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Lehman-Pleite: Schwere Vorwürfe an die Schweiz

Die Aufarbeitung der Lehman Brothers-Pleite hängt an der Schweiz. (Bild: Keystone)

Die ganze Welt wartet nur auf die Schweiz: Das Verfahren um die konkursite Investmentbank Lehman Brothers ist immer noch nicht abgeschlossen - und Schuld daran soll insbesondere die Finma sein. Die ve

Von Armin Müller
am 02.03.2012

Mehr als drei Jahre nach dem Konkurs der Investmentbank Lehman Brothers Group (LBG) in New York ist das Verfahren immer noch nicht abgeschlossen. Schuld daran sind die Verzögerungen des Konkursverfahrens in der Schweiz, wie Robert J. Shapiro, Economic Advisor des Internationalen Währungsfonds, heute morgen an einem Anlass des Liberalen Instituts in Zürich ausführte.

Der Vorwurf richtet sich insbesondere an die Finanzmarktaufsicht Finma. «Weitere Verzögerungen durch die Finma und LBF bei der Lösung ihres Teils des Lehman-Konkurses könnte den hervorragenden Ruf der Schweiz in der gloabeln Finanzwelt untergraben», sagte Shapiro.
 
Vom Zusammenbruch von Lehman Brothers waren Filialen auf der ganzen Welt betroffen, darunter auch die Schweizer Tochtergesellschaft Lehman Brothers Finance AG (LBF). Die globale Dimension des Falles macht ihn zum komplexesten Konkursfall der Geschichte. In den betroffenen Ländern haben die Konkursbehörden in den letzten drei Jahren die Ansprüche und Gegenansprüche zwischen den verschiedenen Ländergesellschaften, der Muttergesellschaft und Drittparteien geklärt. «Die grosse Ausnahme ist die Schweizer Filiale LBF», sagt Robert J. Shapiro.

Forderungen in Höhe von 87,6 und 66 Milliarden Dollar

Unter der Aufsicht der Finma habe LBF offensichtlich sämtliche Vorschläge für Verrrechnungen und Vergleiche abgelehnt. Vor einem Jahr stellte der zuständige Liquidator, Pricewaterhouse Coopers AG in Zürich, fest, es seien «bedeutende Fortschritte in der Erfassung, Analyse, Abgleichung und Bewertung der Ansprüche gegen die Lehman Brothers Group» gemacht woren.

Es lagen Forderungen von LBF gegen die Gruppe in Höhe von 87,6 Milliarden Dollar vor und Gegenansprüche von 25 Gruppengesellschaften gegenüber LBF in Höhe von 66 Milliarden. Shapiro: «Ein Jahr später sind diese Ansprüche immer noch nicht gelöst.»

LBF sei der grosse Ausreisser, nur die Schweiz komme nicht voran, sagte Shapiro. Auf der ganzen Welt sei der Prozess weit vorangeschritten, könne aber nicht abgeschlossen werden wegen der Verzögerung in der Schweiz. Finanz- und Juristenkreise in der ganzen Welt nähmen dieses Hinterherhinken einer der führenden Finanzplätze mit Besorgnis zur Kenntnis.

«Dieses Versagen könnte weitergehende Fragen aufwerfen»
 
«Nachdem die Ansprüche und Gegenansprüche aus dem Lehman-Konkurs in den meisten anderen Ländern gelöst wurden, könnte dieweitere Verzögerung des Prozesses durch Finma und LBF substanzielle unnötige Kosten für die Schweizer Wirtschaft und für die Gläubiger von Lehman Brothers haben», warnte Shapiro.

Wenn die Schweiz weiterhin «der Ausreisser» bleibe in diesem globalen Prozess, werde die Reputation des Landes als Finanzplatz Schaden nehmen. «Dieses Versagen könnte weitergehende Fragen betreffend der Rechtssicherheit der Schweiz aufwerfen», warnte Shapiro.

Finma verteidigt sich

Auf Anfrage der «Handelszeitung» äusserte sich die Finma am Freitagabend schriftlich zu den Vorwürfen Shapiros. Die Abwicklung der Rechtsverhältnisse von LBF sei aussergewöhnlich komplex und aufwändig, da LBF innerhalb des Lehman-Konzerns eine zentrale und besonders verflochtene Stellung inne gehabt habe, hiess es.

«Die Konkursverwaltung von LBF hat seit Beginn des Insolvenzverfahrens eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Insolvenzverwaltern von Gesellschaften der Lehman Brothers Gruppe auf internationaler Ebene angestrebt», so die Finma. Sie sei etwa massgeblich beteiligt gewesen an der Erstellung des Global Protocols, das die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Insolvenzverfahren regeln und erleichtern soll.

Gespräche laufen - Stand unbekannt

«LBF ist weiterhin an einer einvernehmlichen Lösung interessiert», schreibt die Finanzmarktaufsicht. «Die Gespräche mit den Insolvenzverwaltern von Gesellschaften der Lehman Brothers Gruppe, insbesondere der Muttergesellschaft LBHI, laufen.» Über den aktuellen Stand dieser laufenden Gespräche könne man jedoch keine Auskunft geben.

Abschliessend stellt die Finma klar, auf welcher Seite sie steht, und lässt wissen: «Berücksichtigt werden muss stets, dass die Finma und die Konkursverwaltung der LBF primär die Interessen der Gläubiger von LBF zu vertreten haben und nicht diejenigen anderer Gläubiger der Gruppe.»

(tno)

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