Die Fernsehbilder zeigten Idylle pur: ein Dorfbach, der friedlich in seinem Bett vor sich hin murmelt, die Dorfkirche im Hintergrund. Doch dann zoomte die Kamera auf ein Schild oberhalb des Dorfbrunnens, das die Bewohner von Vittel und ihre Gäste dazu auffordert, maximal sechs Flaschen von dem Nass abzufüllen – und schon stand die Story: Nestlé gräbt den Bewohnern von Vittel das Wasser ab. 

Die Episode zeigt: Der Widerstand gegen das Abzapfen von Wasser durch die Industrie nimmt zu. Immer häufiger kommt es vor, dass Grosskonzerne ihre Wasserpläne nach Protesten von Umweltschützern begraben müssen. 2015 legten die indischen Behörden eine Wasserfassung von Coca-Cola in Mehdiganj still; dies, nachdem sich Umweltaktivisten das Dorf in Uttar Pradesh, einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens, vorgenommen hatten, um gegen die Grosskonzerne Stimmung zu machen. Später boykottierten eine Million indische Kleinhändler Coca-Cola und Pepsi, weil diese angeblich die Wasserversorgung des ganzen Subkontinents bedrohten.

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Das Imageproblem wird zur Belastung fürs Geschäft

Die Episode zeigt: Der Widerstand gegen das Abzapfen von Wasser durch die Industrie nimmt zu. Immer häufiger kommt es vor, dass Grosskonzerne ihre Wasserpläne nach Protesten von Umweltschützern begraben müssen.

Doch nun bringt sich die Industrie in Stellung – allen voran Nestlé. Der Konzern reagiert heute prompt, wenn eine Geschichte wie die von Vittel aufploppt. «Fragen Sie uns», heisst die entsprechende Rubrik auf der Webseite. «Nestlé antwortet» ist das Prinzip. Anders als früher hat der Konzern heute ein ausgeklügeltes Social-Media-Monitoring, um drohende Shitstorm im Frühstadium abfangen zu können. Verteidigen statt verschanzen, Präsenz statt passen: Vevey hat seine Lektion gelernt.

Augenöffner war der Film «Bottled Life» von 2012. Er hat das Klischee von den Buhmännern vom Genfersee, die ausgerechnet den Ärmsten das Wasser wegnehmen, in die Welt gesetzt. Schlecht für Nestlé: Der Konzern verweigerte sich damals einer Auseinandersetzung. Stattdessen versuchte man, die Geschichte auszusitzen. 

Mehr noch: Der damalige Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck argumentierte in einem Interview derart ungeschickt, dass nur eines hängen blieb: Nestlé stellt das Recht auf Wasser infrage. Da half es auch nichts, dass er sich in einem früheren Interview sehr präzis ausgedrückt und gesagt hatte, dass jeder Mensch 50 bis 100 Liter Wasser pro Tag zur Verfügung haben solle, ums seine persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen; dass es aber kein Recht auf Wasser gebe, um einen Swimming Pool mit Wasser zu füllen oder um ein Auto zu waschen. Das PR-Unglück war passiert. 

Doch das Imageproblem ist nicht das einzige Problem, das Nestlé beim Thema Wasser zu schaffen macht. Viel schwerer wiegt, dass das Wasser immer knapper wird. Gründe sind die wachsende Weltbevölkerung, der zunehmende Konsum und die Klimaerwärmung. 

Der Kampf um das kostbare Nass wird sich verschärfen in den kommenden Jahren. Nicht dass es zu wenig Wasser gäbe oder dass Wasser eine endliche Ressource wäre. 1,4 Milliarden Kubikkilometer oder 1386 Trillionen Liter Wasser zirkulieren auf der Erde – eine Menge, die längst für alle reicht und die immer gleich bleibt, ungeachtet dessen, ob das Wasser genutzt wird oder nicht.

Das Problem ist nicht die Menge, sondern die Verteilung des Wassers. Extreme Wetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen werden wegen der Klimaerwärmung zunehmen. Diejenigen, die heute schon zu wenig Wasser haben, werden noch mehr leiden, und dort, wo es heute schon sehr nass ist, wird es noch mehr regnen.

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Dazu kommt die zunehmende Übernutzung des blauen Goldes. Seit den Achtzigerjahren nimmt der Wasserverbrauch weltweit jedes Jahr um ein Prozent zu. Am meisten, nämlich 60 bis 70 Prozent des Wassers fliessen in die Landwirtschaft. Ein Grund für den steigenden Wasserbedarf ist deshalb  das Bevölkerungswachstum: Je mehr Menschen, desto grösser der Wasserverbrauch. Auch der steigende Fleischkonsum treibt den Wasserkonsum in die Höhe. 

Und schliesslich ist es der zunehmende Wohlstand, der den Wasserverbrauch explodieren lässt. Die Produktion eines T-Shirts verschlingt 500 Liter Wasser, diejenige von 100 Gramm Hühnerfleisch 100 Liter, die eines Liters Milch gar 1000 Liter.

Der Kampf wird härter werden. Gemäss dem UN-Weltwasserbericht 2019 haben bereits heute mehr als zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Bis 2050 werden es 5,7 Milliarden sein. Neun von zehn Naturkatastrophen haben mit zu viel oder zu wenig Wasser zu tun und das Risiko, durch eine Naturkatastrophe zur Migration gezwungen zu werden, hat sich seit 1975 verdoppelt.

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Auch die Water Resources Group, eine bei der Weltbank angesiedelte Arbeitsgruppe aus Industrie und Regierungsorganisationen, schlägt Alarm. Die Initiative, die vom damaligen Nestlé-Verwaltungsratspräsidenten Peter Brabeck mit initiiert und heute von Nachfolger Paul Bulcke geleitet wird, kam schon 2009 zum Schluss, dass die Wasserversorgung bereits 2030 in vielen Regionen akut gefährdet sein wird, sollte die Verschwendung so weitergehen wie heute.

Das sind keine guten Perspektiven für eine Industrie, die bereits heute 100 Milliarden Dollar Umsatz macht, und die schon in wenigen Jahren auf mehrere Hundert Millionen Dollar kommen wird.

Doch nun geben die Konzerne Gegensteuer, allen voran Nestlé. Der von vielen verschrieene Skandalkonzern gehört zu den treibenden Kräfte hinter der Allliance for Water Stewardship, einer von staatlichen Stellen wie der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit sowie der Industrie und Nichtregierungsorganisationen ins Leben gerufene Initiative.

Ziel dieser in Irland domizilierten, schnell wachsenden Organisation ist es, den Wasserverbrauch so zu organisieren, dass er die Umwelt nicht belastet, dass er die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung berücksichtigt und dass er wirtschaftlich nachhaltig ist.

Die Wasser-Allianz

Die Alliance for Water Stewardship ist eine Initiative von Industrie, staatlichen Organisationen und NGO. Ziel ist ein ressourcenschonender und wirtschaftlicher Umgang mit dem Wasser. Zudem verpflichten sich die Mitglieder, dafür zu sorgen, dass die Lokalbevölkerung rund um ihre Anlagen ausreichend mit Trinkwasser versorgt ist.

Gründungsmitglieder waren Nestlé, der deutsche Grosshändler Edeka und die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, von den NGO sind unter anderem der WWF und Helvetas dabei. Inzwischen haben sich Dutzende Firmen der Initiative angeschlossen, auf der Liste finden sich prominente Namen wie Apple. Industrie, staatliche Institutionen und Zivilgesellschaft sind je zu einem Drittel stimmberechtigt, unabhängig von der Zahl ihrer Mitglieder.

Die Gründe für das Nestlé-Engagement liegen auf der Hand. Am meisten Sorgen muss die zunehmende Wasserknappheit zwar Pure Playern wie Coca-Cola und Pepsi machen. Aber auch Nestlé ist im Wassermarkt stark exponiert. Das Unternehmen machte 2018 fast 8 Milliarden Franken oder knapp  9 Prozent des Umsatzes mit dem blauen Gold. In Mark Schneiders Wachstumsstrategie zählt das Wasser zu den drei wichtigsten Pfeilern, zusammen mit Nutrition (Baby- und Kindernahrung) und Kaffee.

Cold Spring, eine Quelle der Nestlé-Marke Poland Spring, zwei Autostunden nördlich von Portland im amerikanischen Bundesstaat Maine: endlose, in gelbrot getauchte Wälder, ein Schotterweg, der ins Leere führt. Seit 175 Jahren wird hier Quellwasser gefördert, zuerst von einer Siedlerfamilie, die die Quellen jeweils nach den europäischen Ländern benannte, die sie bereiste: Denmark – oder eben Poland. Seit 1992 gehört die Marke zu den Stützen des 4,3 Milliarden starken Wassergeschäfts von Nestlé in den USA.

Nestlé zapft in Maine 0,001 Prozent des Wassers ab

Fast 400 Millionen Liter Wasser darf Nestlé in dieser Wasserscheide pro Jahr maximal abpumpen. Das entspricht 2 Prozent der 19 Milliarden Liter oder 120 Zentimeter Regen, die im Einzugsgebiet der Quelle jährlich niedergehen. Zum Vergleich: In ganz Maine gehen pro Jahr 95 Trillionen Liter Regen nieder, von denen die Wasserindustrie total 0,001 Prozent abzwackt.

«Wir behalten den Wasserspiegel konstant im Auge», sagt Mark Dubois, Water Resource Manager von Poland Spring, während wir mit den Füssen mitten im Problem stehen: im Wasser. Rund die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt der ausgebildete Geologe in den Wäldern von Maine, um das, was in den Tiefen unter den zehn Quellen von Poland Spring vor sich geht, im Auge zu behalten.

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Mark Dubois Nestlé-Geologe in Maine

Mark Dubois, Nestlé-Geologe, in Maine: «Wir behalten den Wasserspiegel konstant im Auge.»

Quelle: ZVG

In den Boden eingelassene Stäbe messen den Wasserdruck im Aquifer, der sandigen Schicht, die das Wasser speichert; «der Wasserdruck ist entscheidend, wenn dieser zunimmt, dann heisst das, der Grundwasserspiegel steigt, wenn er nachlässt, dann sinkt er», sagt er; dreimal wöchentlich entscheidet Mark Dubois, bei welcher der zehn Quellen der Hahn zu- und wo er aufgedreht wird; im Sommer, wenn die Schneeschmelze vorbei ist, es wenig regnet und die Nachfrage gross ist, sogar täglich.

Daneben arbeitet der Quellen-Beauftragte mit Hochdruck daran, Poland Spring für die Zertifizierung als nachhaltige Quelle im Rahmen der Alliance for Water Stewardship fit zu machen. 22 der 86 Nestlé-Quellen haben die Hürde bereits genommen, in den USA kam vor wenigen Wochen eine Quelle in Michigan neu dazu. Bis 2025 soll das Nestlé-Wassergeschäft zu 100 Prozent zertifiziert sein.

Übrigens: Die Quelle von Vittel ist eine der 22 Quellen, die den Test bereits bestanden haben.