Björn Rosengren (60) ist ein Autofreak. In seiner Privatgarage aufgereiht stehen grosshubraumige Sportkarossen. Darunter ist ein Audi S5 Cabrio, ein Range Rover Sport und ein Porsche Macan Turbo. Für beschaulichere Ausflugsfahrten auf Kurzdistanz darf es auch mal ein Golfwagen Club Car Precedent sein.

Schnell ist er nicht nur auf der Strasse, schnell ist er auch beim Entscheiden. Das sagt einer, der ihn kennt. Das passt: Tempo wollen auch die Aktionäre von Rosengrens neuem Arbeitgeber ABB. Ab nächstem Frühjahr muss er den Konzern dezentralisieren, mehr Verantwortung in die Hände der Frontmanager legen. Und die Behäbigkeit im komplexen Organigramm loswerden.

Auf Du und Du

Dinge, mit denen sich sein Vorgänger Ulrich Spiesshofer schwertat. Und wie es Rosengren bei seinem Noch-Arbeitgeber, dem schwedischen Bergbaumaschinen- und Werkzeughersteller Sandvik, vorexerzierte.

Für diese Transformation ist Rosengren gemäss ABB-Präsident Peter Voser der richtige Mann. Voser bezeichnete Rosengrens Werk bei Sandvik als «wichtigen Verdienst». Und den Industriemanager für die Prioritäten von ABB daher als gut gerüstet: für die Finanzierung des organischen Wachstums, eine nachhaltige Erhöhung der Dividenden, den Rückkauf eigener Aktien und wertschöpfende Akquisitionen. «Björn hat gezeigt, dass er es kann.» Voser und Rosengren, beide um die sechzig, stehen auf Du und Du. 

Die Hoffnungen sind riesig, das Einvernehmen gut, der neue Mann auf Linie mit den Stakeholdern. Sein Kommentar zum grössten und letzten Schritt in der Karriere des Schweden: «Das war keine einfache Entscheidung. Ich fühle mich geehrt.» So ist er halt: Sachlich, nüchtern bis spröd, lockerer im Zwiegespräch. Welch ein Gegensatz zu Vorgänger Spiesshofer, der sein Showtalent bei jeder Pressekonferenz auslebte.

Leben in der Schweiz

Der künftige ABB-Chef kennt die Schweiz aus eigener Erfahrung. Von 1993 bis 1995 war er für das schwedische Schweisstechnikunternehmen Esab hier stationiert. Aus dieser Zeit stammen seine Deutschkenntnisse; sein ältestes Kind, eine Tochter, ist hier geboren. 

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Weggefährten beschreiben den Industriemann als umgänglich und unprätentiös. Er stellt sich nicht zur Schau, behält seine Familie im Hintergrund. Das Maximum an Hautevolee pflegte er mit seiner Ehefrau Cecilia im Land der tausend Seen, als die beiden das Champagnerglas anlässlich der 100 Jahre finnischer Unabhängigkeit schwenkten. Rosengren war von 2011 bis 2015 Chef des finnischen Kraftwerks- und Schiffsmotorenherstellers Wärtsilä. 

Hoher Erwartungsdruck

Die Vorschusslorbeeren sind gross, ebenso die Erwartungen. Immerhin ist ABB dreimal so gross wie Sandvik: mehr Umsatz, mehr Mitarbeitende, mehr Verantwortung. Und Christer Gardell, Kopf des lautstarken ABB-Grossaktionärs Cevian Capital, will endlich Geld sehen. Kam die Aktie unter Spiesshofer nicht vom Fleck, soll Rosengren den Wert nun verdoppeln. Gardell hält 35 Franken je Aktie für realistisch – und Rosengren für eine «ausgezeichnete Wahl», um das ambitiöse Ziel zu erreichen. Aktuell steht der Kurs um die 18 Franken.

Der Kapitalmarkt demonstrierte bereits, was ihm die Personalie Rosengren wert ist: Das ABB-Papier legte nach der Ankündigung um 4,6 Prozent zu, gleichzeitig tauchte die Sandvik-Aktie um 1,8 Prozent. Auf Deutsch: Allein seine Ernennung war ein Milliardensegen für die ABB-Aktionäre, Hunderte Millionen verloren dagegen die Anteilseigner von Sandvik

Rosengren wurde vom Präsidium, von Ankeraktionär Jacob Wallenberg sowie  von den Grossinvestoren Artisan Partners und Cevian Capital einstimmig zum Nachfolger von Spiesshofer gekürt. Bis zum Frühjahr nächsten Jahres lenkt Präsident Peter Voser interimistisch die Geschicke des in der Schweiz und Schweden doppelt kotierten Konzerns. Bei Antritt Rosengrens zieht sich Voser auf seine Präsidentenfunktion zurück.

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Mehr Lässigkeit, weniger Bürokratie

Im ABB-Verwaltungsrat sitzt zudem ein alter Weggefährte: Gunnar Brock war einst Präsident und CEO von Atlas Copco. Und vor etwa zehn Jahren Rosengrens Vorgesetzter beim Industriekonzern, welcher damals die Sparte Bau- und Bergbautechnik leitete. Rosengren hat also nicht nur die grössten Aktionäre hinter sich, sondern auch einen Intimus aus vergangenen Tagen.

Delegieren, eine lange Leine für seine Untergebenen, ein Schnelldenker und Macher mit Hang zur Coolness – Rosengren ist in vielerlei Hinsicht das krasse Gegenteil seines Vorgängers Spiesshofer. «Der CEO wird noch wichtiger, da sein Führungsstil wichtiger sein wird als zuvor. Björn wird das Geschäft anders führen», sagt Voser.

Wie anders, das zeigt ein Werbespot des Sandvik-Konzerns. Darin lässt Rosengren ein Bergbaufahrzeug autonom und millimetergenau durch ein Labyrinth aus Glasscheiben fahren, die unbeschadet bleiben. «Nichts nachgestellt, alles real», sagt er, steigt im Blaumann ins Ungetüm und setzt sich hinters Steuer. Und mäht klirrend eine Glaswand nach der anderen nieder. Die Inszenierung sitzt: Was die computergesteuerten Maschinen von Sandvik können, bringt nicht mal der Chef. Eine augenzwinkernde Ode an die Automation – ein Steckenpferd nicht nur von Sandvik, auch von ABB.

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Mässige Leistung

Dort muss Rosengren alsbald liefern. Zu welchem Salär ist unbekannt. Spiesshofer liess sich seine mässige Leistung mit knapp 9 Millionen Franken vergolden. Das Gehalt Rosengrens bei Sandvik fiel im Vergleich dazu mit 2,5 Millionen Franken pro Jahr bescheiden aus. Erst recht, wenn man die Steuerprogression in Schweden einrechnet. Sicher ist: Selbst wenn Rosengren bei ABB «nur» 8 Millionen abholt, ist es ein Mehrfaches vom aktuellen Lohn. 

Den Lebensstil wird die Familie Rosengren aber kaum ändern. Auf der Insel Lidingö – einem Nobelvorort östlich von Stockholm – wohnt der dreifache Vater mit Gattin Cecilia in einer zweieinhalb Millionen Franken teuren Backstein-Villa. Das Ehepaar besitzt zudem drei Ferienhäuser in der Nähe des Gullmarsfjords, zwei Autostunden von Göteborg. Nun, da er mit Frau in die Schweiz übersiedelt, wird die Anfahrt etwas länger dauern.

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