An der Licht-Messe in Frankfurt leuchteten die Lampen in einer Ecke der grossen Halle besonders hell und stromsparender als überall sonst. Landis+Gyr und Toshiba priesen ihr neues­tes Produkt – Strassenlampen und Anlagen für öffentliche Beleuchtung mit Steuerungstechnik von Landis+Gyr und LED von Toshiba. Der Anlass im April war einer der ersten grossen gemeinsamen Auftritte seit der Übernahme des Schweizer Konzerns durch die Japaner. «Wir kommen voran», sagt Landis-Sprecher Thomas Zehnder. «Es gibt bereits mehrere gemeinsame Projekte.»

Doch innerhalb von Landis+Gyr herrscht ein Jahr nach der Übernahmeankündigung an zahlreichen Orten Ernüchterung – zu wenig Visionen, ein grosser kultureller Graben, Langsamkeit und verpasste Chancen. Mitarbeiter im und um das Unternehmen berichten von Frustrationen. «Vorher waren wir agil», sagt ein Manager. «Jetzt fahren wir im Schlepptau eines Supertankers.»

Grosse Sprachprobleme

Probleme bereitet die Unternehmenskultur in Japan. Die Verwaltungsräte der dortigen Grosskonzerne bestehen fast ausschliesslich aus Japanern. Die meisten verstehen kein Englisch. Auch in den Geschäftsleitungen hat kaum ein Ausländer Einsitz. «Die Entscheide werden bei Toshiba in rein japanischen Gremien gefasst», erzählt ein Insider. «Dann gehen die Direktiven die Leiter hinunter bis zum zuständigen Sachbearbeiter, der Englisch redet und mit dem Chef von Landis spricht.» Der Japaner nicke zwar, aber es ändere sich häufig nichts. «Entweder er getraut sich nicht, das Vereinbarte bei Toshiba nach oben zu melden, weil er dort sein Gesicht verlieren würde», sagt der Insider. Oder die obere Etage bei Toshiba verstehe nicht, um was es eigentlich gehe.

Anzeige

Die Frustration hat offenbar auch die Chefetage bei Landis erreicht. «Da sind ­einige nicht ganz glücklich», berichtet ein anderer Kenner der Verhältnisse. «Man möchte einfach schneller vorankommen.» Das Landis-Top-Kader verdiente zwar beim Abschluss der Übernahme von Toshiba viel Geld. Zudem erhielt es gut dotierte Verträge, mit denen die Manager weiter an Landis+Gyr gebunden wurden. In absehbarer Zeit laufen die ersten Fristen in diesen Verträgen aus. «Danach macht man einen solchen Job, weil man Spass hat oder an die Sache glaubt», erzählt der Manager. Beides sei in Gefahr. Nach dem Auslaufen der Haltefristen drohten Abgänge, falls das Mass an Frustration nicht abnehme. Da brauche es nur ein Angebot von einem anderen Unternehmen, sagt er.

Dabei bietet Landis+Gyr eigentlich attraktive Herausforderungen für das Management. Der Konzern ist sehr gut posi­tioniert. Bei den Stromzählern ist er weltweit die Nummer eins. Jedes zweite Energieversorgungsunternehmen ist Kunde der Zuger. Überall spricht man vom neuen, intelligenten Stromnetz, dem Smart Grid, in dem nicht nur Strom, sondern auch Information darüber fliesst, wer gerade wie viel Strom verbraucht – potenziell ein Milliardenmarkt für Landis.

«Als ob man stets mit Zwischenhändlern reden würde»

«Das Einführen von neuer Technologie ist ein langsamer Prozess», sagt Mediensprecher Zehnder. «Während das Geschäft in den USA boomt, investieren die Energieversorger in Zentraleuropa derzeit eher zögerlich in Smart Metering. Aber wir haben die volle Unterstützung von Toshiba.» Man sei daran, gemeinsam Lösungen zum Beispiel für intelligente Gebäude zu entwickeln. Toshiba-Displays könnten dereinst anzeigen, wie viel Strom die Solarzellen auf dem Dach produzieren oder was im eigenen Haus verbraucht wird. Landis+Gyr-Zähler ihrerseits erfassen die Werte, informieren über den Netzzustand und die aktuellen Energiepreise.

Trotz dieser Aufbruchstimmung herrscht auch im mittleren Kader Unbehagen. «Die kulturellen Unterschiede sind unglaublich schwierig zu überbrücken», erzählt ein Mitarbeiter. In Japan werde der Ball so lange zwischen den Abteilungen hin- und hergeschoben, bis Konsens herrsche. Wenn man in einem Integrationsprozess stecke und es eile, dann sei es verheerend, wenn nicht klar sei, wer wann entscheide. Natürlich seien Koordinatoren eingesetzt worden. Aber diese könnten nichts entscheiden.

Anzeige

«Man weiss einfach nie, ob es bei einer Sache jemanden auf der japanischen Seite gibt, der das Gesicht verlieren würde», berichtet ein anderer Manager. Ein Dritter sagt: «Es ist, als ob man stets mit Zwischenhändlern reden würde, stets mit den falschen Leuten.»

Langsam und gemütlich

Andere Mitarbeiter beurteilen die Übernahme durch Toshiba als bestmögliche Lösung für Landis+Gyr. So ist erst letzte Woche das Jahresbudget für Forschung und Entwicklung um weitere 5 Millionen Dollar auf insgesamt 133 Millionen Dollar erhöht worden. «Keine Welt ist perfekt», sagt Sprecher Zehnder. «Und natürlich möchte man immer, dass alles schneller geht. Aber wenn jemand anderes das Unternehmen gekauft hätte, dann gäbe es heute Restrukturierungsschlagzeilen.»

In der Branche stand der Name Landis+Gyr früher für «langsam+ge­mütlich», weil sich die schimmernden Aluscheiben in den Stromzählern stoisch und in Zeitlupe drehten. Auf Konzernebene war spätestens seit 2002 nichts mehr von Gemütlichkeit zu spüren. Damals stiegen die Private-Equity-Investoren von KKR ein, später jene von Bayard. «In den letzten zehn Jahren war das Entwicklungstempo enorm hoch», erzählt ein Manager. Einige befürchten, das alte Bonmot könnte wieder Verbreitung finden.

Anzeige