Droht uns ein Lehman-Moment: Könnte – wie 2008 bei der Pleite der US-Bank Lehman Brothers – jetzt auch ein als gesund geltender Konzern zugrunde gehen und die Finanzmärkte dadurch in Panik versetzen?
Geld- und Fiskalpolitik stemmen sich mit aller Kraft gegen die Krise. Das erweckt nicht den Eindruck, dass man so etwas zulassen würde, insbesondere bei einem ansonsten soliden, gesunden Unternehmen.

Insofern rechne ich in der aktuellen Krise nicht unbedingt mit einem Lehman-Moment. Ich meine auch, dass man heute Lehman nicht mehr untergehen lassen würde - trotz aller Kritik an solchen Eingriffen (Staatsinterventionismus, Strukturerhaltung). Es hatte damals Panik ausgelöst und würde heute Panik auslösen. Das will man verhindern.
 

 

 

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Thomas Heller ist CIO und Leiter Research bei der Schwyzer Kantonalbank.

Quelle: ZVG
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Gold, Immobilien und starke Währungen sind in Krisen gefragt. Gilt das auch für diese Krise, und ist es ratsam, in solche «sichere» Werte zu investieren?
Gerade Immobilien waren ja immer wieder im Auge des Hurrikans von Krisen. Zuletzt in der Finanzkrise. Insofern muss man da schon unterscheiden und das Wort «sicher» relativieren.

Gold hat in diesem Jahr auch schon einen tüchtigen Taucher hinter sich, und zwar genau als die Coronapandemie die Aktienmärkte am heftigsten durchschüttelte und die Funktion als «sicherer Hafen» von Gold nicht gegriffen hat. Das hatte zwar nachvollziehbare Gründe, ist aber dennoch bemerkenswert.

Der Anstieg des Goldpreises seither erfolgte trotz «Risk on-Modus» an den Märkten und praktisch ohne Unterstützung von den (Real-)Zinsen oder dem US-Dollar. Würde nun eine erneute Marktkorrektur («Risk off») folgen, hat der Goldpreis noch etwas Luft nach oben, zumal die geld- und fiskalpolitischen Entwicklungen auch mittelfristig ein positives Umfeld für Gold schaffen.

Letzteres Argument spricht auch für Immobilien, die Liquiditätsschwemme begünstigt Realwerte. Auch wenn die Ausschüttungen von Immobilienanlagen zurückgehen könnten, im Vergleich mit den negativen Renditen von Bundesobligationen sind sie noch immer attraktiv und stützen die Kurse. Und Immobilien sind im aktuellen Umfeld zudem ein wichtiger Portfoliodiversifikator.

Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Ganz enorm, keine Frage. Praktisch jede Marktbewegung lässt sich derzeit direkt oder indirekt mit Fakten und Meinungen, Hoffnungen und Ängsten rund um das Coronavirus in Verbindung bringen.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Nach der Aktienmarkt-Rally der letzten Wochen scheint in den Kursen bereits wieder viel Positives eingepreist zu sein. Die gestiegenen Kurse und die gesunkenen Gewinnerwartungen haben zudem die Bewertungen deutlich ansteigen lassen.

Es braucht nach einem solchen Anstieg wenig für einen Rückschlag. Kommt es beispielsweise im Zuge der angelaufenen Lockerungen des Lockdown zu Anzeichen für wieder steigende Neuinfizierungen, wird der Markt auf diesen Niveaus vermutlich sehr nervös reagieren. Der Schweizer Aktienmarkt dürfte aufgrund seines eher defensiven Charakters allerdings weniger anfällig sein als zyklischere Märkte.

«Es wird vermutlich zu einer gewissen Deglobalisierung kommen.»

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Angenommen die schrittweise Lockerung der Eindämmungsmassnahmen kann fortgesetzt werde, es kommt zu keiner zweiten Coronawelle - zumindest zu keiner, die einen neuerlichen Lockdown nötig macht - und es gibt allenfalls konkretere Aussichten auf einen Impfstoff, dann steht der SMI in zwölf Monaten deutlich höher als heute.

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Vielleicht nicht grad auf die alten Höchststände vom Februar, aber 10 Prozent - 15 Prozent könnten es dann schon sein. Aber eben: «Angenommen …», auf dem Weg dorthin gibt es viele Unwägbarkeiten.

Wagen wir einen Blick in die Kristallkugel: In welchem Zustand wird sich die Schweizer Wirtschaft Ende Jahr befinden, was wird sich verändert haben?
Die Antwort beginnt wieder mit «angenommen»: Angenommen obiges Szenario gilt im In- und Ausland, dann hat die Schweizer Wirtschaft Ende Jahr die ersten Monate einer zwar substanziellen, aber nicht allzu raschen Erholung hinter sich. Als kleine offene Volkswirtschaft ist sie auch diesmal massgeblich von der konjunkturellen Entwicklung im Ausland abhängig.

Da in der aktuellen Krise aber auch stark binnenorientierte Wirtschaftsbereiche wie etwa die Gastronomie oder der Detailhandel negativ betroffen sind, ist die relative Abhängigkeit vom Ausland diesmal wohl etwas geringer als in «normalen» Zeiten.

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Das heisst, dass die Lockerungsmassnahmen im Inland einen massgeblichen Wachstumsbeitrag leisten werden. Das ist der zyklische Aspekt. Ein struktureller Effekt wird bis Ende Jahr womöglich auch bereits einsetzen.

Unter dem Eindruck der Coronakrise, mit der Problematik der grossen Abhängigkeiten von einzelnen Ländern und Lieferanten sowie den beschädigten Lieferketten, wird es vermutlich zu einer gewissen Deglobalisierung kommen.

Das Abwägen zwischen der Suche nach dem günstigsten Preis und der Sicherung der Lieferketten wird wohl öfter als bisher zugunsten der Lieferketten ausfallen. Ob dieser Effekt tatsächlich so rasch einsetzt und wie stark er wirklich sein wird, wird sich erst mit der Zeit weisen.

Die führenden US-Techhersteller sind an der Wall Street wieder gefragt. Wird der Höhenflug der sogenannten FAANG-Aktien (Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Google) sowie des Microsoft-Papiers weitergehen?
Die genannten Unternehmen sind relative Gewinner der Krise, in welcher viele Tätigkeiten in die digitale, in die Online-Welt verlagert und deren Produkte vermehrt nachgefragt werden.

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Das dürfte sich zu einem gewissen Grad in den Aktienkursen bereits widerspiegeln. Sie haben sich den Höchstständen vom Februar bis auf wenige Prozentpunkte genähert oder sogar, wie etwa im Fall von Amazon, bereits wieder neue Allzeithöchst erreicht. Techtitel dürften gefragt bleiben.

Das Interview wurde schriftlich geführt.