Die italienische Grossbank Unicredit bereitet einem Zeitungsbericht zufolge eine milliardenschwere Übernahmeofferte für die Commerzbank vor. Der Konzern werde sich zwar kaum in die laufenden Fusionsgespräche zwischen Commerzbank und Deutsche Bank einschalten. Er stehe aber bereit, falls diese Gespräche scheitern sollten.

Dies berichtet die «Financial Times» unter Berufung auf mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen.

Unicredit wolle mit einem bedeutenden Anteil die Kontrolle bei der Commerzbank übernehmen und diese dann mit ihrer deutschen Tochter HypoVereinsbank fusionieren. 

Hvb-Commerzbank in Frankfurt

Die Mailänder Wirtschaftszeitung «Il Sole 24 Ore» erinnert in diesem Zusammenhang an ältere Pläne von Unicredit: Der Mailänder Bankenkonzern habe das Dossier Commerzbank schon mehrfach untersucht – und dabei sogar geprüft, die Hypovereinsbank abzuspalten und sie mit der Commerzbank zu fusionieren.

Bei diesem Modell wäre die UniCredit-Holding in Mailand gelistet geblieben, während die Hvb-Commerzbank in Frankfurt kotiert würde – aber unter Kontrolle der Italiener.

Unicredit lehnte einen Kommentar zu dem Bericht ab, auch die Commerzbank und die Deutsche Bank nahmen auf Anfrage von Reuters keine Stellung. Gegenüber der Nachrichtenagentur bezeugten aber zwei «mit der Angelegenheit vertraute Personen», dass die FT-Schilderung korrekt sei.

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Alptraum für die Deutsche Bank

Sollte Unicredit am Ende wirklich zum Zuge kommen, wäre das wohl ein Alptraum-Szenario für die Deutsche Bank: Denn ihr würde, nachdem sie im internationalen Vergleich weit zurückgefallen ist, auf dem Heimatmarkt ein starker Gegner erwachsen.

Während die Commerzbank-Aktie am Donnerstag zulegte, geriet die Deutsche-Bank-Aktie unter Druck. 

Oliver Roth, Kapitalmarktstratege der Oddo Seydler Bank, äusserte sich skeptisch zur transalpinen Annäherung: «Ich könnte mir durchaus auch vorstellen, dass hier ein Stück weit Druck aufgebaut wird auf die beiden Parteien zu fusionieren, indem man einen Dritten ins Rennen schickt, der sich irgendwann mal für die Commerzbank interessiert hat.»

«Deutsche Commerz»: Wo es harzt

Die Informationen über das Interesse aus Italien kommen in der Tat zu einem interessanten Zeitpunkt: Am Mittwoch war durchgesickert, dass Deutsche Bank und Commerzbank offenbar unterschiedliche Vorstellungen über das Tempo ihrer Gespräche haben. Während Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing sich mehr Zeit lassen will, drückt Commerzbank-Boss Martin Zielke aufs Tempo, wie Insider berichteten.

Nun hiess es von zwei Personen, die Gespräche liefen gut. Einer sagte, die Verhandlungen würden «sehr sorgfältig» geführt. «Wenn, dann machen wir es richtig.» Darin seien sich Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Bank einig. Sprecher der Banken wollten sich auch dazu nicht äussern.

Die Commerzbank wird derzeit an der Börse mit knapp neun Milliarden Euro bewertet. Eine Übernahme des Instituts könnte wohl nur mit Segen der Bundesregierung in Berlin gelingen, denn der Staat ist mit 15 Prozent beteiligt, seit er der «CoBa» in der Finanzkrise unter die Arme griff.

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Jean Pierre Mustier sucht Fusion

Ein hochrangiger Insider in Italien sagte, Unicredit-Chef Jean Pierre Mustier brauche eine grosse Fusion, da seine Bank ihre Erträge nicht aus eigener Kraft steigern könne und allein auf Kostensenkungen setzen müsse. Er könnte das Hauptquartier nach Frankfurt verlegen, um von den in Deutschland niedrigeren Refinanzierungskosten zu profitieren. Allerdings müsse Unicredit aus politischen Gründen auch weiterhin in Italien mit einer eigenen rechtlichen Einheit präsent sein.

Mustier könnte bei einer Übernahme der Commerzbank an deren Einlagen gelangen. Dies wäre attraktiv, weil die Refinanzierung italienischer Banken im Zuge des Haushaltskonflikts zwischen der EU-Kommission und Italien deutlich teurer geworden ist.

Fraglich ist allerdings, inwieweit Unicredit die Einlagen tatsächlich nutzen könnte. In der Vergangenheit sahen die hiesigen Aufseher den Transfer von Milliarden von der HVB nach Mailand kritisch.

Sparkurs bei Unicredit

Unicredit ist im deutschen Bankenmarkt seit Jahren eine Grösse, nachdem die Italiener die HypoVereinsbank vor eineinhalb Jahrzehnten für 15 Milliarden Euro gekauft haben. Seitdem ist die Bank kräftig geschrumpft: Beteiligungen wurden verkauft, das Filialnetz auf etwa die Hälfte eingedampft und zahlreiche Jobs gestrichen. Sie konzentriert sich auf ihre angestammten Regionen in Bayern und rund um Hamburg.

Jean Pierre Mustier hatte Unicredit bei seinem Amtsantritt 2016 einen Sparkurs verordnet, dem rund 14'000 Stellen zum Opfer fielen. Mit grössten Kapitalerhöhung in der Wirtschaftsgeschichte Italiens stopfte er vor zwei Jahren die Löcher in der Bilanz. Inzwischen zahlt sich der Sanierungskurs aus: 2018 stieg der bereinigte Gewinn auf 3,9 Milliarden Euro, obwohl die Einnahmen schrumpften.

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(reuters/tdr/mlo)