Lohnt sich für uns eine interne Krippe? Wie viele Betreuungsplätze brauchen wir? Wie müssen die Räumlichkeiten konzipiert sein? Wer soll das bezahlen? Professionelle Kinderbetreuung umfasst viele Teilbereiche und erfordert entsprechendes Fachwissen: In pädagogischer, ökonomischer, betriebswirtschaftlicher, personal- und nicht zuletzt sozialpolitischer Hinsicht.

Fachleute wie etwa der Aargauer Berater Sergio Tassinari oder das Berner Unternehmen Krips haben sich darauf spezialisiert, Fragen rund um Aufbau und Betrieb von Kindertagesstätten professionell zu beantworten. Sie erstellen Betriebskonzepte und Gutachten und beraten auch hinsichtlich der pädagogischen Ausrichtung einer Institution. Krips, vom Betriebs- und Maschinenbauingenieur Marc Tesch und dem Pädagogen und Psychologen Gérard Kahn gegründet, bietet ausserdem auch Supervision und Coaching an für bereits bestehende Betreuungsstätten.

Vollservice

Eigentliche Rundum-Lösungen für alle Aspekte der familienergänzenden Kinderbetreuung bieten Organisationen wie Childcare Service und Familienservice. Child-care ist eine Non-Profit-Organisation und hauptsächlich in den Städten Zürich, Basel, Zug und ganz neu auch in Bern tätig. Der in Winterthur domizilierte «Familienservice», 1996 im Auftrag und mit finanzieller Starthilfe der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zürich gegründet, engagiert sich neben Zürich und Winterthur vorwiegend in den Regionen Ostschweiz und Mittelland.

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Beide Organisationen bezwecken, Firmen und ihre Mitarbeiter in allen Fragen rund um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu beraten, daneben betreiben sie auch eigene Krippen oder unterstützen Unternehmen beim firmeninternen Betrieb einer solchen. Krippenplatz, Nanny, Babysitter, Übergangslösungen, Notbetreuung ­ Childcare und Familienservice bieten Lösungen für so ziemlich jede Situation, die Eltern davon abhalten könnte, ihren Kopf ganz bei der Arbeit zu haben. An Tagungen, Messen oder während Weiterbildungen zum Beispiel unterhält und betreut «Mary Poppins», ein Angebot des Familienservice, die Kinder der Beteiligten. Die Betreuungsplätze in den von den Organisationen selbst betriebenen Krippen vermieten oder verkaufen sie an die Partnerfirmen. Die Kosten von rund 100 Fr. pro Betreuungsplatz und Tag werden von diesen grundsätzlich an die Eltern weiterverrechnet.

Ein Betreuungsangebot also nur für Besserverdienende? Um eigentliche Elite-Krippen zu vermeiden und eine gesunde soziale Durchmischung der Kindergruppen zu gewährleisten, versuchen Child-care und Familienservice, ihre Partner davon zu überzeugen, von den Eltern einkommensabhängige Beiträge einzuziehen ­ so könne eine möglichst breite Schicht von Arbeitnehmern vom Angebot profitieren.

Dass die Angebote dennoch eher von gut qualifizierten, gut verdienenden Angestellten in Anspruch genommen werden, bestreitet Kathrin Toberer, Geschäftsführerin des Familienservice, nicht. Alle Partnerfirmen ihrer Krippen wendeten bisher ein einkommensabhängiges Tarifsystem an und beteiligten sich dadurch mit beachtlichen Beiträgen an den Betreuungskosten. Was unter anderem auch dazu führe, dass die öffentliche Hand entlastet werde.

Beide Organisationen weisen Interessierte von sich aus darauf hin, dass die Abhängigkeit eines Krippenplatzes vom Arbeitsplatz auch Schwierigkeiten mit sich bringen könne. Im Falle einer Kündigung oder eines Arbeitsplatzwechsels stellen sie deshalb für Übergangslösungen «neutrale» Krippenplätze zur Verfügung oder bemühen sich, zusammen mit den Eltern Lösungen zu finden.

Gefragte Dienste

Familienservice hat seine Tätigkeit vor sechs Jahren mit 50 Stellenprozenten aufgenommen ­ heute sind es bereits 400%. Auch Childcare baut kontinuierlich aus und freut sich über stetigen Zuwachs bei den Partnerfirmen ­ inzwischen sind bereits 80 Firmen als Mitglieder angeschlossen. Die Art der Dienstleistung wird offensichtlich sowohl von Firmenleitungen wie auch von Eltern geschätzt. «Wir sind froh, all dies an eine professionelle Organisation delegieren zu können», hört Childcare-Koleiterin Andrea Jenzer immer wieder aus Firmenkreisen.

Nachdem sich lange fast aus-schliesslich Grossunternehmen wie die Credit Suisse, Sulzer, die ZKB und die Winterthur für den Familienservice interessierten, nehmen jetzt auch die Nachfragen von Seiten der KMU zu, erklärt Geschäftsführerin Kathrin Toberer. Die Gretchenfrage laute dabei immer noch: Sind die Arbeitgeber bereit, sich an der Betreuung des Nachwuchses ihrer Belegschaft zu beteiligen? Und wenn ja: Was darf es kosten?

Ingenieure aus dem Sandkasten

Beispiel KMU: Die Maxon Motor betreibt seit 30 Jahren eine firmeneigene Kinderkrippe. Die Folgen sind eine höhere Attraktivität als Arbeitgeber und eine geringere Fluktuationsrate.

Wer nicht wahrgenommen wird, den gibt es nicht.» Mit diesem Zitat ihres CEO Jürgen Mayer begrüsst die Obwaldner Maxon Motor AG ihre Besucher. Kaum eine andere Erkenntnis umschreibt so treffend den jahrzehntelangen Umgang der Wirtschaft mit dem Nachwuchs ihrer Mitarbeiterschaft: Nicht wahrgenommen, nicht existent. Durchaus wahrgenommen werden muss-ten dagegen zeitweise die Schwierigkeiten in der Rekrutierung von weiblichen, unqualifizierten Arbeitskräften ­ häufig junge Mütter. Bei Maxon Motor in Sachseln, spezialisiert auf Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von Antriebskomponenten und heute Arbeitgeber für weltweit 1100 Angestellte, erkannte man schon vor 30 Jahren, dass das Nur-Hausfrau-und-Mutter-Modell auf Dauer wirtschaftlich mehr schadet als nützt. In einer Zeit, in der Krippen verpönt waren, versprach man sich durch den Aufbau einer solchen grössere Attraktivität bei weiblichen Angestellten und eine geringere Fluktuation.

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Die Rechnung ist laut Karl-Walter Braun, Hauptaktionär und Sohn des damaligen Krippengründers, aufgegangen: «Heute haben wir sogar Mitarbeitende bei uns, die als Kleinkinder in unserer Krippe waren, danach bei Maxon die Lehre absolvierten und auch als ausgebildete Fachkräfte uns die Treue halten.»

Ungewöhnlicher Lärm

Sind sie erst einmal im Haus, ist es schwierig, sie nicht wahrzunehmen: Wo Kinder sind, da ist Lärm, Lachen, Leben. Bei Maxon Motor lärmt es im Untergeschoss des Fabrikneubaus auf diese ganz spezielle Weise: 30 Kinder aus zehn Nationen und ihre fünf Betreuerinnen haben im letzten Herbst neue Räume bezogen und fühlen sich dort sichtlich wohl.

30 Jahre lang war die Krippe ein Provisorium ­ oder zumindest in einem solchen untergebracht. Die neuen Räume sind ausgesprochen hell und grosszügig bemessen. In der Maxon-Krippe werden Säuglinge ab vier Monaten aufgenommen und im Idealfall erst im Kindergartenalter wieder entlassen.

Morgens um 6.45 Uhr kommen die 24 ständig anwesenden Kinder in der Krippe an und machen sich, mehr oder minder verschlafen, ans Spielen. Zur Verfügung stehen zwei grosse und vier kleinere Räume, eine Kuschelecke, eine kleine Wiese, Sandkisten und Spielgeräte. Ausflüge zur nahegelegenen Uferzone des Sarnersees sind möglich, allerdings nur in Begleitung: Gegen den See und das Trassee der Brünigbahn ist die Krippe gut gesichert. Wer will und kann, darf beim Kartoffelnschälen oder Rüeblischneiden helfen ­ die Mahlzeiten werden in der krippeneigenen Küche zubereitet. Nach dem Essen werden die Kids in Pyjamas gesteckt, in den verschiedenen Nebenräumen auf Matrazen gebettet und ihrem Schlummer überlassen. Der Tag ist lang ­ «Arbeitsschluss» ist um 16.45 Uhr, wenn die Mütter ihre Sprösslinge abholen. Auch in dieser Krippe sind die Plätze begehrt: Auf der Warteliste figurieren bereits die Namen von 20 weiteren Kindern. Der Schwachpunkt der Krippenbetreuung ­ nicht nur bei Maxon Motor ­ ist die Frage, wie es weitergeht, wenn ein Kind das Kindergartenalter erreicht hat. Regula Bühler beteuert, dass sie die Kinder gerne auch über das Vorschulalter hinaus begleiten würde.

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Lohnendes Engagement

Das grosse Einzugsgebiet des Unternehmens macht dies aber unmöglich: Die Kinder reisen mit ihren Müttern aus ganz Ob- und Nidwalden an, einige sogar aus dem Luzerner Hinterland. Soweit möglich, versucht die Firma Hand zu bieten für flexible Lösungen: Mit Einsätzen in der Abendschicht etwa oder speziellen Teilpensen. Die professionelle und sichtlich liebevolle Vollbetreuung ihrer Kinder kostet die Eltern pro Monat 360 Fr. Auf den Tag umgerechnet, ergibt sich der ­ verglichen mit anderen Krippen ­ spektakulär tiefe Ansatz von 20 Fr. Von einkommensabhängigen Beiträgen sieht man bei Maxon ab, weil viele Mütter im Akkord arbeiten und es wenig motivierend wirken würde, wenn Boni über höhere Krippenbeiträge wieder einkassiert würden.

Die tatsächlichen Kosten für die Betreuung liegen auch in dieser Krippe ungefähr bei den üblichen 100 Fr. pro Kind und Tag. Den Fehlbetrag ­ laut Auskunft der Firmenleitung sechsstellig ­ übernimmt vollumfänglich und ohne jegliche Subventionen der öffentlichen Hand die Firma. Aus Uneigennützigkeit tut die Firma das natürlich nicht. Denn auf lange Sicht zahlt sich die Investition aus ­ bei Maxon seit 30 Jahren durch höhere Attraktivität für potenzielle Mitarbeiter und grössere Firmentreue der bereits Angestellten.

Kommentar: Eigennutz

Sicher ­ heute gibt es zu wenig Jobs und zu viele Stellen. Deshalb scheint es auf den ersten Blick unwichtiger als auch schon, als Arbeitgeber attraktiv zu sein. Nur: Es sind ja nicht ausschliesslich unqualifizierte Frauen mit Teilzeitbeschäftigungen, die Krippenplätze schätzen -­ sondern auch gefragte Spezialisten...

Und: Auch Arbeitgeber müssten eigentlich ein vitales Interesse an Kindern haben Denn wer sonst bezahlt in 20 bis 25 Jahren ihre Renten, wer deckt die Pensionskassenlücken, wer kauft ihre überzähligen Häuser ­ wenn nicht die nächste Generation? Falls sie jemand auf die Welt stellt. Mittels Familienförderung könnten die Arbeitgeber zumindest zu besseren Rahmenbedingungen beitragen - aus volkswirtschaftlicher Verantwortung und nachhaltigem Eigennutz.

Links:

www.childcare.ch
www.familienservice.ch
www.tassinari.ch
www.krips.ch
www.familienmanagement.ch
www.elternbildung.ch
www.und-online.ch
www.fairplay-at-home.ch
www.familienplattform.ch
www.alliancef.ch