Die Migros hats nicht nur, sie bringt es auch. Besonders bei der Nachhaltigkeit, bei der nur wenige Unternehmen dem Detailhändler etwas vormachen. Denn bei den Sozialleistungen fürs Personal, bei der Reduktion von Umweltrisiken, bei der permanenten Reduktion des CO₂-Ausstosses und noch bei vielem mehr ist der von Fabrice Zumbrunnen geführte Konzern die erste Adresse. «Unsere Kundschaft erwartet nachhaltiges Engagement», sagt Zumbrunnen.

Das gilt auch für die SGS. Der Prüf- und Messkonzern mit 95 000 Mitarbeitenden, der weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit agiert, ist nach eigenem Bekunden CO₂-neutral. Auch beim Thema Diversity schreiten die Genfer vorneweg. Die Ambition eines Frauenanteils im Kader von 30 Prozent sollte dieses Jahr erfüllt sein. Das ist gut möglich, 2019 stand die Firma bereits bei 26,7 Prozent. Ein beachtlicher Wert in Corporate Switzerland: Das Schweizer Mittel liegt bei mageren 10 Prozent. Nicht nur Gewinn erwirtschaften ist für die Firma wichtig.

Migros, SGS – zwei Firmen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: eine Genossenschaft, urschweizerisch und mit kulturellem Auftrag – und eine börsenkotierte Firma, global agierend. Doch eines verbindet sie: Sie sind die Sieger im Schweizer Nachhaltigkeitsranking der «Handelszeitung» (die Gesamtliste finden Sie am Ende des Texts). Dieses gründet auf der Analysearbeit von ISS ESG, einer führenden Nachhaltigkeitsagentur.

Das Unternehmen mit Büros unter anderem in München und Zürich gehört zum amerikanischen Stimmrechtsberater ISS, beschäftigt über 2000 Mitarbeitende, darunter Analystinnen, Software-Experten, Mathematiker, Methodologinnen. Die Ratings seien über Branchen- und Landesgrenzen hinweg vergleichbar, sagt ISS-ESG-Managing-Director Robert Hassler. Ein Industrieunternehmen mit 70 Punkten verhalte sich gleich vorbildlich wie eine Bank mit 70 Punkten (mehr zur Datengrundlage des Rankings hier). Maximal waren 100 Punkte möglich.

144 meist börsenkotierte Schweizer Unternehmen flossen ins «Handelszeitung»-Ranking ein. Namentlich publiziert werden die Ergebnisse der SMI-Titel, also der grössten Firmen im Land, sowie der fünfzig Unternehmen mit den besten Ratings. Unsere Illustration zeigt die fünfzig grössten Unternehmen im Vergleich. Je grösser und grüner die Blätter, desto besser das Nachhaltigkeitsrating.

Die Migros schafft es mit 67,5 von 100 möglichen Punkten auf Rang eins und erreicht bei ISS «Prime-Status» – gehört also zu den besten Unternehmen ihrer Branche. Sowohl im Umwelt- wie auch im Sozial- und im Governance-Bereich erreicht das Unternehmen eine gute Bewertung. Der Detailhändler ist nicht eine Sternschnuppe, die heute ausnahmsweise die Liste anführt und morgen verglüht. Nein, seit Jahren arbeitet der Migros-Konzern Umwelt- und Sozialthemen vorbildlich ab.

ISS ESG führt die Migros bereits seit fünf Jahren auf hohem Niveau. Die Bemühungen sind offensichtlich: Seit 2015 hat der Konzern die Treibhausgasemissionen um 28 Prozent reduziert. Selbst im Vergleich mit 250 Retailern weltweit brillieren die Schweizer, wie das Rating zeigt. Auch den grossen Konkurrenten in der Schweiz, Coop, lässt Zumbrunnen locker hinter sich: Coop landet mit 60,65 Punkten auf Rang neun der fünfzig nachhaltigsten Unternehmen im Land.

Nach Migros und SGS schafft es auch der Hörgerätehersteller Sonova aus Stäfa ZH aufs Podest (64,4 Punkte), auf Rang vier figuriert der Industriegigant ABB. Sie alle haben ein griffiges Nachhaltigkeitsmanagement, das regelmässig adjustiert wird. Wichtig ist auch, dass sie sich klare Vorgaben für eine CO₂-Reduktion vorgenommen haben.

Das gilt auch für den Zementriesen LafargeHolcim, in dessen Öfen bei 1400 Grad Celsius Zementklinker zu Beton wird. In der Produktion geht viel Energie drauf und es werden Unmengen von CO₂ ausgestossen; dennoch gilt die Firma im internationalen Branchenvergleich als hocheffizient. Den CO₂-Schadstoff hat sie seit 2006 um einen Viertel gesenkt. Mit einem Dekarbonisierungsprogramm will man 2040 klimaneutral sein. ISS ESG belohnt diese Bemühungen um Umweltschutz. Dennoch reicht es mit 55,6 Punkten nur für Rang 24.

Das Rating von ISS ESG trennt die Spreu vom Weizen. Nicht nur zeigen die Nachhaltigkeitsratings, dass noch viel Raum für Verbesserungen besteht – keines der 144 Schweizer Unternehmen erreicht mehr als 70 von 100 Punkten. Auch werden grosse Unterschiede offenbar. Die zwei schlechtesten Unternehmen, deren Namen die «Handelszeitung» nicht nennen darf, erreichen nicht einmal eine zweistellige Punktzahl. Das eine ist ein Industrieunternehmen, das andere ist im Handel tätig. Insgesamt weisen 19 Firmen weniger als 20 Punkte aus. Und da geht der Mix quer durch alle Branchen.

Die «Handelszeitung» hat die wichtigsten Branchen separat ausgewertet (siehe Grafik). Am besten weg kommt die Energiebranche mit durchschnittlich 44,3 Punkten vor den Versicherern (42,8) und dem Bereich Chemie/Pharma (40,7). Zuhinterst landen Handel/Detailhandel (31,6), Luxusgüter (271) und die Logistik (25,8 Punkte).

SMI: Partners Group und Swatch fallen ab

Von den SMI-Titeln fallen zwei negativ auf: der Index-Neuling Partners Group (26 Punkte, Rang 107) und die von der Familie Hayek kontrollierte Swatch-Group (16,3 Punkte, Rang 133). Diese gerät an den Generalversammlungen immer wieder in Kritik, weil ihr Ökoprogramm zu wenig transparent und die Corporate Governance mangelhaft sei. Ebenfalls nicht in die Auswahl der fünfzig nachhaltigsten Unternehmen schafften es die Blue Chips Richemont (37,8 Punkte, Rang 72), Sika (40,1 Punkte, Rang 63) und Swiss Life (42,1 Punkte, Rang 56).

Insgesamt zeigt sich, dass die grossen, internationalen Unternehmen im Schnitt höhere Werte erreichen als die kleineren. So haben die SMI-Titel – die grössten Konzerne im Land – im Schnitt 50,8 Punkte, während die übrigen rund 130 Firmen nur auf 35,4 Punkte kommen. Dasselbe Muster zeigt sich bei anderen Kennzahlen, die ISS ESG erstellt. Für den Umgang mit CO₂-Risiken werden die SMI-Titel im Schnitt mit 44,7 Punkten bewertet, die übrigen Firmen nur mit 32,1 Punkten. Der Nachholbedarf ist also bei den Mittelgewichten noch grösser als bei den Schwergewichten.

Gerade zum Klimaschutz macht ISS ESG spannende Aussagen. Nebst dem allgemeinen Carbon Risk Rating hält das Ratingunternehmen bei den meisten Firmen auch fest, wie sehr diese im Einklang mit dem 2-Grad-Erwärmungsziel handeln (siehe Grafik oben). Wie lange reicht ihr hypothetisches Guthaben an CO₂-Ausstoss noch, wenn sie so weitermachen wie heute? Das Gros der Firmen steht relativ gut da mit Werten von jenseits 2050. Bei einigen war das Guthaben jedoch schon 2019 aufgebraucht, oder aber der Punkt steht kurz bevor. Darunter befinden sich Lebensmittelproduzenten wie Nestlé, Industriefirmen wie Georg Fischer und Geberit oder Immobilienkonzerne wie Allreal.

Ein zuverlässiger Indikator für Nachhaltigkeit von Grossen und Kleinen sind auch die Rechtsfälle. Dabei helfen Controversy-Daten – etwa von ISS ESG; sie zeigen, ob ein Unternehmen mit Angestellten, Konkurrenten, mit Regionen oder dem Staat im Clinch steht. Dabei zeigt eine vertiefte Analyse: Eine tadellose Reputation ist Gold wert. Controversy-Studien belegen, dass die Reputation eines Unternehmens bis zu 80 Prozent eines Unternehmenswertes ausmacht.

Erkenntnis: Kapitalmarkt treibt Nachhaltigkeit an

Ratings wie solche von ISS ESG werden immer relevanter. Selbst am Kapitalmarkt haben sich ökologisches und soziales Agieren als Wettbewerbsfaktoren und Verkaufsargumente längst durchgesetzt. Es zählen nicht gefällige Nachhaltigkeitsberichte, die auf 250 Hochglanzseiten eigene Leuchtturmprojekte bejubeln und mit Bildern belegen, dass selbst der CEO beim Reinigen von Flussufern in die Gummistiefel steigt. Sondern es geht um Fakten, Vergleiche, Entwicklungen, die Debatte von Kontroversen.

Investoren wollen keine PR, sondern fordern lückenlose Aufklärung. Sie wollen sich davon überzeugen, dass ihre Millionen nicht nur renditebringend angelegt sind, sondern sinnvoll, umweltfreundlich, ohne Kinder- oder Zwangsarbeit. Und dieses Bedürfnis wächst und wächst. Seit 2016 hat sich das Volumen nachhaltiger Anlagen allein in der Schweiz auf 1100 Milliarden verfünffacht. Es ist ein neues Höchst.

Die Trendtreiber hier sind Privatanleger, vor allem aber Pensionskassen, die auf Messbares aus dem Bereich ESG (Ökologie, Soziales, Corporate Governance) pochen. Auf sie entfallen mittlerweile 80 Prozent des nachhaltigen Anlagevolumens. Dies ist nicht nur ein Schweizer Trend, er greift vielmehr weltweit. Als Pionier gilt der norwegische Staatsfonds Oljefondet, der die Gestaltung des postfossilen Zeitalters zur Raison d’Être erklärte. Auch andere Asset-Schwergewichte wie Pimco, BNP Paribas oder die UBS drücken aufs Gaspedal.

«Unsere Kunden wollen in Unternehmen investieren, die verantwortungsbewusst mit den Ressourcen umgehen.»

Antoinette Hunziker-Ebneter, CEO Forma Futura

Als Paukenschlag hallte Anfang Jahr das Bekenntnis von Larry Fink, Chef von Blackrock, durch die Firmengänge: «Nachhaltigkeit ist bei uns der neue Standard beim Investieren.» Klar, der weltweit grösste private Vermögensverwalter ist damit zwar längst kein Early Mover, dafür bringt er mit 7,7 Billionen Dollar verwalteten Vermögen ziemlich viele Pfunde auf die Waage. Zu Finks Versprechen gehört auch der Ausstieg aus Unternehmen, die mehr als 25 Prozent ihres Umsatzes mit der Energiegewinnung aus Kohle machen. Der Umfang der im Mai abgeschlossenen Devestition bei Kohlesupportern: 500 Millionen Dollar.

Rendite und Nachhaltigkeit widersprechen sich nicht

Der Zufluss in nachhaltige Anlagen ist enorm. Wer heute bei der UBS in die dritte Säule investiert, erhält standardmässig ein nachhaltiges Angebot. Gemäss dem Analyseunternehmen Morningstar gibt es mittlerweile 7000 nachhaltige Fonds – querbeet, über Regionen und Branchen hinweg. Die Macht der Investoren bestätigt auch Kristina Rüter, Direktorin bei ISS ESG: «Der Kapitalmarkt ist ein unglaublich starker Treiber.»

Die Sorge um den Planeten, vermüllte Ozeane und nicht mehr rückgängig zu machende Verluste bei der Biodiversität mit unabsehbaren Folgen für das Leben von Mensch und Tier mögen dabei eine Rolle spielen. Im Zentrum aber steht das gesteigerte Risikobewusstsein der Investoren und die wachsende Erkenntnis, dass Rentabilität und Nachhaltigkeit keine Gegensätze sind. «Unsere Kunden wollen in Unternehmen investieren, die verantwortungsbewusst mit den Ressourcen umgehen», sagt Antoinette Hunziker-Ebneter.

Die ehemalige Schweizer Börsenchefin leitet die Firma Forma Futura, einen auf nachhaltige Anlagen spezialisierten Vermögensverwalter. Anleger wollten beides, Nachhaltigkeit und Rendite; und es gebe genügend Studien, die beweisen würden, dass das möglich sei. Vor allem bei einem langfristigen Anlagehorizont seien nachhaltige Investitionen die «robustere Wahl». Hunziker-Ebneter kennt das Thema aus dem Effeff. Denn seit über zwanzig Jahren setzt sie auf Nachhaltigkeit. Das gilt auch für die Berner Kantonalbank (BEKB), die sie präsidiert. Die BEKB figuriert im «Handelszeitung»-Ranking auf Rang 13, was die Berner Staatsbank zum Branchenführer macht – knapp vor Safra Sarasin (16), UBS (20) und Credit Suisse (39).

Aber nicht nur Firmen, die dem Kapitalmarkt ausgesetzt sind, richten sich auf soziale und ökologische Themen aus. – dasselbe gilt auch für Familienunternehmen. Weniger über die Aktionäre, sondern über die Hausbanken. Sie machen Druck auch auf Privatfirmen, indem sie die Kreditvergabe immer öfter an Nachhaltigkeitskriterien binden, sagt ISS-ESG-Expertin Rüter.

Drei viertel der Firmen sind besser als der globale Durchschnitt

International stehen die Schweizer Unternehmen grundsätzlich gut da – auch das zeigen die ISS-ESG-Ratings. Für jede Firma weist ISS ESG aus, wo sie im Vergleich zu allen Firmen dieser Branche steht. Weltweit. So gehören etwa die Grossbanken UBS und CS zu den vorbildlichsten 10 Prozent aller Banken. Auch insgesamt stehen die untersuchten Schweizer Firmen gut da. Die Hälfte der Firmen befindet sich unter den 30 Prozent Besten ihrer Branche, 108 von 144 gehören zumindest zur besseren Hälfte. Bei den sechs untersuchten Versicherern liegt sogar kein einziger unter dem weltweiten Branchendurchschnitt.

Doch auch hier zeigt sich, dass das nicht für alle Firmen gilt. Zwanzig Unternehmen gehören zu den 30 Prozent schlechtesten Firmen ihrer Branchen. Darunter befinden sich vor allem Industrieunternehmen, deren Namen die «Handelszeitung» nicht offenlegen darf, aber auch das SMI-Schwergewicht Swatch, das es nur gerade in die achte 10-Prozent-Gruppe geschafft hat. Die SMI-Titel schliessen auch hier besser ab (siehe Grafik oben). Während unter den Schwergewichten nur gerade eines von zwanzig Unternehmen in der schlechteren Hälfte liegt, sind es bei den übrigen Unternehmen 28 Prozent. Diese Betrachtung zeigt auch, dass es nicht einfach auf die Branche ankommt, wie gut eine Firma bewertet ist. Sondern darauf, wie viel Mühe sich diese im Vergleich zu ihren Konkurrenten gibt, nachhaltig zu handeln und das auch zu dokumentieren.

Nachhaltigkeit ist im Trend – und es sieht nicht danach aus, als ob sich daran etwas ändern würde. Im Gegenteil: Die Millennials haben zwar selbst noch kein Geld, aber sie werden erben, und zwar nicht zu knapp: 24 Billionen Dollar werden in den nächsten Jahren von Babyboomern an ihre Kinder gehen – ein unglaublicher Vermögenstransfer. Dieser Generation der Zukunft werden verantwortungsvolle Unternehmen noch wichtiger sein. Nachhaltigkeitsrankings wie dieses der «Handelszeitung» sorgen für Transparenz – für die Investoren von heute und von morgen.

Über die Studie: So entstand das Nachhaltigkeits-Ranking

144 Firmen

Das Nachhaltigkeits-Ranking basiert auf Ratings des Beratungsunternehmens ISS ESG. ISS hat der «Handelszeitung» die Schlüssel-Kennzahlen von 144 Schweizer Unternehmen zur Verfügung gestellt. Bei den Unternehmen handelt es sich mehrheitlich um kotierte Gesellschaften, aber auch um Genossenschaften wie Migros oder Raiffeisen, die für Anleger von Interesse sind.

0 bis 100 Punkte

Im Zentrum steht der so genannte ESG Performance Index. Theoretisch kann dieser bis zu 100 Punkte betragen. Faktisch liegen alle bewerteten Schweizer Unternehmen zwischen 0 und 70 Punkten. Gemäss ISS fliessen mehrere hundert Unternehmenskennzahlen in diesen Index ein. Sie decken Nachhaltigkeitskriterien aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Corporate Governance ab. Dabei messe der Index die Unternehmen an ihren branchentypischen Möglichkeiten. So soll sichergestellt werden, dass die Ratings auch über Branchen- und Ländergrenzen hinweg vergleichbar sind. Aus dem Index leitet sich zudem ein Rating von A bis D ab. Die jeweils besten Unternehmen einer Branche erhalten Prime-Status. Zusätzlich zum ESG Performance Index publiziert ISS Unterindices und Teilratings. So wird etwa jede Firma mit einem Carbon Risk Rating bewertet, das aufzeigt, wie das Unternehmen mit Klimarisiken umgeht.

Teilweise Offenlegung.

Die «Handelszeitung» hat die Unternehmen nach Branchen aufgeteilt, um entsprechende Aussagen machen zu können. Von den 144 Unternehmen durfte nur ein Teil namentlich offengelegt werden. Es handelt sich dabei um die Firmen im Börsenindex SMI sowie jene 50 Unternehmen mit den besten Ratings. Die Illustration auf dieser Seite bildet die 50 grössten Unternehmen ab. Ein Teil davon ist teil-anonymisiert und mit der jeweiligen Branche beschriftet. (hec)