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Das dreiste Doppelspiel des Pierin Vincenz

Von Sven Milischer
am 12.11.2020

Die Staatsanwaltschaft Zürich hat nach einer langen Recherche Anklage gegen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz erhoben.

Quelle: Paolo Dutto

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Der Prozess gegen Pierin Vincenz und Beat Stocker steht 2021 an. Die Liste der Vorwürfe ist lang. Wofür die beiden Ex-Manager vor Gericht stehen.

Es ist das mutmassliche Gesellenstück von Pierin Vincenz und Beat Stocker. Die Firma heisst i-Finance Management (iFM). Sie erwirbt im Sommer 2005 für eineinhalb Millionen Franken die Mehrheit der Aktien an Commtrain, einer Jungfirma für drahtlose Kreditkarten-Terminals.

Hinter den iFM-­Geldern stehen je zur Hälfte der damalige Aduno-­Präsident Pierin Vincenz und Beat Stocker, der kurz darauf operativer Chef des Zahlungskonzerns wird. Die zwei sollen in den Aduno-Gremien aktiv auf den Kauf der Commtrain hingewirkt haben.

Etwa ein Jahr später übernimmt Aduno die defizitäre Firma für 7 Millionen Franken. Mit der Übernahme realisiert Mehrheitsaktionärin iFM einen Reingewinn von 2,6 Millionen Franken. Dass hinter iFM die beiden ­Aduno-Organe Vincenz und Stocker stehen, weiss beim Zahlungsdienstleister niemand.

15 Jahre später beschäftigt jene Commtrain-Beteiligung die Strafjustiz. Vor kurzem hat die Staats­anwaltschaft III des Kantons Zürich Anklage gegen «ehemalige Verantwortliche der früheren Aduno ­Holding und der Raiffeisen Schweiz Genossenschaft» erhoben.

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Reisen, Rotlicht, Rechtsanwälte

Die Staatsanwaltschaft hat im Rahmen ihrer knapp dreijährigen Ermittlungen nicht nur Unternehmenstransaktionen auf ihre Rechtmässigkeit hin durchleuchtet, sondern auch den Umgang mit Spesen untersucht. Sowohl Raiffeisen-Chef Vincenz wie auch Aduno-Organ Stocker sollen dabei die Kassen ihrer Finanzkonzerne mit privaten Auslagen unrechtmässig belastet haben.

Vor allem Vincenz hat eine Vielzahl privater Reisen, Rotlicht-Besuche und Rechtsanwaltskosten über die Firmenkreditkarte beziehungsweise die eigene Kostenstelle abgerechnet. Dabei soll er bewusst auch falsche Angaben gemacht haben. Beispielsweise als Vincenz über die Feiertage 2011 für 15000 Franken nach Australien flog und behauptete, er habe dabei australische Bankenvertreter getroffen.

Insgesamt geht es bei Vincenz um rund eine halbe Millionen Franken. Darunter fällt auch eine Golf-Reise Anfang 2015 nach Dubai. Sie hat aus Sicht der Staatsanwaltschaft rein privaten Charakter. An der Dubai-Reise nahm auch ein Berater teil. Dieser arbeitete damals im Mandat für Raiffeisen und stellte die Reise der Bank als Auslage separat in Rechnung.

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Pierin Vincenz und Beat Stocker werden ­gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung sowie passive Bestechung zum Nachteil des Zahlungsdienstleisters Aduno und der Raiffeisen Bank vorgeworfen. Für alle Verfahrensbeteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Der Prozess vor Zürcher Bezirksgericht steht im nächsten Jahr an.

Konkret fordert die Staatsanwaltschaft für die beiden Hauptbeschuldigten eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Zudem sollen bei Vincenz knapp 9 Millionen Franken und bei Stocker 16 Millionen Franken an unrechtmässig erzielten Vermögenswerten eingezogen werden.

Die Summen machen klar: Bei der einen privaten Vorab-Beteiligung an Commtrain blieb es nicht. Vielmehr ist die Leithypothese der Staatsanwaltschaft jene eines notorischen Doppelspiels: Vincenz und Stocker sollen bei mehreren ­Beteiligungsnahmen der Aduno beziehungsweise der Raiffeisen jeweils verdeckt auf beiden Seiten des Verhandlungstisches gesessen sein.

Dabei sollen sie ihre Organstellung in den Finanzfirmen zum «Gatekeeping» auf eigene Rechnung missbraucht haben. Verhandlungspartner gewährten ihnen jeweils eine Schattenbeteiligung mit der impliziten Erwartung, dass die beiden Finanzmanager kraft ihres Amtes für entsprechend vorteilhafte Abschlüsse sorgen würden. Stets zulasten der Aduno beziehungsweise der Raiffeisen. Und das sind die 4 Fälle, auf denen die Hauptanklagepunkte der Zürcher Staatsanwaltschaft gründen.