Am Kunstmarkt herrscht der grosse Phantomschmerz. So wenig wie zwischen März und Mitte Mai war in Ga­lerien, Auktionssälen und Messehallen noch nie los – zumindest was die humane Präsenz betrifft. Aus China herbeigeflogene Bilder hingen wochenlang an den Wänden und blieben ohne Publikum, aufwendig installierte Skulpturenausstellungen wurden höchstens von Fliegen umschwirrt. Messen und Auktionen wurden abgesagt, Kunstlager waren geschlossen.

Kunstmarkt ohne traditionelle Verkaufsplattformen

Von loyalen Sammlern, die sie während des Lockdowns mit Käufen unterstützten, könne sie nicht berichten, sagt etwa die Galeristin Eva Presenhuber, die Galerien in Zürich und New York betreibt.

Urs Meile, der namhafte Galerien in Luzern und Peking betreibt, dem seine Routinereise nach China aber nun verwehrt ist, weil kein Flugzeug nach China fliegt, verzeichnet ebenfalls schwache Verkäufe. «Die Pandemie hat im Kopf unserer Sammler Kapazitäten gebunden. Sie haben selber Firmen und sind gefordert. Das ist kein Desinteresse, sondern eine Frage der Prioritäten», sagt er.

«Dem Kunstmarkt wurden auf einen Schlag sämtliche traditionellen Verkaufsplattformen entzogen», resümiert Iwan Wirth. Er ist mit Hauser & Wirth in Zürich, London, Somerset, New York, Los Angeles und Hongkong präsent.

Die kleineren und mittleren Galerien beklagen reihum Umsatzeinbussen von bis zu 70 Prozent. Ihre Angestellten sind auf Kurzarbeit, Kredite wurden beansprucht, Mietreduktionen verhandelt. In einem Gewerbe, das auf Menschenansammlungen und transatlantischen Reisen basiert, auf persönlichen Begegnungen und Champagner-Events, wirken Social Distancing und Einreiseverbote wie Gift.

In den Kunstgalerien keine Schlangen wie im Baumarkt

Mit der Wiedereröffnung der Galerien am 11. Mai in der Schweiz ist die Krise bei weitem nicht ausgestanden. «Bei uns stehen sie nicht Schlange wie vor den Gartencentern», sagt Urs Meile.

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Zwischen 30 bis 40 Prozent ihres Jahresumsatzes generiert die Zürcher Galerie Eva Presenhuber an Kunstmessen – doch zwischen März und Herbst wurden in Europa und den USA alle abgesagt. Die Galeristin, die die internationalen Karrieren von Topkünstlern wie Urs Fischer und Ugo Rondinone ebnete und François Pinault zu ­ihren Sammlern zählt, sagt, ihre Galerie könne nicht vom lokalen Publikum leben. «Die ­Situation ist dramatisch. Die Mieten und Lagerkosten können ohne die wich­tigen Kunstmessen nicht eingespielt werden.»

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«Schmieröl» fällt weg: Die grossen Kunstmessen wie die Art Basel Hongkong wurden gestrichen.

Quelle: Getty Images

Als ob die Branche mit dem tempo­rären Stillstand nicht schon genug gebeutelt wäre, hat sie jetzt auch noch die Ab­sage der Art Basel, die zunächst von Juni auf September verschoben war, zu verkraften. Die Abwesenheit von Galerien und Samm­lern aus den USA und aus Asien hätte die beste Kunstmesse der Welt in ­einen Schatten ihrer selbst verwandelt.

Dass die Art ausfällt, heisst: Die ganze ­soziale Würze, das Schmieröl im Kunstmarktgetriebe, das gewöhnlich für Mil­lionenumsätze sorgt, fällt weg – die ­Sponsoren-VIP-Empfänge, die Partys, das vertrauliche Sammlergespräch und der Austausch mit einflussreichen Museumskuratoren.

Das trifft nicht nur die Messebetreiber, sondern auch die Galeristen hart: Die meisten machen einen gewichtigen Teil ihres Jahresumsatzes in Basel. Für Iwan Wirth ist die Absage zwar «bedauerlich», selbst wenn seine Galerie nur 20 Prozent ihres Umsatzes an der Art Basel generiert. Grössere Probleme bereitet ihm aber zurzeit, dass seine Galerien in New York, Los Angeles, London und Somerset noch geschlossen sind – und der bürokratische Aufwand, den er bei der Wiedereröffnung in Grossbritannien erlebt.

«Ein digitaler View­ing-Room kann nur das Zweitbeste sein.»

Uli Sigg, Unternehmer und Sammler

Der Rückgang bei den Auktionshäusern ist noch markanter. Laut dem Kunstmarkt-Datenanalyse-Service Pi-Ex fielen die Umsätze der drei grossen Auktionshäuser Christie’s, Sotheby’s und Phillips im Mai weltweit um 97 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, das heisst von fast 2,9 Milliarden Dollar 2019 auf noch 93 Millionen Dollar.

Einen so radikalen Schwund gab es nicht einmal nach der Finanzkrise. Von den geplanten Live-Auktionen wurden allerdings die wichtigsten auf Juni und Juli verschoben, sodass sich das wahre Ausmass der Corona-Krise auf dem Auktionsmarkt erst in ein paar Monaten beziffern lässt.

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Immerhin, die Not machte erfinderisch und Galerien und Auktionshäuser haben unterdessen Zuflucht im virtuellen Raum gefunden. Es scheint, als ob mit dem Virus die Digitalisierung die Kunstwelt, eine der letzten Bastionen des Analogen, erobert hätte.

Als die Art Basel Hongkong und die Frieze Art Fair in New York annulliert wurden, richteten die Messebetreiber kurzerhand Online-Plattformen ein, auf der die Galerien ihre Werke zeigen konnten. Sogar Preise oder Preisspannen wurden angegeben – ein Novum in der auf Diskretion bedachten Szene. Hauser & Wirth konnte immerhin 17 Werke am virtuellen Stand verkaufen. Andere Galerien verkauften aber kein einziges Werk.

Art Basel startet Online-Präsenz

Die Art Basel lancierte am 19. Juni ihre zweite Online-Edition (standesgemäss mit VIP-Preview zwei Tage zuvor), doch keine noch so ausgeklügelte digitale Präsenz, meinen Eingeweihte, könne das sinnliche Kunsterlebnis ersetzen. «Ein digitaler View­ing-Room kann nur das Zweitbeste sein», meint der Unternehmer und Sammler Uli Sigg.

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Geduldig hatte er sich während der Hongkong-Ausgabe im März durch sämtliche 2000 angebotene Werke durchgeklickt. «Die Auswahl war nicht sehr aufregend: Die meisten Galerien zeigen Malerei und Fotografie, weil sich diese Medien besser ab­bilden lassen als Installationen und Skulpturen. Das schränkt die Auswahl ein. So ­lassen sich nicht wirklich Entdeckungen machen.»

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Tiefer Taucher: Umsatz von Christie’s, Sotheby’s und Phillips (2007–2020, in Mio. Dollar, je April und Mai).

Quelle: Pi-Ex

Trotzdem setzen jetzt viele Galerien auch auf eigene Online-Viewing-Rooms, auf denen sie kuratierte Ausstellungen zeigen: Sie laden Sammler zur Zoom-Besichtigungen in Künstlerateliers in Peking oder Los Angeles ein und in Webinars und auf Instagram Live kann man zurzeit zu ­jeder Tages- und Nachtzeit Künstlern, Galeristen und Auktionatoren bei tiefsin­nigen Gesprächen begegnen.

Die grossen Galerien und Auktionshäuser mit ihren den Luxusbrands entlehnten Marketingmaschinerien haben bereits vor der Corona-Krise massiv in IT-Abteilungen investiert und sind jetzt mit ihren digitalen Erlebniswelten im Vorteil. Bei Christie’s wurde in der Not über Nacht der ganze Lagerbestand online gestellt und die Kundschaft mit einer nicht abreissenden Folge von Online-Events und Webinars bei Laune gehalten. Wer die Christie’s-Website konsultiert, sieht sich mit einer Lawine von Online-Sales konfrontiert, unter findigen Titeln kuratiert wie «Out of Office: Art that Transports» oder «Escape».

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Revolution in der Kunstmarkt-Krise

Galt bislang im Auktionshandel die Faustregel, dass Werke nur bis zu einem Wert von 10'000 Dollar online verkauft werden können, finden neuerdings Werke über 1 Million Dollar und mehr einen Abnehmer. Die Umsätze der Online-Auktionen seien in die Höhe geschossen, so Dirk Boll, Europa-Chef bei Christie’s.

Die Abverkaufsquote spiegle die neue Akzeptanz der Online-Versteigerungen: Sie ist von 50 bis 60 Prozent auf 87 Prozent gestiegen, das Publikum verjüngt sich laufend, über Online-Auktionen kommt neue Kundschaft. «Wir erleben gerade eine digitale Revolution in der Krise», so Boll.

Christie’s verspricht am 10. Juli mit «One» eine «globale Auktion in Echtzeit»: Im Stakkato wird eine einzige Auktion durchgehend in Hongkong, London, Paris und New York durchgeführt, sowohl di­gital wie auch live mit einem handverle­senen Publikum in den jeweiligen Sälen. Star wird Picassos «Les Femmes d’Alger» aus dem Jahr 1955 sein, geschätzt auf 25 Millionen Dollar.

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Sotheby’s holt die prestigeträchtigen New Yorker Mai-Abendauktionen am 29. Juni in einem futuristischen Format nach: In einer Mischung aus Zoom-Meeting und Videogame-Szenario wird der Auktionator Oliver Barker in London mit dem Auktionssaal in New York verbunden, in welchem die realen Werke für die Zuschauer am Bildschirm zu sehen sind. Bieter können telefonisch oder online etwa für Roy Lichtensteins «White Brush­stroke I» aus dem Jahr 1965 (geschätzt auf 20 bis 30 Millionen Dollar) bieten.

«Natürlich fehlt der Online-Auktion das, was die Würze ausmacht.»

Dirk Boll, Europa-Chef bei Christie’s

Doch weder vom Umfang noch von der Atmosphäre her können die Online-Auktionen die physische Auktion ersetzen. «Natürlich fehlt der Online-Auktion das, was die Würze ausmacht: Der gesellschaftliche Druck im Auktionssaal und die Atmosphäre des Bieterwettbewerbs», räumt Dirk Boll von Christie’s ein.

Und selbst jene Galeristen, die sich jetzt um ihre Online-Präsenz bemüht haben, beschleicht hie und da ein stiller Zweifel: Welcher Kunstliebhaber tut es sich an, über unzählige Stunden einsam am Bildschirm oder Smartphone auszuharren, um ein Werk zu finden, das ihm gefällt? «Wenn tausend Galerien Online­-Viewing-Rooms einrichten, kann man sich die Überflutung der Sammler vorstellen», so Eva Presenhuber. «Es ist einfach nicht dasselbe, wie wenn der Sammler durch die physische Präsenz des Werks zum Kauf animiert wird.»

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Weniger von allem im Kunstmarkt

Und dann gäbe es da ja noch die wirtschaftliche Grosswetterlage. Die Frage, wie sich die grosse Rezession auf den Kunstmarkt auswirkt. Möglich, dass Kunst als Fluchtort und Assetklasse erst recht gesucht wird. Doch das betrifft nur die etablierten Werte. 30 Prozent aller Galerien – die kleineren und experimentellen – würden die Folgen der Corona-Krise nicht überleben, heisst es. «Die Branche wird den Gürtel enger schnallen», meint Iwan Wirth. «Wir werden weniger Ausstellungen sehen, weniger Messen, weniger Kataloge und weniger Partys».