Die 32 Schwerbewaffneten stürmten im Morgengrauen die Förderanlage des Gasfeldes von Tiguentourine, einer gottverlassenen Gegend in Algerien, 45 Kilometer von der Grenze zu Li­byen entfernt. Die Islamisten nahmen 130 ausländische Techniker als Geiseln. Sie waren als Spezialisten bei rund fünfzig Unternehmen aus aller Welt angestellt.

Diese Geiselnahme von 2016 gehört zu den spektakulärsten bisher. «Es gibt unbekannte und unsichtbare Gefahren, wenn Angestellte in fremde Länder geschickt werden», stellt Denise Balan vom Spezialversicherer XL Catlin fest. Er bildet inzwischen zusammen mit Axa Corporate Solutions, Axa Art sowie Axa Matrix die vor einem Jahr neu geschaffene ­Division für Sach-, Haftpflicht- und Spezialrisiken Axa XL. Sie ist nach eigenen Angaben derzeit die grösste Anbieterin für Unternehmensversicherungen weltweit.

Diskretes Geschäft

Wie gross der Nischenmarkt in der Schweiz für «Kidnap and Ransom»-Policen ist, bleibt schwierig abzuschätzen, weil die Anbieter naturgemäss äusserst diskret operieren. «Beim Thema Lösegeldversicherungen gilt es zu bedenken, dass die Diskretion eine sehr grosse Bedeutung hat, weil keinerlei Interesse besteht, dass bekannt ist, wo und unter welchen Umständen Lösegeldversicherungen zum Einsatz kommen», schildert Sabine Alder vom Schweizerischen Versicherungsverband (SVV) die Ausgangslage. Auch die Marktzahlen der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) weisen die Entführungsversicherungen bezeichnenderweise nicht separat aus.

Eine Schätzung des US-Versicherungskonzerns AIG ging 2015 von jährlich weltweit 15 000 K&R aus, für die in 68 Prozent der Fälle rund 500 Millionen Dollar Lösegeld bezahlt wurden. Eine andere Schätzung aus der Versicherungsbranche geht davon aus, dass in mindestens 90 Prozent aller Fälle die Opfer keine Ausländer, sondern Einheimische sind, für die meistens «lediglich» ein paar hundert oder ein paar tausend Dollar bezahlt würden.

«Der Markt für K&R-Policen in der Schweiz ist stabil, die Dynamik findet eher im Bereich Cyberkriminalität statt», gibt Konrad Hugo von Walser Versicherungen + Vorsorge in Rüschlikon einen wichtigen Hinweis. Hugo, der über dreissig Jahre im Geschäft ist, vermittelt zusammen mit seinem Team K&R-Policen vor allem für Angestellte grösserer Unternehmen zum Beispiel aus der Finanzwirtschaft, aber auch für Entsandte von NGO, an Journalisten beziehungsweise ihre Verlage sowie KMU-­Geschäftsreisende.

Kritische Gebiete

Hugo arbeitet mit AIG zusammen. Auf der kritischen Länderliste des US-Versicherers finden sich 31 Länder von Afghanistan und Algerien bis zur Zentralafrikanischen Republik. Ebenfalls auf der Liste sind beispielsweise Ägypten, Indien, Kenia, Kuba, Mexiko, die südlichen Philippinen, Weissrussland, Venezuela – und die Türkei. Das sind Länder, die Topleute von Schweizer Unternehmen möglicherweise auch als Privatpersonen besuchen könnten.

Die Gefahrenkarte ist das eine, der zunehmend «gläserne» Mensch etwas anderes. «Er macht uns zu aus­gesuchten Zielen», heisst es im Merkblatt der Zürcher ­Advantis-Versicherungsberatung. Sie weist darauf hin, dass in unserer durch Informationstechnologie dominierten Gesellschaft private Informationen wie beruf­liche Stellung, Einkommen, Familienverhältnisse und Gewohnheiten für immer mehr Menschen und Organisationen leichter verfügbar seien.

«Vielen Arbeitgebern ist nicht vollständig bewusst, dass sie eine arbeitsrechtliche Fürsorgepflicht haben», spricht Konrad Hugo einen weiteren Aspekt an. Unternehmen seien verpflichtet, gegenüber den Angestellten Vorsicht und Umsicht walten zu lassen, um Risiken zu vermeiden und Schäden zu verhindern, heisst es tatsächlich sinngemäss im OR-Artikel 328.

Umfangreiche Deckung

Eine vollständige K&R-Police deckt nicht nur Löse- und Erpressungsgelder ab, sondern auch den möglichen Verlust bei der Übergabe des Lösegeldes, Kosten für Rechtsberatung, Sicherheitsdienste sowie die Reise und Unterbringung eines Versicherten. Weitere Bestandteile sind Kosten für mögliche Betriebsunterbrechungen, für politisch bedingte Eilrückführungen sowie die Kosten für ­Erholung, Rehabilitation und Personenschäden.

Eine Faustregel in der K&R-Branche besagt, dass ein Berater dann gut gearbeitet habe, wenn das Honorar die Höhe des Lösegeldes nicht übersteige. Die Deckungssummen reichen im Übrigen bis über 50 Millionen Franken für Konzernangestellte. Die Spannbreite der jähr­lichen Prämien reicht von 2000 Franken pro Angestellten in kleinen Unternehmen bis zu 250 000 Franken für Topshots.