Dem Mutigen gehört die Welt: Hilcona, Gemüseverarbeiter mit Sitz im liechtensteinischen Schaan und Veggie-Hersteller «avant la lettre», ist in diesen Wochen mitten im Lockdown mit einem pflanzlichen Burger auf den Markt gekommen. Der «Green Mountain» basiert auf Soja und Erbsen und kommt, wie seine in den Kühlregalen von Coop und Co. bereits etablierten Kollegen von Nestlé und Beyond Meat, einem «richtigen» Burger geschmacklich verblüffend nahe.

Doch die Rechnung ging auf. «Wir sind sehr gut gestartet, unsere Erwartungen wurden sogar übertroffen», sagt Martin Henck, CEO des zu Bell gehörenden Convenience-Herstellers. Bell, der Fleischproduzent, gehört wiederum mehrheitlich Coop. Der neue Burger, der mit Ausnahme des Kokosfettes mit Zutaten aus der Schweiz und aus Europa hergestellt wird, hat schon nach wenigen Wochen einen Spitzenplatz in der Verkaufsstatistik erreicht. Die Konsumentinnen und Konsumenten schauten wegen der Pandemie mehr auf Gesundheit und Ernährung, «das spielt uns in die Hände». Ebenso die Tatsache, dass die Konsumenten mehr zu Hause kochten, erklärt sich der CEO den Erfolg des «Grünen Berges». 

Umsatz im Detailhandel brummt

Veggie und Vegan boomen – trotz, oder besser: wegen der Krise. Nestlé, Nummer zwei hinter der irischen Kerry-Gruppe in Europa, vermeldete für die ersten drei Monate ein «starkes zweistelliges Wachstum» für die vegetarischen und pflanzenbasierten Produkte der eigenen Marke Garden Gourmet für die Zone EMENA (Europa, Mittlerer Osten und Nordafrika). 

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Noch steiler nach oben zeigen die Zahlen bei Hilcona, die über hundert vegetarische und vegane Produkte anbietet. Die Belieferung der Gastronomie stand während der Schliessung der Restaurants zwar fast still; aber der Umsatz im Detailhandel – mit 80 Prozent ohnehin das Hauptgeschäft – brummt: «Seit der Pandemie sehen wir Umsatzsteigerungen von gut 50 Prozent bei vegetarischen und veganen Produkten», sagt CEO Martin Henck. Zum Vergleich: Im Vorjahr lag das Plus bei 15 Prozent.

Die Migros sagt: «Der Vegi-Markt in der Schweiz wächst stetig.» Die Nachfrage nach vegetarischen Produkten –  sei es Fleischersatz oder Gemüse- oder Getreidespezialitäten – entwickle sich laufend positiv und habe, da diese Produkte typischerweise zu Hause konsumiert würden, während des Corona-Lockdowns noch zugenommen. Mehr noch: Die Migros glaubt, dass sie während der Pandemie «nachhaltig neue Kunden gewinnen könne, die Gefallen an unseren Fleischalternativen finden».

Coop sagt, im Zuge der generell erhöhten Nachfrage der letzten beiden Monaten sei auch diejenige nach pflanzenbasierten Produkten nochmals angestiegen. Äusserst beliebt seien neben dem Hilcona-Burger – der bei Coop vertrieben wird –  die neuen Produkte von Planted. Planted ist ein ETH-Spinoff, das ein Produkt auf Erbsenbasis herstellt, das bei Textur und Geschmack vergleichbar mit Pouletfleisch ist.

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Doch nicht nur in Europa, auch in den fleischvernarrten USA starten pflanzliche Fleischalternativen gerade durch. Bloomberg berichtet, dass die Amerikaner in den acht Wochen vor dem 25. April 5,3 Millionen Fake-Fleisch-Produkte kauften – dreimal mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. 

Geschlossene Schlachthöfe in den USA als Chance

Auch hier dürften Lockdown-bedingte Faktoren wie geschlossene Restaurants und staatlich verordnetes Zu-Hause--Kochen dem Absatz von Plant Based Food auf die Sprünge geholfen haben. Aber nicht nur. Als fast schon historische -Opportunität erwiesen sich die Engpässe bei der Fleischproduktion, die zeitweise um 30 Prozent einbrach. Zahlreiche Schlachthöfe mussten schliessen, weil prekäre Arbeitsbedingungen dazu führten, dass sich das Personal mit dem neuen Corona-virus infizierte. 

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Gewiss, schlachtfrei ist noch immer eine Marginalie im Markt mit den Pro-teinen. Die 5,3 Millionen Burger und Bratwürste auf pflanzlicher Basis müssen in Bezug gesetzt werden zu einer Milliarde Rindfleisch- und fast ebenso vielen Hühnereinheiten, die im selben Zeitraum in die virtuellen und physischen Einkaufskörbe der Amerikaner und Amerikane-rinnen wanderten. 

Und auch diese Zahl zeigt: Tierisch bleibt bis auf absehbare Zeit Trumpf. Selbst wenn der Fleisch-ohne-Tierleid-Markt bis 2025 von 10,3 Milliarden (2019) auf 50 Milliarden Dollar zunehmen dürfte, wie die UBS vor Ausbruch der Pandemie in einem Bericht schätzte: Der tierische Fleischmarkt liegt mit einem Volumen von 1,2 Billionen Dollar noch immer um den Faktor 24 höher. 

Der Preis wird wichtiger werden

Trotzdem zeigen die guten Verkaufszahlen in den vergangenen Wochen: Der Trend weg vom Fleisch ist keine Eintagsfliege, die beim ersten wirtschaftlichen -Gewitter gleich wieder verschwindet. «Der Trend, dass es die Konsumentinnen und Konsumenten vom Fleisch wegzieht, wird bleiben», so der UBS-Analyst Charles Eden. Es gebe eine «natürliche Bewegung» in Richtung pflanzlicher Proteinalternativen. Das Coronavirus werde den Trend zu mehr Nachhaltigkeit nicht aus der Bahn werfen, sagt der Food-Analyst. 

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«Der Fundamentaltrend bleibt», sagt auch Carsten Gerhardt von der Unternehmensberatung Kearney. Mehr noch: Die Krise könne das Bewusstsein, «dass wir auf einem kleinen Planeten leben und dass wir alle im gleichen Boot sitzen, sogar befördern», so der Berater. «Die Hersteller glauben an den Trend», stellt er fest. Er berate mehrere Unternehmen, die daran seien, den Rollout von Plant-Based-Produkten vorzubereiten, «und mir ist noch keiner begegnet, der das Projekt stoppen wollte». 

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Beyond-Chef Ethan Brown senkt die Preise

Hingegen zeigt die Krise: Die Nachfrage nach den Burgern aus Soja, Erbsen und Linsen dürfte preissensibler werden. Daten des Marktforschungsunternehmens Euromonitor International zeigen, dass die -Preise in den USA und in Grossbritannien zwischen Februar und Mai um gut 10 Prozent nachgaben. Und das ist noch nicht das Ende: Ethan Brown, CEO von Beyond Meat, das mit einem Marktanteil von 12 Prozent zweitwichtigster Anbieter in den USA ist, will seine Preise im Sommer weiter senken, um besser mit dem Fleisch-Fleisch konkurrenzieren zu können.

Die Preisfrage wird wichtiger werden. Das sieht man auch bei der UBS so. «Mit der Krise wird die Frage an Bedeutung gewinnen, ob sich die Konsumenten solche Produkte im Premiumbereich noch leisten können», sagt Charles Eden. Das gelte vor allem für die aufstrebenden Märkte, die ja ein wichtiger Teil der langfristigen Wachstumsstrategien seien. «Diese Länder dürften besonders unter der Krise leiden», sagt der Analyst. Es sei zu befürchten, dass die Kaufkraft hier stärker nachgeben werde als in den USA und Europa, wo die pflanz-lichen Fleischalternativen bereits etabliert sind. Er sei sich deshalb nicht sicher, «ob die Umsätze so steil nach oben gehen werden, wie wir das vor der Krise erwarten durften». 

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Der Trend weg vom Fleisch hat seine erste grosse Bewährungsprobe bestanden. Die Frage aber bleibt: Wie weit wird Plant Based Food dazu führen, dass weniger Tiere – zurzeit sind es siebzig Milliarden jährlich – geschlachtet werden?