Honigersatz für Bedürftige, Weihnachtsbescherungen und Unterstützung von Witwen und Waisen? Mit der Fabrikfürsorge von anno dazumal hat die moderne betriebliche Sozialberatung nicht viel zu tun. Die Probleme der Werktätigen werden heute unter dem neudeutschen Begriff Human Risk zusammengefasst und entsprechend modern gemanagt.

Auch wenn die Trennungskultur auf dem Schweizer Arbeitsmarkt längst Einzug gehalten hat viele Unternehmen bemühen sich, ihrer sozialen Verantwortung nachzukommen und Mitarbeitende in persönlichen Schwierigkeiten zu unterstützen. Im Grunde müssen sie das auch, denn laut Gesetz schuldet der Arbeitgeber seinen Mitarbeitenden nicht nur den Lohn, sondern auch Schutz und Fürsorge.

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Unternehmerische Fürsorge in familiären Schwierigkeiten, in finanziellen Schieflagen oder bei Suchtproblemen kann beispielsweise darin bestehen, Hilfsbedürftige rasch und unbürokratisch an eine Fachstelle zu verweisen, die sich dem Problem professionell und effizient annimmt.

Sich im Sozialdienstleistungsmarkt zurechtzufinden, ist für den Einzelnen gar nicht so einfach. Nicht nur sind die Angebote sehr vielfältig, der Kantönligeist macht den Dschungel schier undurchdringbar.

Drohende Vermischung

Grossunternehmen wie Swisscom oder auch die Schweizer Armee führen eigene interne Sozialdienste als Anlaufstelle für Rat Suchende. In manchen Regionen unterhalten Unternehmen gemeinsam eine Sozialdienststelle. Beispielsweise im Oberaargau, wo 1943 die Interessengemeinschaft Sefi gegründet wurde, der heute noch 15 Unternehmen mit rund 3300 Mitarbeitenden angehören.

Dass dagegen der typische Kleinfirmen-Patron die Fürsorge immer noch am liebsten selbst in die Hand nimmt, hält Katja Müggler, Geschäftsführerin von Itera Katja Müggler GmbH, Basel, für problematisch: «Das kann zu einer fatalen Vermischung von Arbeit und Privatleben führen.»

Dieser Ansicht ist auch Peter Sumpf, stellvertretender Geschäftsführer der Movis AG, Zug: «In kleinen Firmen sind die Beziehungen meist enger, die Fachkompetenz für soziale Probleme aber wenn überhaupt eher zufällig vorhanden.» Itera und Movis sind die einzigen Unternehmen, die externe betriebliche Sozialberatung schweizweit und ausdrücklich auch für Kleinunternehmen anbieten.

Dies zu durchaus bezahlbaren Konditionen, wie Müggler versichert: «Durchschnittlich sind pro Fall drei bis fünf Beratungsstunden mit anschliessender Sachhilfe notwendig, um ein Problem nachhaltig zu lösen, was total zwischen 1500 und 2000 Fr. kostet.» Movis bietet ihren Kunden neben der Einzelfallberatung Leistungsaufträge an, die pauschal abgegolten werden.

Professioneller Beistand wird meistens bei persönlichen Problemen gesucht, in letzter Zeit besonders häufig bei finanziellen Problemen. Ebenfalls im Zunehmen seien Konflikte am Arbeitsplatz, die nicht mehr intern gelöst werden können. Sind dafür aber nicht grundsätzlich die Personalverantwortlichen zuständig?

Als Ersatz für die Personalabteilung sei die betriebliche Sozialberatung nicht zu verstehen, sondern als Ergänzung. Ihr Vorteil gegenüber internen Stellen sei glaubwürdigere Neutralität, so Sumpf: «Wir haben keinen täglichen Umgang und beziehen den Lohn nicht vom Arbeitgeber des Rat Suchenden.» Müggler ergänzt: «Werden Mitarbeitende in die Personalabteilung gerufen, sind bereits seit längerer Zeit Auffälligkeiten am Arbeitsplatz zu verzeichnen, und der Druck ist dementsprechend höher.»

Ein Auslaufmodell?

Kritiker des betrieblichen Sozialdienstes sehen darin ein Auslaufmodell: Angesichts der ökonomischen Realitäten könne von den Unternehmen nicht auch noch Nestwärme verlangt werden. Die undefinierte Pauschalleistung vergleichbar mit der früheren Fabrikfürsorge sei passé, bestätigt Sumpf: «Man muss das im Sinne eines Geschäfts verstehen und Lösungen für die aktuellen Themen anbieten.»

Was heisst: Der Nutzen der Sache muss klar ersichtlich sein sowohl für die Rat Suchenden wie auch für das Unternehmen. Für die Anbieterseite liegt der Nutzen klar auf der Hand, beispielsweise in nachweisbar weniger oder kürzeren Absenzen oder der Reduktion von hohen Folgekosten von sozialen Problemen im Unternehmen.

Movis-Geschäftsführer Raphael Laubscher und der Fachhochschuldozent Edgar Baumgartner haben in einer eigenen Kosten-Nutzen-Analyse vorgerechnet, dass die betriebliche Sozialarbeit nicht nur der ökonomischen Betrachtung standhält, sondern klar Sparpotenzial birgt. Auch mit Blick auf die Volkswirtschaft dürfte sie sich rechnen: Wenn in Schwierigkeiten geratene Arbeitnehmer im Arbeitsmarkt integriert bleiben, werden die Sozialinstitutionen entlastet. Insofern erhält das Motto der Sozialarbeit eine doppelte Bedeutung: «Kommt früh zu uns, damit aus den Sorgen keine Probleme werden.»

Aus- und Weiterbildung

Die meisten Deutschschweizer Fachhochschulen verfügen über eine Abteilung für Soziale Arbeit und bieten Weiterbildungen in Form von Kursen, Fachseminaren und Nachdiplomstudiengängen an.

Sofort-Information und Downloads:

- www.itera.biz (Externe Sozialberatung für kleinere und mittlere Unternehmen; auf der Website findet sich eine Gegenüberstellung von Folgekosten und Beratungskosten)

- www.sozialinfo.ch (Internetportal Sozialwesen Schweiz)

- www.stressnostress.ch www. arbeitsbedingungen.ch (Websites des Seco zu den Themen Gesundheit, Stress, Burnout und Mobbing)

- www.mobbing-info.ch

- www.mobbing-zentrale.ch

- www.sfa-ispa.ch (Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme)

- www.kmu-vital.ch (Programm zur Gesundheitsförderung in Kleinbetrieben mit vielen Checklisten, Konzepten usw.)

- www.ekas.ch (Eidg. Koordinationskommission für Arbeitssicherheit

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Nachgefragt: «Eine Kosten-Nutzen-Rechnung ist unmöglich das Geld ist aber gut angelegt»

Henri Gassler, Personalleiter der Endress+Hauser Flowtec AG in Reinach BL ist von der externen Sozialberatung überzeugt. Zwar sei eine Kosten-Nutzen-Rechnung nicht möglich, die positiven Rückmeldungen der Mitarbeitenden zeigten aber, dass man auf dem richtigen Weg sei. Niemand sei davor gefeit, in eine schwierige persönliche Situation zu geraten. Aufgabe des Arbeitgebers sei, die Mitarbeitenden dabei zu unterstützen, Eigenverantwortung zu tragen.

Warum unterhält Ihr Unternehmen eine Sozialstelle? Das Wohl unserer Mitarbeitenden und damit auch ihre Motivation und Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz liegt uns am Herzen. Wir wollen alle im Boot behalten auch dann, wenn sie einmal Probleme haben. Jeder kann beruflich, privat, finanziell oder gesundheitlich in eine Situation geraten, aus der er alleine nicht mehr herausfindet. Die Sozialberatung soll helfen, diese Probleme zu bewältigen. Als Arbeitgeber verlangen wir von unseren Mitarbeitenden Eigenverantwortung wir bieten aber auch Unterstützung, damit sie diese Verantwortung wahrnehmen können.

Welche Aufgaben betreut Itera in Ihrem Auftrag? Itera bietet professionelle Beratung bei Problemen im beruflichen wie im persönlichen Bereich anonym, diskret, unbürokratisch und kostenfrei. Das Angebot greift bei finanziellen und familiären Problemen, gesundheitlichen Beschwerden, Suchtproblemen, Konflikten am Arbeitsplatz, Sozialversicherungs- und Rentenfragen, nach Trauerfällen oder traumatischen Erlebnissen.

Was ist der Grund dafür, dass diese Aufgaben extern vergeben werden? Natürlich erwarten wir von einem externen Dienst kompetente und professionelle Beratung. Entscheidend für uns aber war der geschützte Raum, den Itera ausserhalb unseres Firmengebäudes anbieten kann. Er garantiert Anonymität und Diskretion. Dadurch sinkt die Hemmschwelle, Rat zu suchen und Hilfe anzunehmen. Es ist wichtig, die Probleme zu lösen, so lange sie sich nicht unüberwindbar hoch auftürmen.

In welchen Fällen lohnt sich Ihrer Meinung nach der Zuzug einer externen betrieblichen Sozialstelle? Einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden von uns an die Sozialberatung verwiesen, die meisten aber suchen von sich aus Rat. Hier machen wir keine Vorschriften, ob und wann jemand diese Beratung in Anspruch nehmen will wir erfahren auch nicht, wer die Dienste von Itera in Anspruch nimmt. Insgesamt kann man aber sicher sagen, dass viele Themen, die eine Beratung nötig machen seien es finanzielle oder familiäre Probleme , heute häufiger auftreten als noch vor Jahren.

Die Anbieter behaupten, die externe betriebliche Sozialarbeit geniesse bei Mitarbeitern grösseres Vertrauen, weil sie eben extern und damit neutraler sei. Teilen Sie diese Einschätzung? Vertrauen ist wichtig, denn nur dann können Gespräche in wirklich offener Atmosphäre geführt werden. Aber das Vertrauen muss wachsen, egal, ob es sich nun um einen externen Anbieter oder einen internen Dienst handelt. Eine Voraussetzung dafür ist Vertraulichkeit. Jeder, der unser Angebot in Anspruch nimmt, weiss, dass alle Informationen der Schweigepflicht unterliegen. Sie werden nur mit Einverständnis der Betroffenen mit anderen Personen oder Stellen besprochen.

Entsteht durch die externe Dienstleistung ein Mehraufwand und lohnt sich dieser? Natürlich ist das Ganze mit Kosten verbunden, in unserem Fall in Höhe eines Teilzeit-Pensums. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung ist praktisch unmöglich auch die Absenzen alleine sagen nicht alles aus; jemand, der schwer an seinen Problemen trägt, kann zur Arbeit kommen und ist vielleicht trotzdem nicht bei der Sache. Für uns ein wertvoller Hinweis sind die positiven Rückmeldungen derjenigen, die die Beratung in Anspruch genommen haben. Ich bin deshalb überzeugt, dass das Geld für die betriebliche Sozialberatung gut angelegt ist.