Nach Ablehnung des CO2-Gesetzes herrscht in der Schweizer Klimapolitik allenthalben Konsternation. Die Schweiz wird aber nicht umhinkommen, einen Weg zu finden, wie wir das in Paris gesetzte Ziel erreichen können. Die EU hat hierzu ihren Vorschlag auf den Tisch gelegt. Der Weg wird nicht frei von Widersprüchen sein – ein Beispiel ist der Ruf nach Kapazitätsausbau für erneuerbare Energien bei gleichzeitigem Beharren auf dem Schutz von Biodiversität. Der Wechsel zu einer CO2-armen Wirtschaft wird zwar breit unterstützt, aber noch zu oft als Risiko dargestellt.

Wir sollten dieses Thema verstärkt als Chance betrachten. Die Nachfrage nach Anlage- und Finanzierungslösungen, welche die aktuellen und vor uns liegenden gesellschaftlichen Herausforderungen adressieren, steigt signifikant. Dafür gibt es gute Gründe: Dass sich die Integration von Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren, allgemein als ESG-Faktoren bekannt, bei Investitionen auszahlt, braucht man heute den Kunden nicht mehr zu erklären. Firmen, die sich an ESG-Kriterien orientieren, sind langfristig auch deshalb wirtschaftlich erfolgreicher, weil ihre Reputations- und Rechts-Risiken kleiner sind. Gleichzeitig ergeben sich ganz klare Vorteile bezüglich Kapitalbeschaffung und Finanzierungskosten.

Trotzdem: Die Abstimmung des individuellen Konsumverhaltens mit übergeordneten Klimazielen bleibt für viele von uns eine Herausforderung. Mit der Pandemie hat das Thema bei Kunden weiter deutlich an Bedeutung gewonnen. In einer jüngst erfolgten repräsentativen Umfrage von UBS unter weltweit 3800 privaten Investoren haben 81 Prozent angegeben, der Klimaerwärmung noch mehr Beachtung zu geben. Besonders ausgeprägt ist die Nachfrage nach solchen thematischen Investitionen bei Kunden in China oder Lateinamerika, wobei gleichzeitig festzustellen ist, dass Europa bei nachhaltigen Finanzierungen und Investitionen weiterhin dominiert.

 

Zur Person: Michael Baldiger

Michael Baldinger ist seit diesem Mai Chief Sustainability Officer der Grossbank UBS. Er arbeitet seit 2016 für die UBS, zuvor als Global Head of Sustainable and Impact Investing Asset Management. Davor war er für die Credit Suisse und RobeoSAM tätig. 

Es sollte daher auch nicht überraschen, dass Investoren oder neu auch Gerichte stellvertretend für die Gesellschaft Geschäftsmodelle wie jene von Öl-Unternehmen hinterfragen und eine Beschleunigung zur strategischen Ausrichtung in Richtung und Produktion von erneuerbaren Energieformen verlangen oder gar durchsetzen. Auf dem Schweizer Finanzplatz hat das Umdenken bereits begonnen. Die beiden Grossbanken haben sich bis 2050 zu einer klimaneutralen Wirtschaftsform verpflichtet.

Wenn wir die in Paris vereinbarten Klimaziele erreichen wollen, bedarf es Investitionen in beispielloser Höhe. Der Finanzmarkt spielt also eine entscheidende Rolle und so ist der Fächer an ESG-Produkten in den vergangenen Jahren massiv gewachsen. Alleine bei UBS sind die klimabezogenen nachhaltigen Anlagen im Jahr 2020 um 49% gestiegen. Aber nach dem derzeitigen Entwicklungsstand der Klimaschutzmassnahmen und der Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung besteht gemäss Schätzung der UNO eine Finanzierungslücke von jährlich rund 3 Billionen Dollar.

Megatrend grüne Aktien: Wo die Schweizer Finanzbranche steht

Angebote für nachhaltiges Investieren boomen. Bezüglich Transparenz hat die Branche noch Nachholbedarf – doch in der Schweiz tut sich etwas. Zum ausführlichen Bericht. 

Das Interesse, diese Lücke zu schliessen, besteht ohne Zweifel. Für den Finanzsektor ist es eine unternehmerische wie gesellschaftliche Logik, die geeigneten Lösungen hierzu zu finden. Doch es erfordert auch ein breit abgestützter Konsens darüber, wie das Ziel zu erreichen. Konkret braucht es Fortschritte in den folgenden vier Bereichen:

  1. Klare und verbindliche Offenlegungs-Standards: Mit der Rapportierung gemäss Empfehlungen der «Task Force on Climate-related Financial Disclosures» (TCFD) zeigen heute zahlreiche Unternehmen auf, wie sich der Klimawandel auf ihre Geschäftstätigkeit auswirkt. Diese Empfehlungen sollten künftig noch mehr zur Anwendung gelangen. Zudem gilt es, diese Empfehlungen weiterzuentwickeln.
  2. Zielführende Anlageentscheidungen: Nur mit klar definierten Standards sind Anleger und Finanzinstitute in der Lage, klimabedingte Risiken und Chancen einzelner Unternehmen gestützt auf eine einheitliche Datengrundlage einzuschätzen und zielführende Anlageentscheidungen zu treffen. Diese Grundlage ist erforderlich, um entsprechende Lösungen weiterentwickeln zu können.
  3. Konsistente und öffentlich verfügbare Daten: Eine verlässliche Messbarkeit von Investitionen erfordert eine konsistente und öffentlich verfügbare Datengrundlage sowie eine verstärkte Standardisierung. Der Finanzsektor arbeitet in verschiedenen Initiativen, wie zum Beispiel der «Net Zero Banking Alliance», Climate Action 100+ oder Banking for Impact an Verbesserungen der Datenlage, der Methodologien und der Standards.
  4. Geordnete Rahmenbedingungen, welche den Übergang unterstützen und beschleunigen: Damit weitere Fortschritte erzielt werden können, sind geordnete Rahmenbedingungen erforderlich. Die im Rahmen der Pariser Klimakonferenz definierten Ziele müssen weiter konkretisiert und gesetzlich – und idealerweise einheitlich – festgelegt werden. Die Wirtschaft und insbesondere die Finanzwirtschaft als Intermediär kann die Klimaerwärmung nicht im Alleingang lösen. Es braucht die koordinierende Funktion der Staatengemeinschaft bei den Klimaschutz-Bemühungen.

Die Finanzmärkte und die Banken haben zweifelsohne eine wichtige Rolle, den Übergang zu einer CO2-neutralen Wirtschaft zu ermöglichen, alleine werden sie es allerdings nicht erreichen. Es bedarf guter Rahmenbedingungen gestützt auf einen breit abgestützten Konsens. Der Schweizer Finanzplatz ist in einer guten Position, diese Herausforderung als Chance zu nutzen.

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