Die Business-Idee

Robo-Advisors gibt es in der Schweiz mittlerweile wie Sand am Meer. Das Innerschweizer Fintech Selma Finance wolle sich deshalb über die Schnittstelle differenzieren, sagt Mitgründer Patrik Schär: «Mit Selma können unsere Kunden über ihre Finanzverhältnisse chatten und erhalten personalisierte Anlageempfehlungen.» Selma, der «freundliche, persönliche Investor», ist nämlich ein Chatbot, der das holistische Beratungsgespräch eines Privatbankers, in eine Tastenkonversation am Bildschirm überführt.

Im Gegensatz zur Konkurrenz will Selma Finance nicht nur ETF aufgrund eines Risiko-Fragenbogens mischen, sondern den Finanzhorizont erweitern: «Selma erstellt im Gespräch für jeden Kunden eine persönliche Bilanz, die Alter, Lebenssituation, Einkommen und Sparpotenzial miteinbezieht und daraus ein gesamtheitliches Risikoprofil ermittelt», so Schär. Das Ergebnis ist nicht in Stein gemeisselt. Selma macht stetig ein Rebalancing des Portfolios. Kosten: 0,72 Prozent pro Jahr, ab 5000 Franken Anlagevolumen.

Die Gründer

Entwickelt wird der Privatbanker-Bot in einem ehemaligen Spital in Helsinki, das heute als Startup-Hub vom finnischen Staat betrieben wird. «Wir sind im Büro des Chefarztes für Innere Medizin einquartiert», sagt Patrik Schär, der auf der Rigi aufwuchs und hernach eine Banklehre absolvierte. Seine drei Mitstreiter lernte Schär beim Studium in Skandinavien kennen, weshalb Selma nun in Finnland entwickelt wird, während Kunden- und Vermögensverwaltung aus der Schweiz heraus geschehen. Nebst Banker Schär sind ein digitaler Marketeer mit an Bord, eine Spezialistin für User-Interface-Design sowie ein Serien-Startup-Unternehmer, der einst für Nokia den Internetservice Ovi baute.

Der Markt

Wie alle Robo-Advisor-Lösungen braucht auch Selma Finance ein erhebliches Asset-Volumen, um profitabel zu wirtschaften: «Zwischen 400 und 500 Millionen Franken an investierten Anlagen müssen es schon sein», sagt Chef Schär, dessen Fintech sich vor allem auf das Frontend, also den Kundenkontakt, konzentriert und deshalb auch als Kooperationspartner für Banken interessant sein könnte.

Das Kapital

Nach einer Finanzierungsrunde im Oktober 2016 hat Selma Finance kürzlich von hiesgen Angel-Investoren eine zweite Kapitalspritze erhalten. Zu den Selma-Investoren gehört beispielsweise der Ex-Oliver-Wymann-Partner Stefan Jaecklin (und andere wie Lend, Lykke). Die Finanzspritze gebe Luft für ein bis zwei Jahre, sagt Schär. Die Geldverbrennungsrate für Selma Finance ist tiefer, weil die Bot-Entwicklung in Finnland geschieht, wo gemäss Schär das «Development» um die Hälfte günstiger sei als in der Schweiz. Auch subventioniert der finnische Staat die ansässigen Startups grosszügig.

Die Chance

Für Fintech-Experte Thomas Puschmann von der Uni Zürich ist klar: «Robo-Advisors wie Selma müssen erst beweisen, dass sie Kunden gewinnen können.» Trotz steigenden Assets under Management weltweit seien die investierten Beträge im Vergleich mit den bei Banken angelegten Geldern immer noch recht klein, sagt er. «Es bleibt also abzuwarten, ob die Konsumenten bereit sind, ihre Geldanlagen in grösserem Umfang über diese Plattformen zu investieren.»

Allerdings scheine der Trend der Digitalisierung unumkehrbar zu sein, denn die heranwachsende neue Generation der Anleger sei mit den neuen Werkzeugen gross geworden und erwarte dieselben Dienste nicht nur aus dem Retail, Spiele- und Musikbereich, sondern auch von den Finanzdienstleistern, so Puschmann

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