Der Zürcher Verleger und Multimillionär Jürg Mar­quard ist nur auf dem Papier ergraut. Der Alt-68er brachte es über Jahrzehnte mit Magazinen wie «Playboy», «Cosmopolitan» und «Joy» zu Ruhm und Geld. Heute noch, mit 74 Jahren, wird er nicht müde, ein neues Projekt nach dem anderen aus dem Boden zu stampfen.

Sein neuestes Baby: eine App, welche Gamer noch mehr zum Spielen anregen soll. Scill heisst die App, 4Players die Firma, welche zur Marquard Media Group gehört. Der Medienmogul träumt laut Medienberichten vom nächsten Unicorn, einer Firma fernab der Börse mit der Bewertung von 1 Milliarde Dollar.

Games spülen bereits Milliarden in die Kassen der primär in den USA und China ansässigen Entwicklerfirmen (siehe Grafiken). Mit 4Players in Deutschland will der Medienmann nun selbst zum Fixstern in der Gaming-­Welt werden. Und Europa endgültig als dritten Big Player in der Spielewelt etablieren.

Hoher Suchtfaktor

Für die Entwicklung einer sogenannten In-Game-App lässt Marquard millionenhohe Investitionen springen. Denn er glaubt an das Konzept: Sollte es bei einem Killer-Spiel wie «Counter-­Strike» einmal langweilig werden oder nicht mehr weitergehen, können die Gamer über Scill neue Herausforderungen ­suchen – und dabei Skins und Coins gewinnen.

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Scill: die neue Spiel-im-Spiel-App aus Marquards Reich. Also ein Gewinnspiel innerhalb eines klassischen Geschicklichkeits- und Unterhaltungsspiels. Der Suchtfaktor ist hoch, die Gewinnchancen auch. Und das heisst: mehr Lust für die Spieler und mehr Geld für Marquard, der bislang einen guten Riecher fürs grosse Geld besass.

Die Chancen auf Erfolg stehen gut. Phillip Schuster, Marquards Entwicklerchef und Leiter von 4Players, war dieser Tage auf der weltgrössten Spielemesse Gamescom in Köln unterwegs. «Bei allen Publish­ern, bei denen wir unser Produkt vorstellen, rennen wir offene Türen ein.» Spieleentwicklern fehlen oft Zeit und Ressourcen, solche Apps samt Content selbst zu bauen. In diese Marktlücke dringt der neue Game-Imperator Marquard mit seinem Entwicklerteam vor.

Schuster sieht bis Ende 2021 bereits die Umsätze sprudeln. «Wir wollen bis dahin klar siebenstellig sein.» Rund 5 Millionen Euro Umsatz in weniger als dreissig Monaten hält er für realistisch. Unterstützt wird er von Marquard persönlich. «Er bringt sich ab­solut ein», sagt Schuster. Es sei erstaunlich, wie viel Interesse und Know-how er mitbringe, aktiv, sachlich sattelfest, «er gibt wertvolle Tipps und Infos».

Marquard steht seinem Schützling mit der geballten Macht seiner Mediengruppe zur Seite, um das neue Produkt zum Fliegen zu bringen. Er organisiert das Spieleindustrieforum Devcom, gibt Magazine wie «Games Aktuell» sowie das «Linux-Magazin» heraus und betreibt nutzerstarke Portale wie Golem und Gamesworld. Wo es um Games und Videospiele geht, da ist auch Marquard dabei. Seine Gruppe entwi­ckelte in kurzer Zeit völlig neue Geschäftsansätze in Gaming und IT.

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Und das in Kernmärkten wie der DACH-­Region und Osteuropa. Derweil hält Marquard, dessen Vermögen auf eine halbe Milliarde Franken geschätzt wird, den Ball noch flach. «Scill befindet sich in der Betaphase», sagt der Medienrevoluzzer. An die grosse Glocke hängen will er das Projekt noch nicht. Herunterladen kann man die App aber schon im Apple- und im Android-Store. Frei zum Testen, Spielen und Gewinnen.

Der Erfolg Marquards kommt nicht von ungefähr. Heute fährt der Society-­Löwe, der mit Gattin Raquel kaum eine Party auslässt, einen Rolls-Royce und zehn Sportwagen. Das Ehepaar pendelt in Jetset-Manier zwischen Gütern, Häusern und Chalets in Sylt, der Karibik und Herrliberg. Vor fünfzig Jahren war das noch anders. Aus dem Nichts gründete er die Marquard Media Group mit fremdem Geld. Mit zum Aufstieg gehörten auflagenstarke Lifestyle-Magazine. Heute ist die Gruppe in den Segmenten Print, Online, Events und softwarebasierten Dienstleistungen tätig.

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Teile seiner Magazinwelt wurde er in der Zwischenzeit wieder los. Einen Fünftel seiner gesamten Gruppe hat er an den neuen Miteigentümer Bijan Khezri verkauft, der nun gleich das ganze Unternehmen operativ leitet.

Neues Steckenpferd E-Sport

Mit dem Anteilsverkauf und der Neubesetzung des Chefsessels ist klar, wohin die Reise geht: mehr Digital, mehr Games, mehr Innovation. Dafür weniger Print, weniger Lifestyle, we­niger von der alten Medienwelt. Und das Ganze mit einer bedeutsamen Fussnote versehen, nämlich: E-Sport.

Das ist auch das Metier des neuen Chefs, da kommt er her. Khezri war sechs Jahre lang Präsident von Sport­radar, weltweit führender Anbieter von Sportdaten und -analysen. Heute ist er Präsident der EEM World, Eigentümer und Betreiber von Reitturnieren in Paris, Hongkong, New York und Lausanne. Und steht Präsident Marquard zur Seite, um jetzt die Gaming-Welt auf den Kopf zu stellen.

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Womit sich der Kreis zu Marquards jüngster Entwicklung Scill schliesst: In-App-Lösungen in Videospielen sind nicht nur bei Ego-Shootern gefragt, sondern auch bei Sport-Games.

Ein Hindernis gilt es dabei allerdings noch zu lösen: In einigen Ländern könnten Apps wie Scill als Glücksspiel gewertet werden und in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Denn das In-Game-Konzept kann auch Geldein­sätze und Gewinne beinhalten und zum Glücksspiel animieren. Belgien hat sich daran gestossen, Regulatoren anderer Länder sind diesbezüglich nervös. Aber Marquard wäre nicht Mar­quard, wenn er sich davon bremsen liesse.