Müssen wir uns um die Entwertung unserer Ersparnisse Sorgen machen? Kaum. Denn mittlerweile erscheinen die Inflationserwartungen als übertrieben. Der aktuelle Teuerungsdruck dürfte sich als lediglich vorübergehend erweisen.

Letztlich ist davon auszugehen, dass das Inflationsniveau später in diesem Jahr wieder auf die historischen Normen der letzten Jahre zurückfallen wird. Deshalb sollten Anleger steigende Inflationserwartungen mittel- bis langfristig sehr vorsichtig betrachten.

 

Jonathan Baltora ist Head of Sovereign bei Inflation und FX, AXA IM Core.

 

Die Erwartungen eines Inflationsanstiegs werden derzeit von mehreren unterschiedlichen Entwicklungen angeheizt. Neben den beispiellosen Geldinfusionen der Zentralbanken besteht angesichts des Endes der Lockdowns auch eine hohe Erwartung, dass ein Boom bei den Konsumausgaben bevorsteht. Darüber hinaus ereigneten sich in diesem Jahr mehrere Lieferketten-Ausfälle sowie ein Anstieg des Ölpreises.

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Doch das ist in vielerlei Hinsicht dieselbe Gesamtsituation wie bereits vor einem Jahrzehnt. 2011 war das Jahr des Arabischen Frühlings, der ebenfalls begleitet wurde von einem anschliessenden Anstieg der Ölpreise. Im selben Jahr kam es in Japan zur Atomkatastrophe von Fukushima, die in mehreren Fertigungssektoren, einschliesslich der Automobilproduktion, Engpässe in der Lieferkette zur Folge hatte.

2021 dürfte sein wie 2011 – und das ist gut so

Inflationsraten-Breakevens – also die Differenz zwischen der Rendite einer Nominalanleihe und der einer inflationsgeschützten Anleihe mit gleicher Laufzeit – erhöhten sich damals deutlich, erreichten aber etwa fünf Monate vor dem Höhepunkt der Inflation selbst ihren Höhepunkt. 

Die US-Notenbank schritt ein und begann ihre zweite Runde quantitativer Lockerungen («Quantitative Easing») nach der globalen Finanzkrise – auch bekannt unter dem Namen «Operation Twist».

Viele Marktteilnehmer glaubten, dass dies einen massiven Inflationsanstieg unvermeidlich machen würde – das war jedoch nicht der Fall, und die Inflation kehrte stattdessen auf ein normales Niveau zurück.

In letzter Zeit gab es einige Lieferketten-Ausfälle aufgrund der weltweiten Halbleiter-Knappheit. Dazu kommen die kurze, aber sehr einschneidende Blockade im Suezkanal sowie Verzögerungen aufgrund der Unsicherheit bezüglich der Handelsbeziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union nach dem Brexit

Nach ihren Tiefstständen im Jahr 2020 könnten auch die Ölpreise im Jahr 2021 einen Anstieg der Inflation auslösen. Wir glauben allerdings, dass sich das aktuelle Szenario ähnlich wie bereits im Jahr 2011 entwickeln wird – genauer gesagt, dass der derzeitige Druck nur vorübergehend ist. 

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Der Preisdruck wird sich höchstwahrscheinlich verflüchtigen

Ich gehe davon aus, dass Inflation den ganzen Sommer lang ein Thema sein wird, und wahrscheinlich noch länger in der Eurozone, aber ich glaube auch, dass die Ölpreis-bedingte Volatilität sowie auch die anderen Preisdruck-Faktoren innerhalb der nächsten sechs Monate verschwinden werden.

Es stimmt, dass sehr viel aufgestaute Nachfrage vorhanden ist, die in Kombination mit den angesparten Geldmitteln der Konsumenten den Konsum ankurbeln sollte, wenn alle Ladengeschäfte und Restaurants wieder öffnen und Ferienreisen wieder möglich sind.

Allerdings kann man nicht einfach annehmen, dass wir alle während der Lockdowns Geld ansparen konnten und dieses Geld dann sofort ausgeben werden – vor allem, wenn die Preise über ihrem normalen Niveau liegen.

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Ausserdem ist es die jährliche Inflationsentwicklung im 10-Jahres-Verlauf, die wirklich die allgemeine Marktentwicklung antreibt.

Die Weltwirtschaft hat noch immer viele Überkapazitäten, und deshalb erwarten wir mittelfristig einen Rückgang der Inflationsrate auf einen Wert zwischen 1 Prozent und 1,5 Prozent in der Eurozone und auf 2 Prozent bis 2,5 Prozent in den USA.

Unsere eigene Inflationsprognose-Umfrage im März ergab, dass nach den allgemeinen Erwartungen die US-Verbraucherpreis-Inflationsrate im Sommer ihren Höchstwert zwischen 3 Prozent und 3,5 Prozent erreichen und dann bis zum Jahr 2022 auf durchschnittlich 2 Prozent sinken wird.

In Europa wird der Inflationshöhepunkt voraussichtlich etwas später, nämlich im dritten Quartal, erreicht; die Kerninflation wird wahrscheinlich sehr volatil sein und um einen Wert von etwa 1 Prozent hin und her schwanken, aber im September möglicherweise bis auf 1,5 Prozent ansteigen.

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Die Inflation in der Eurozone ist relativ niedrig aufgrund der geringen Kosten des Imports von Waren aus Ländern mit niedrigeren Produktionskosten und der relativen Stärke des Euro.

Dabei ist allerdings zu beachten, dass der Beitrag, den die Globalisierung dazu geleistet hat, die Preise niedrig zu halten, möglicherweise eingeschränkt wird, wenn Länder eine protektionistischere politische Haltung annehmen.

Ein Inflationsaufschlag auf künftige Inflation

Ein weiterer Anstieg bei Inflationsraten-Breakevens würde bedeuten, dass der Markt einen Inflationsaufschlag auf zukünftige Inflation erhebt.

Meiner Erfahrung nach haben kurzfristige Inflationsentwicklungen einen übermässigen Effekt auf die langfristigen Inflationserwartungen des Marktes. Inflationsraten-Breakevens tendieren auch dazu, das Durchschnittsniveau der Kerninflation über die vorangegangenen Jahre insgesamt anzuheben. 

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In den letzten Jahren handelte der Markt für Inflationsraten-Breakevens mit einem Abschlag zu den Inflationserwartungen, aber in letzter Zeit war das Gegenteil der Fall, und Anleger zahlen nun im Prinzip eine Inflationsabsicherungsprämie. So war es auch in den Jahren 2011–2012, nach mehreren geldpolitischen Lockerungsprogrammen.

Das wird wahrscheinlich bis zum Sommer so bleiben, und Anleger, die nun kaufen, sollten sich bewusst sein, dass Breakevens nun nicht mehr historisch günstig sind, und dass die aufgeschlagene Inflationsrisiko-Prämie weiter steigen könnte.

Wiedereröffnung der Wirtschaft

Optimistische Anleger werden die steigenden Preise wahrscheinlich als einen notwendigen Teil der Wiedereröffnung der Wirtschaft betrachten, aber pessimistische Anleger könnten diese Marktperspektive als Abwärtsrisiko sehen.

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Anders ausgedrückt werden die Bewertungen an den Anleihemärkten von den allgemeinen Erwartungen angeheizt, und viele Marktteilnehmen gehen von zukünftiger Inflation aus, was vielleicht bedeutet, dass einige Anleger inflationsgeschützte Anleihen kaufen werden, während die Inflation selbst hoch ist, und nicht, während die Inflationsabsicherung günstig ist.

Falls – oder wenn – sich die Inflation später in diesem Jahr abmildert, wie wir es erwarten, könnten die Bewertungen sinken, wenn die Anleger das Gefühl haben, dass sie für die Inflationsabsicherung zu viel bezahlen.

Eine höhere Inflationsrate bedeutet im Normalfall höhere langfristige Zinssätze – nicht gut für die Performance inflationsgeschützter Anleihen mit langer Laufzeit. Aus diesem Grund bevorzuge ich inflationsgeschützte Anleihen mit kurzer Laufzeit, zumindest bis zum Sommer.

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Später in diesem Jahr werde ich wahrscheinlich auf längere Laufzeiten umschwenken, wenn ein geringerer Preisdruck herrscht, da ich für die Inflationsentwicklung im Jahr 2021 – genau wie ich es für die Inflationsentwicklung im Jahr 2011 getan habe – prognostiziere, dass sie auf ein historisch normales Niveau zurückfallen wird.