage seien diese im Hinblick auf Arbeitsort, Lohn und Anstellungsbedingungen flexibler geworden. Wer zur Zeit bei KPMG Karriereträume verwirklichen will, passt sich der Realität mangels Alternativen eher als früher an.

IBM stellt fest, dass materielle Anforderungen gesunken sind, sich die Flexibilität und Mobilität aber nicht speziell erhöht habe. Bei Ernst & Young ist man dagegen nicht nur über eine erhöhte Flexibilität, sondern auch über die gestiegene Qualität der Bewerbungsunterlagen erfreut. «Was bieten Sie mir» ist von ABB-Bewerbern nicht mehr zu hören. Dagegen kommen diese mit sehr viel Know-how über das Unternehmen zum Gespräch. Das Gleiche stellt die Swisscom fest und findet auch, dass die Interessenten bescheidener, weniger fordernd sind als vor 2 oder 3 Jahren.

Personalverantwortliche empfehlen mehr Offenheit und Kompromissbereitschaft dort, wo sich zeigt, dass der Wunschjob noch nicht dabei ist. Wer sich zu wahllos und breitflächig über Branchen hinweg bewirbt und das auch noch als leicht ersichtliche «Massensendung» tut, hat keine guten Karten. Die allermeisten Schweizer Unternehmen finden als erstes Kontaktmittel Online-Bewerbungen absolut in Ordnung, sogar erwünscht. Später sollte man jedoch mit der bewährten, gut gestalteten Bewerbungsmappe zum Gespräch kommen. Darüber sind sich praktisch alle Befragten einig.