Bei den Personalkosten lässt sich in einigen Schweizer Regionen deutlich sparen. So sieht sich die Post in Zürich verpflichtet, zum Grundlohn eine Arbeitsmarktzulage von 4800 Fr. zu zahlen, in Lugano sind es nur 1200 Fr. Die SBB kommen Angestellte in den Regionen Basel, Bern, Limmattal und Zürichsee mit einer Regionalzulage von 3000 Fr. günstiger zu stehen als jene in der Region Genf oder der Stadt Zürich, welche eine Zulage von 4800 Fr. kassieren. Diese wird anhand des Lohnniveaus im regionalen Arbeitsmarkt bestimmt. «So sind die SBB auf den regionalen Arbeitsmärkten wettbewerbsfähig», begründet SBB-Sprecher Roland Binz.

Auch die Grossverteiler entlöhnen regional unterschiedlich. Bei Migros variieren zudem die regionalen Mindestlöhne zwischen 3300 und 3500 Fr. Die Lohnunterschiede können je nach Ort für dieselbe Funktion bis 200 Fr. betragen. Migros-Sprecherin Monika Weibel: «Als Massstab gelten die regionalen Lebenshaltungskos-ten.» Auch Coop berücksichtige die regionale Situation beim Salär, erklärt Coop-Sprecher Takashi Sugimoto. Präzisieren wollte er dies aber nicht. Ähnlich erhält auch das Verkaufspersonal von Valora unterschiedliche Löhne, die sich nach den Lebenshaltungskosten richten. Auf die tatsächlichen Differenzen wollte Valora-Sprecherin Stefania Misteli nicht eingehen.

Vertretbare Differenzen

Offen legt die Swisscom ihre regionalen Spielräume: Sie hat mit den Sozialpartnern vereinbart, regionale Unterschiede des Lohnniveaus mit maximal 10% des Basislohns anzupassen.
Keine nationale Weisung gibt es für die 400 Raiffeisen-Filialen. Sie sind in Personalfragen weitgehend eigenverantwortlich und richten sich bei der Lohnfestsetzung nach den regionalen Marktgegebenheiten, wie Raiffeisen-Sprecher Franz Würth sagt. Die Bank habe allerdings untersucht, ob die Unterschiede vertretbar seien. Ge-mäss einer Erhebung liegen die regionalen Abweichungen beim Durchschnittslohn eines Kundenberaters schweizweit bei rund 8%.
Diese wie auch andere regionale Differenzen innerhalb von einzelnen Unternehmen sind damit deutlich geringer als die Kluft zwischen den regionalen Bruttolöhnen in der Privatwirtschaft. Diese kann laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) bis 20% betragen, wie zwischen dem Tessin und Zürich.
Wenn die Arbeitsmärkte regional differenzierte Lohnprofile zeigen, ist es laut Arbeitgeberdirektor Thomas Daum nur konsequent, dies auch in der Lohnpolitik eines einzelnen Unternehmens zu berücksichtigen. «Meistens stehen den Lohndifferenzen ja auch unterschiedliche Lebenshaltungs-kosten gegenüber», sagt Daum. Eine Empfehlung mache der Verband aber nicht. Die Festsetzung der Löhne sei Sache der Firmen und Branchen.
Nicht alle Unternehmen passen ihre Löhne geografisch an. Der Arbeitsort hat bei den Grossbanken UBS, Credit Suisse, aber auch bei Denner, Vögele und der Post-Konkurrentin DPD keine Lohnrelevanz, wie es auf Anfrage heisst.
Tatsächlich ist die Rechtfertigung der Unterschiede nicht so simpel, obwohl ein Vergleich der Lebenshaltungskosten der Haushalte regional grosse Differenzen zu Tage fördert. Ein durchschnittlicher Haushalt im Tessin wendet im Monat 6493 Fr. auf, das heisst 25% weniger als ein Haushalt in der Genferseeregion. Laut Ueli Oetliker vom BFS ist der Vergleich zwischen den Regionen mit Vorsicht zu geniessen, weil einzelne Städte und Gemeinden deutlich vom Regionenschnitt abweichen.
Da die Statistiken zu den Lebensunterhaltskosten der Schweiz sehr grob sind und zudem struk-turelle wie konjunkturelle Komponenten enthalten, führen sie leicht zu Verzerrungen. Einen besseren Massstab für die Differenzierungen bietet das regionale Lohnniveau. Als Richtgrösse ebenfalls aufschlussreich ist die BFS-Statistik über die Lohntüten der Kantone.

Anzeige

Frage nach Lohngerechtigkeit

Für Individuen, die wissen wollen, wo sie sich mit ihrem Lohn am meisten leisten können, lohnt sich ein Blick auf den RDI-Indikator über das verfügbare Einkommen der Credit Suisse. Was den Haushalten unter dem Strich übrig bleibt, korreliert weder mit den Lebensunterhaltskosten noch mit den Durchschnittslöhnen. Am meisten Geld bleibt den Haushalten in Appenzell Innerrhoden. Dort sind die Lebenshaltungskos-ten wie die Löhne relativ tief. Für den guten Wert wirklich ausschlaggebend sind aber die tiefen Steuern und Krankenkassenprämien.
Den Bewohnern des Jura hingegen bleibt vergleichsweise wenig übrig. Da nützt es nichts, dass sie schweizweit die tiefsten Wohnkosten haben – oft der grösste Kos-tenposten eines Haushalts. Im Falle von Basel-Stadt und Genf führt die Kombination hoher Wohnkos-ten und hoher Steuerbelastung zu einem spärlicheren verfügbaren Einkommen. Daraus wird klar: Die Regionalisierung der Löhne verbessert vielleicht die Wettbewerbsfähigkeit, führt aber kaum zu mehr Lohngerechtigkeit.