Herr Jung, Sie beobachten seit Jahren die Nachhaltigkeit von Schweizer Firmen. Ihre Einschätzung?

Wir stellen generell fest, dass der Umfang der Nachhaltigkeitsberichterstattung zugenommen hat. Häufig sind jedoch bei den Themen, wo es aus Nachhaltigkeitssicht relevant wird, nach wie vor Lücken vorhanden.

Wo gibts Fortschritte?

Die Detailhändler Coop und Migros sind herausragend. Sie haben über die letzten zehn Jahre weit reichende Anstrengungen unternommen, ihr Sortiment nachhaltiger zu gestalten und ihre Prozesse in ökologischer Hinsicht zu optimieren. Zudem setzen sich Migros und Coop intensiv für die unternehmens- und branchenübergreifende Business Social Compliance Initiative (BSCI) ein. BSCI ist eine internationale Wirtschaftsinitiative zur Verbesserung der Sozial- und Umweltstandards in der Lieferkette.

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Welche Firmen spielen gar in der Weltliga?

Neben Coop und Migros gehört Holcim dazu. Die Firma hat in der sehr stark umweltbelastenden Zementbranche weit reichende Massnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstosses unternommen. Sulzer ist in der Maschinenbranche weltweit führend. Der von uns am höchsten bewertete Reisedienstleister ist Kuoni.

Wirkt sich die Energiewende auf das Verhalten aus?

Wir erkennen vielfache Bemühungen, den Energiebedarf ökologischer zu gestalten. Doch bei den heutigen Energiepreisen lohnt es sich für viele finanziell noch nicht, ausschliesslich auf erneuerbare Energien zu setzen. Hier ist viel politische und regulatorische Rahmenarbeit nötig.

Inwiefern berücksichtigen Sie Corporate-Governance-Themen in Ihrer Bewertung?

Corporate Governance war stets Teil unserer Analyse: Fragen zur Unabhängigkeit der VR-Mitglieder, die Gewaltenteilung zwischen den Gremien, wie monetäre Anreizsysteme an Nachhaltigkeitsziele geknüpft sind. Corporate Governance hat in der Öffentlichkeit an Aufmerksamkeit gewonnen. Wir begrüssen diese Entwicklung und bieten in Zusammenarbeit mit zCapital und der Corporate Governance Agency die volle Produktpalette für engagierte Aktionäre an. Dazu zählen Stimmrechtsempfehlungen und der Dialog mit den Firmen zu wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen.

Nahrungsmittelfirmen stehen im Fokus, Stichwort Falschdeklarationen.

Falschdeklarationen führen je nach Verantwortung zu einer Abwertung im Nachhaltigkeits-Ranking. Den Einsatz unabhängiger Kontrollstellen und den Ausbau vertrauenswürdiger Labels (etwa Fairtrade Max Havelaar) würdigen wir positiv. Dazu zählt die Initiative BSCI, die für Verbesserungen in der Lieferkette sorgt.

Und die Textilproduktion in Bangladesch, wo Billigstarbeiter unter widrigsten Bedingungen produzieren?

Auch hier gilt, dass wir Unternehmen mit einer intransparenten Beschaffungskette und niedrigen Produktionsstandards im Vergleich schlechter bewerten. Skandale wie der vor kurzem erfolgte Einsturz eines Produktionsgebäudes in Bangladesch führen zu einer Abwertung.