Noch hat Jörg Sprave nicht viele Kunden. Das merkt man daran, dass er sehr schnell zurückruft. Aber Sprave hofft auf das ganz grosse Geschäft. Vor ein paar Wochen hat er deshalb die Firma Steuerverrat.de im deutschen Hagen gegründet. Im Internet fordern der Unternehmer und seine beiden Kompagnons dazu auf, Steuersünder nicht bei den Behörden, sondern besser gleich bei ihnen zu verraten.

Gelegentlich wirkt Klaus Zumwinkel auch heute noch sehr inspirierend. Angeregt vom Steuerfall des ehemaligen Deutsche-Post-Chefs, der aufflog, weil ein Mitarbeiter einer Liechtensteiner Bank für rund 5 Mio Euro geheime Bankdaten an den Bundesnachrichtendienst (BND) verkaufte, wirbt Sprave nun im Internet: «Sie haben Kenntnis über einen Fall der Steuerhinterziehung? Sie besitzen vielleicht sogar Beweise? Sie möchten ganz leicht viel Geld aus diesem Wissen schlagen?» fragt er. «Dann sind Sie hier richtig.»

Deutschland wird Spitzelstaat

Steuerverrat.de werte Beweise aus und biete sie den Finanzbehörden an, sagt Sprave. «Von den erzielten Belohnungen behalten wir lediglich einen Anteil von 15% – der Rest ist für Sie.» In spätestens acht Wochen will sich die Firma entscheiden, ob sie das Geschäft mit einem offiziellen Startschuss gross aufzieht.

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Deutschland wird zum Spitzelstaat. Unter dem Motto «Steuerhinterziehung ist kein Kavaliersdelikt» rufen seit einiger Zeit schon Staatsanwaltschaften, Polizeiämter und der Fiskus dazu auf, den Nachbarn, den Firmenchef oder gleich den Ehepartner bei den Behörden zu verzinken.

Schuld ist nicht zuletzt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. In seinem Haus ist man ganz zufrieden, dass man dem Liechtensteiner Datendieb rund 5 Mio Euro in die Hand drückte. «Immerhin haben wir mittlerweile mehr als 50 Mio Euro an hinterzogenen Steuern wieder hereingeholt», sagt ein Sprecher Steinbrücks. «Faktor zehn entspricht das.» Unter reinen Renditegesichtspunkten ist das ein ganz erklecklicher Profit. Kein Wunder, dass Menschen wie Sprave daran teilhaben wollen.

Damit es auch nicht zu kompliziert wird, hat sich Steuerverrat.de etwas einfallen lassen. Am einfachsten, sagt Sprave, funktioniere es über einen Knopf mit der Aufschrift Schnellmeldung. Per Mausklick kann der heimliche Informant sich aussuchen, ob er eine Person oder eine Firma an Steuerverrat.de ausliefern will. Bei der Höhe der Steuerhinterziehung unterscheidet Sprave zwischen sechs Grössenklassen, beginnend mit weniger als 1000 und endend mit mehr als 5 Mio Euro. Der Diplom-kaufmann will wissen, ob sich die Arbeit auch für ihn lohnt. Er kalkuliert, je höher die hinterzogene Summe, desto grösser die Belohnung, die er bei den Behörden aushandelt. Selbst eine neue Identität sei für seine Informanten gelegentlich drin, glaubt er.

Manch einer wird das danach gut gebrauchen können. «Bei den Anzeigen, die wir erhalten, zeigt sich die gesamte Bandbreite menschlichen Zusammenlebens», sagt Clemens Teschendorf von der Finanzverwaltung Berlin. Vom gelinkten Handwerker über den neidischen Nachbarn, der seinem Nächsten das neue Auto nicht gönnt, bis zum Firmenmitinhaber, der sich im Streit vom Geschäftspartner getrennt hat, immer wieder sind es ähnliche Motive, warum Menschen selbst ihre Liebsten anzeigen.

Gefahr von betrogenen Gattinnen

Gefährlich sind auch betrogene Ehefrauen. Manche sind geduldig. Über Monate kopieren sie die Geschäftsunterlagen ihres Mannes und gehen damit eines Tages für den Gatten völlig unerwartet zum Finanzamt. «Frauen fechten ein bisschen mehr mit dem Florett, mit List und Tücke», meinte der prominente Münchener Scheidungsanwalt Hermann Messmer. Sie denunzierten ihre Männer wegen Schwarzgeld. «Die Männer mussten nachzahlen, mussten Strafe zahlen – am Schluss merkten die Frauen, dass sie bei der Scheidung weniger bekamen.» Rache um jeden Preis ist manchmal ein schlechter Ratgeber.

Eigentlich müsste Sprave wissen, wie schnell man als vermeintlicher Steuersünder in Verruf kommen kann. Vor Jahren sei er selbst von einem entlassenen Mitarbeiter angezeigt worden. Zum Glück für ihn blieb das Ganze ohne Ergebnis. Für unseriös hält er sein Geschäft trotzdem nicht.