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«Marktanteile kaufen bringt gar nichts»

Der zum Fiat-Konzern gehörende Nutzfahrzeughersteller erhält mit der Neugründung von Fiat Industrial mehr unternehmerische Freiheit, die CEO Paolo Monferino nutzen möchte. Vom Sinn der kommenden Euro-

Von Interview: Kurt Bahnmüller
am 06.10.2010

Wie berurteilen Sie die momentane Situation auf den Nutzfahrzeugmärkten? Ist die Krise schon vorbei?

Paolo Monferino: Die Märkte haben sich in diesem Jahr in erfreulichem Masse erholt, allerdings verglichen mit dem tiefen Niveau von 2009. Die Verkaufszahlen entwickelten sich allerdings nicht ganz so, wie wir dies eigentlich erwartet haben. Das Absatzvolumen ist auch noch einiges entfernt von demjenigen der guten Jahre 2007 und 2008. Wir gehen aber davon aus, dass auch in der 2. Hälfte dieses Jahres sich die Nachfrage weiter verbessern wird. Für Iveco rechnen wir mit einer Absatzsteigerung von rund 25%.

In Europa ist die Nachfrage noch eher schwach, aber in Asien und Lateinamerika boomt die Nachfrage.

Monferino: In China hat die Nachfrage nach Nutzfahrzeugen stark angezogen. Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr in China zum ersten Mal mehr Nutzfahrzeuge verkaufen werden als im Rest der Welt. Auch in Lateinamerika entwickelt sich die Nachfrage nach Nutzfahrzeugen sehr erfreulich.

Bestehen Pläne, dass Iveco auch in Indien aktiv werden könnte?

Monferino: Im Moment sind wir dort nicht aktiv, wir können derzeit nicht auf mehreren grossen Märkten gleichzeitig tätig sein. Zurzeit konzentrieren wir uns auf China und Lateinamerika.

Rechnen Sie damit, dass die chinesischen Nutzfahrzeughersteller auch im europäischen Markt Fuss fassen könnten?

Monferino: Auszuschliessen ist dies nicht, doch bis es so weit ist, werden noch viele Jahre vergehen. Dies deshalb, weil europäische Nutzfahrzeugbetreiber ganz andere Forderungen an ihre Fahrzeuge stellen als solche in China. Auch punkto Qualität der Fahrzeuge bestehen noch grosse Unterschiede. Viel eher ist davon auszugehen, dass chinesische Hersteller sich stärker im asiatischen Markt und in Lateinamerika engagieren werden.

Wie sieht die Ertragslage im Nutzfahrzeuggeschäft derzeit aus?

Monferino: Im Jahr 2008 erzielten wir einen Operating Profit von 840 Mio Euro, im vergangenen Jahr waren es aber nur noch 100 Mio Euro. Wir haben inzwischen verschiedene Restrukturierungsmassnahmen ergriffen, um das Kostenniveau weiter zu senken, sodass wir von einer deutlichen Verbesserung des Operating Profit in diesem Jahr ausgehen können.

Besteht angesichts der eher schleppenden Nachfrageentwicklung die Versuchung, Marktanteile über den Preis zu gewinnen?

Monferino: Diese Strategie verfolgen wir nicht. Marktanteile zu kaufen, wirkt sich langfristig negativ aus.

Welche Vorteile sieht Iveco in der Schaffung der neuen Konzernsparte Fiat Industrial, in der die Nutzfahrzeug- und die Baumaschinen-Division vereinigt werden sollen?

Monferino: Die Aktivitäten von Iveco sowie der Baumaschinensparte CNH unterscheiden sich doch von denjenigen des Personenwagensektors. Die Nutzfahrzeug- und die Baumaschinensparte sind sich in verschiedener Hinsicht sehr ähnlich, vor allem in Bezug auf Investitionen und Marktaktivitäten. Im Weiteren bestehen nach der Ausgliederung der beiden Sektoren in eine separate Gesellschaft bessere Möglichkeiten, mit ähnlich gelagerten Unternehmen Kooperationen einzugehen oder gar Akquisitionen zu tätigen.

Wie beurteilen Sie die momentane Diskussion um die Einführung von Euro 6?

Monferino: Wir waren in dieser Sache wohl etwas zu zurückhaltend. Zuerst wurde eine allfällige Verschiebung diskutiert, nun bleibt es beim vorgesehenen Zeitpunkt, und alle Hersteller müssen sich mit Hochdruck bemühen, diese Norm erfüllen zu können. Man kann sich allerdings die Frage stellen, ob es sinnvoll ist, Hunderte von Millionen Euro auszugeben für eine weitere fast marginale Reduktion der Emissionswerte.

Wäre es nicht besser, man würde in Europa die zahlreichen Nutzfahrzeuge der Kategorien Euro 0 bis Euro 3 ersetzen?

Monferino: Absolut. Rund ein Drittel der in Europa im Einsatz stehenden Nutzfahrzeuge gehört in die Kategorie Euro 0 bis Euro 3. Hier müsste man den Hebel ansetzen und diese Fahrzeuge ersetzen. Das hätte eine viel grössere positive Auswirkung auf die Luftbelastung als die Einführung von Euro 6.

Welche alternativen Aggregate sieht man bei Iveco für die nahe Zukunft?

Monferino: In Sachen alternative Antriebe bestehen heute höchst unterschiedliche Ansichten. Die einen bevorzugen den Elektroantrieb, andere Gasmotoren beziehungsweise Hybridsysteme oder den reinen Elektroantrieb sowie die Brennstoffzelle. Wir sind der Ansicht, dass der Elektroantrieb sich in den kommenden Jahren bei Nutzfahrzeugen, insbesondere bei leichten Fahrzeugen, durchsetzen wird. Vor allem in Ballungszentren könnte dieses Aggregat mit Vorteil eingesetzt werden. Anderseits darf nicht vergessen werden, dass der Dieselmotor nach wie vor ein Entwicklungspotenzial besitzt und noch viele Jahre die wichtigste Antriebsquelle bleiben wird.

Wie wichtig ist der Schweizer Markt für Iveco?

Monferino: Der Schweizer Markt ist nicht sehr gross, aber für uns wichtig, denn die Schweizer Kunden sind sehr anspruchsvoll und legen Wert auf eine hohe Qualität der Fahrzeuge. Hier können wir mit unserem Modellprogramm absolut mithalten. Wir sind denn auch mit den Verkaufszahlen und den Marktanteilen in den vergangenen Jahren in der Schweiz recht zufrieden. Wir wollen aber unsere Präsenz weiter ausbauen und die Kundenkontakte intensivieren.

Im Bereich schwerer Nutzfahrzeuge ist Iveco nicht so stark vertreten wie einige Konkurrenten. Was ist der Grund dafür?

Monferino: Wir hatten in den vergangenen zehn Jahren einige Probleme mit Fahrzeugen im schweren Bereich, doch heute sind diese weitgehend gelöst und wir verfügen über absolut konkurrenzfähige Fahrzeuge. Unser Stralis weist eine hohe Qualität und Zuverlässigkeit auf, doch dies müssen wir in Zukunft noch stärker kommunizieren.

In Europa werden immer Versuche mit noch schwereren und längeren Nutzfahrzeugen gemacht. Was hält Iveco vom sogenannten Gigaliner beziehungsweise Euroliner?

Monferino: Wir vertreten in dieser Frage eine neutrale Haltung. Diese Fahrzeuge machen in bestimmten Regionen, wie etwa Skandinavien, durchaus Sinn. In Italien allerdings sind sie eher nicht vorstellbar. Überlegen kann man sich die Idee, diese etwas zu verlängern, um zusätzlichen Laderaum zu schaffen, nicht aber deren Gewicht stark zu erhöhen.

Ein Argument ist auch, dass diese Euroliner die Bemühungen, den Güterverkehr auf die Schiene zu verlagern, torpedieren.

Monferino: Eines muss klar festgehalten werden: Der Strassenverkehr wird in Europa auch in Zukunft der klare Verkehrsträger Nummer eins sein und bleiben.

Iveco ist mit der Firma Irisbus im Bau von Omnibussen aktiv. Welche Bedeutung kommt diesem Geschäft derzeit zu?

Monferino: Irisbus entstand aus der ursprünglichen Zusammenarbeit von Iveco und Renault Trucks und gehört heute aber voll zu Iveco. Das Busgeschäft ist kein einfaches Business, wir sind aber mit dem Geschäftsgang mehr oder weniger zufrieden und schreiben, wenn auch bescheidene, schwarze Zahlen. Im Linienbusgeschäft sind wir mit der Tatsache konfrontiert, dass in vielen Städten und Gemeinden ein Bedarf an neuen Fahrzeugen besteht, dieser aber aufgrund der Finanzlage dieser Körperschaften nicht oder nur teilweise gedeckt werden kann.

Zum Modellprogramm von Iveco gehört auch der Geländewagen Massif. Wie entwickelten sich dessen Verkäufe bisher?

Monferino: Es besteht eine gewisse Nachfrage nach diesem Fahrzeug, vor allem im gewerblichen Bereich oder etwa in den Kommunen oder in der Forstwirtschaft. Wir planen in Zukunft, zusammen mit Chrysler einen Geländewagen zu bauen, der auf der Strasse wie im Gelände einsetzbar ist.

 

 


Think-Tank am Bodensee arbeitet an zukünftigen Antriebsvarianten

Sämtliche Nutzfahrzeughersteller betreiben derzeit einen grossen Aufwand, um alternative Antriebssysteme für die Zukunft zu entwickeln, denn das Öl wird einmal zu Ende gehen; dann müssen andere Treibstoffe eingesetzt werden. Im Forschungs- und Entwicklungszentrum von Fiat Powertrain Technologies (FPT) in Arbon arbeiten derzeit 185 qualifizierte Mitarbeitende aus zehn Nationen an der Entwicklung von alternativen Antriebssystemen, aber auch an der weiteren Optimierung des Dieselmotors. Auf insgesamt 31 modernen Prüfständen laufen die unterschiedlichsten Motoren im Dauerbetrieb, um exakte Erkenntnisse über deren Leistung, aber auch deren Emissionen zu ermitteln. In den Hallen der ehemaligen Saurer AG, Arbon, werden aber nicht nur Motorenkonzepte erarbeitet, zu den weiteren Tätigkeiten gehören die Entwicklung von Ein- und Auslasssystemen, Ventilsteuerungen und Motorbremsen.

Die Erkenntnisse der Ingenieure in der Ostschweiz fliessen nachher in die verschiedenen Produkte ein, welche der Fiat-Konzern produziert. Das sind einmal Personenwagen (Fiat, Alfa Romeo und Lancia), aber in erster Linie Nutzfahrzeuge und Landmaschinen.

Die Adolph Saurer AG sowie die spätere Iveco Motorenforschung AG gehören zu den Pionieren in der Motorentechnologie. Schon 1980 wurde der erste Lastwagen mit Turboaufladung vorgestellt. Auch das Common-Rail-Verfahren für Dieselmotoren entstand in Arbon. Iveco gehört zu den weltgrössten Herstellern von Dieselmotoren unterschiedlichster Grösse und Leistungsstärke.(kb)

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