Kurz nach Ihrem Amtsantritt stand über Sie in der «Handelszeitung», Sie wollten das Image von ISS verbessern. Warum haben Sie sich dann erst jetzt einer Gleichstellungsinitiative angeschlossen?
Das hatte sicher mit Prioritäten zu tun, aber auch mit dem Verständnis für kulturellen Wandel. Ich bin sicher stark beeinflusst worden durch unsere nordischen Kollegen. Dort sind gewisse Gleichstellungsthemen einfach fünfzehn, zwanzig Jahre früher eingeleitet worden.
Hat Ihr dänischer Mutterkonzern Druck gemacht?
Wir hatten einen Strategiewechsel, mit dem solche Themen zu globalen Themen wurden. Da hatte ich einen Auftrag, habe mich dann aber auch bewusst viel mehr mit Diversity und Inklusion auseinandergesetzt. Und Zugehörigkeit, denn wir möchten, dass unsere Mitarbeitenden möglichst lange bleiben und unsere Kundinnen und Kunden unterstützen.
Sie gehörten mit Ebay, Sunrise oder der Post zu den ersten zehn Unterzeichnern der EqualVoice United Charta. Warum haben Sie ausgerechnet auf diese Initiative gesetzt?
Mein enger Freund Frank Bodin hat mir von EqualVoice erzählt. Ich schrieb dann Annabella Bassler, ob sie mir mehr davon erzählen würde, und fand es interessant, wie Ringier Frauen in Texten und Bildern sichtbarer machen wollte. Ich fand die Idee, das auf Firmen auszuweiten, spannend und habe mich dann auch engagiert und auch an der Charta mitgeschrieben.
Was war Ihnen wichtig?
Dass wir uns auf einige Punkte fokussieren und klare Zielsetzungen haben, damit es wirklich funktioniert.
Wird auch höchste Zeit, oder? Ihre Geschäftsleitung besteht aus neun Männern und einer Frau.
Darauf bin ich nicht stolz. Wir waren bei den letzten beiden Funktionen sogar mit einer spezialisierten Executive Search Agentur dran und mussten nach sechs Monaten einsehen, dass wir auch männliche CVs sichten müssen. Mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen, ist eine unserer wichtigsten Prioritäten. Zum Verständnis muss man allerdings wissen, dass 35 Prozent unseres Umsatzes mit technischen Berufsgattungen erbracht wird – da gibt es tendenziell schon mal mehr Männer. Aber wir wollen das fördern. Das fängt beim Messen und bewussten Rekrutieren an.
André Nauer (56) ist seit 2003 CEO von ISS Schweiz, einem Unternehmen für Facility Management und Services. Den Begriff «Reinigungsgigant» dafür mag er nicht – «denn wir sind ein Unternehmen mit 13’000 Mitarbeitenden und bieten 48 Services an». Seine Karriere startete Nauer, ausgebildet an der Hotelfachschule Luzern, ursprünglich in der Gastronomie. Im Januar 2022 gehörte er mit ISS zu den ersten zehn namhaften Firmen im Netzwerk EqualVoice United. Die Mitglieder wollen das im Rahmen der 17 Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen gesteckte Ziel zur Geschlechtergleichheit und Förderung von Mädchen und Frauen bis 2025 erreichen.
Sie haben in Ihrem Unternehmen offen kommuniziert, dass Sie zwei Drittel der Frauen und einen Drittel der Männer rekrutieren wollen, die frisch von der Uni kommen. Wie kam das an?
Das hat ein kleines Erdbeben ausgelöst. Einige Männer haben sich benachteiligt gefühlt. Wir haben dann mit ihnen gesprochen und ihnen aufgezeigt, dass wir es mit der Gleichberechtigung nicht schaffen, wenn wir nicht schon früh viele qualifizierte Frauen reinholen, die dann in die entsprechenden Rollen hineinwachsen und vakante Positionen füllen können.
Wie läuft es konkret in der Umsetzung?
Wir setzen die Zielsetzungen jährlich um ein oder zwei Prozentpunkte hoch und sind jetzt in Führungspositionen bei einem Frauenanteil von 33 Prozent. Angefangen hatten wir bei 23 Prozent.
Was hat den grössten Unterschied gemacht?
Sicher das bewusste Einsetzen von Bild und Text. Wir haben früher meist nur von der männlichen Form geredet, ohne uns das bewusst zu machen. Und bei den Bildern hatten wir zu 90 Prozent Männer abgebildet. Jetzt zeigen wir mehr Frauen und auch mehr ethnische Hintergründe und erzählen Geschichten von Frauen, die bei uns ihren Weg gemacht haben. Wir möchten zeigen, dass Frauen bei uns genauso ihre Chance haben wie Männer.
Gendern Sie?
Ich gebe mir sehr Mühe. Aber mir passiert es leider immer mal wieder, dass ich nur von einem Geschlecht rede. Das will ich natürlich nicht, denn ich möchte alle ansprechen und inkludieren. EqualVoice hat mich sehr sensibilisiert.
Bei Ihren Reinigungsfachkräften ist das Geschlechterverhältnis ja auch umgekehrt: Knapp 70 Prozent der Belegschaft sind Frauen. Arbeiten Sie auch aktiv daran, dort mehr Männer zu bekommen?
Ja, und es gelingt zunehmend, weil es durch Reinigungen, die im Laufe des Tages und nicht nur zu Randzeiten frühmorgens oder spätabends stattfinden, mehr Vollzeitstellen gibt. Das macht den Beruf sogar für beide Geschlechter attraktiver. Aber das ganze System mit den fehlenden Kitas und Tagesschulen ist natürlich immer noch unglücklich. In der Schweiz fehlen die Strukturen, die in den skandinavischen Ländern ganz normal sind, damit Menschen mit familiärer Verantwortung in höheren Pensen arbeiten können.
«Das Problem ist der <war of ressources>.»
Haben Sie Hoffnung, dass sich etwas ändert?
Die Schweiz hat gar keine Wahl. Es braucht mehr staatliche Unterstützungsmodelle in der ganztägigen Kinderbetreuung, damit die Wirtschaft auch die Ressourcen bekommt, die momentan im Arbeitsmarkt fehlen.
Stichwort: Fachkräftemangel. Wie betroffen sind Sie davon?
Wir erleben keinen «war of talents» mehr wie früher, sondern schlicht einen «war of ressources». Da sitzt das Problem. In allen Funktionen und Rollen fehlen Arbeitskräfte.
Wo sind sie?
Ein Teil mit Migrationshintergrund ist zurück in die Heimat gegangen. Besonders von den Portugiesinnen und Portugiesen sind viele in den letzten Jahren zurück nach Portugal.

Ist die Schweiz nicht mehr attraktiv genug oder wie erklären Sie sich die Rückkehr?
Ich denke, weil sich die wirtschaftliche Entwicklung im Heimatland verbessert hat und sie auch dort Einkommenssicherheit haben. Und dann fühlen sie sich natürlich wohler, weil sie dort Wurzeln haben.
Nauer überlegt weiter. Dann fragt er eine Servicekraft mit portugiesischen Wurzeln, die gerade vorbeiläuft: «Du, warum sind so viele zurück nach Portugal?» Sie: «Weil sie mehr das Leben geniessen wollen. In der Schweiz geht es immer nur um Arbeit.»
Das stimmt. Unsere Arbeitsbedingungen sind auch oft nicht ideal. Ich kämpfe auch mit anderen Vertreterinnen und Vertretern in der Industrie um eine bessere Gesamtentschädigung, vor allem im Tieflohnbereich. Auch wer in der Reinigung schafft, muss bei 100 Prozent Arbeit von seinem Lohn leben können.
Was ist denn das niedrigste Gehalt auf 100 Prozent bei Ihnen im Unternehmen?
Der tiefste … puh… 3676.40 Franken mal 13? Das muss über 4000 kommen und sollte sich dann nochmal um 500 Franken entwickeln können. Dann fängt für die Leute, die in urbanen Situationen schaffen, ein Einkommen an, mit dem sie ihre Existenz absichern können.
Haben Sie die Löhne an die Inflation angepasst?
Ja, um 1,8 Prozent auf allen Ebenen fix und weitere 0,5 Prozent konnten individuell durch den jeweiligen Teamleader bestimmt werden. Bei den GAV-Löhnen in der Reinigungsbranche waren es in der Deutschschweiz sogar 3 Prozent. Dafür habe ich mich miteingesetzt, weil ich es ein gutes Zeichen finde, wenn Menschen im Niedriglohnbereich stärker vor den Inflationskonsequenzen geschützt werden als Leute auf Kader-Level.
Ihnen ist eine gute Atmosphäre in der Firma sehr wichtig. Im Vorgespräch hatten Sie mir erzählt, dass Sie bei Bewerbungen auch auf die politische Linie achten.
Danach darf ich natürlich nicht direkt fragen.
«Diversity ist ein Wert und ein Gewinn.»
Wer hat bei Ihnen denn keine Chance?
Ich würde andersrum fragen: Wer hat denn eine Chance? Wir interessieren uns für Werte und was sich Menschen für ein Betriebsklima wünschen. Offenheit, Respekt und ein liberales Gedankengut sind für uns ganz wichtig.
Das heisst, SVP-Wähler gibts bei Ihnen nicht?
Wir haben sicher Befürworter, aber ich wüsste zumindest von keinen aktiven Politikerinnen oder Politikern. Was wir garantiert nicht haben: Jemanden, der extreme Rechts-aussen-Positionen vertritt und diese dann möglicherweise sogar auslebt. Das geht nicht bei 136 Nationalitäten und allen ethnischen Backgrounds und sexuellen Ausrichtungen im Unternehmen. Diese Diversity ist ein Wert und ein Gewinn. Sie müssten mal unsere Weihnachtsessen sehen, wenn alle in ihren traditionellen Kleidern und Trachten kommen!
Die spannendste Nationalität bei ISS, von deren Land Sie früher keine Ahnung hatten?
Ganz sicher Kolleginnen und Kollegen aus dem afrikanischen Raum. Da hatte ich Gespräche am Flughafen Genf, als ich dort einen Tag mitarbeitete – das machen wir alle einmal im Jahr. Wirklich ein tougher Job, den die da erledigen. Und beim Kaffee in der Pause kam ich ins Gespräch und wir haben über lokale Bräuche gesprochen. Es war faszinierend für mich, zu sehen, wie diese Unterschiede da sind, aber auch eingebracht werden.
Die verschiedenen Nationalitäten können aber auch zu Problemen führen. Was ist, wenn eine Ukrainerin und ein Russe zusammenarbeiten müssen?
Genau diesen Fall haben wir gerade in einem Team mit einer Ukrainerin, die meine Familie und ich selbst zuhause mit ihrer Tochter während 6 Monaten aufgenommen hatten, und einem russischen Staatsbürger. Die arbeiten ohne Spannungen zusammen, weil sie beide auch zutiefst bedauern, was da passiert. Ich bin ja 1998 zu ISS gekommen, da war gerade der Jugoslawienkrieg, und mich hat damals schon total erstaunt, wie die unterschiedlichen Gruppierungen aus dem Balkan in Teams zusammengearbeitet haben. Sie hatten für sich die Regel: Während der Arbeit sprechen wir nicht darüber, sonst gibts untereinander Probleme.
Sie sind jetzt seit zwei Jahrzehnten Chef. Hätten Sie mal lieber einen Mann oder eine Frau als Ihre Nachfolge?
Vor allem am liebsten einen Menschen, der aus unserem Unternehmen kommt. Wenn es uns gelingt, eine Kollegin oder einen Kollegen so zu entwickeln, dass er die Aufgabe übernehmen kann, dann spielt das Geschlecht für mich keine Rolle. Aber es wäre super, wenn wir bis dahin Frauen auf der Topebene hätten, welche sich dann auch für den Job interessieren.

