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Mechanik ist für ihn eine Liebesbeziehung

Die Affinität zu schönen Uhren bekam der Chef von Maurice Lacroix praktisch in die Wiege gelegt. Allerdings: In Vaters Spuren wandelt Phlippe Merk nicht, obwohl sich die Haute Horlogerie durchaus mit

Von Flavian cajacob (Text) Susann basler (fotos)
am 01.04.2008

Vorsichtig streift Philippe Merk die Handschuhe über. Es ist, als ob ein Chirurg sich bereit machte für die Operation – «Schwester, das Skalpell bitte, Pinzette, Tupfer». Vor ihm indes liegt kein kranker Patient. Vielmehr ein kerngesundes Schmuckstück. Ein Akt des Respektes seien die in Stoff gelegten Hände, sagt der 51-Jährige; Respekt vor der Unversehrtheit und dem Status des Chronographen mit dem Namen Memoire 1.

«Die erste mechanische Armbanduhr mit Erinnerungsvermögen» – so Merks Werbebotschaft – lässt die Zeiger auf Knopfdruck von der normalen Stellung in die Stopp-Uhr-Funktion springen – und wieder zurück. Ohne dass der gestoppte Wert verloren geht. Drei Jahre haben die Ingenieure von Maurice Lacroix am revolutionären Mechanismus herumgetüftelt. Was sich selbstredend auf den Preis niederschlägt. 100000 Fr.? Philippe Merk schüttelt den Kopf. 200000 Fr.? Philippe Merk schüttelt den Kopf. 250000 Fr.? Philippe Merk schüttelt den Kopf. Der ansonsten beredte Zürcher gibt sich im Vorfeld der offiziellen Präsentation von Memoire 1 an der diesjährigen «BaselWorld» wortkarg.

Zeit zeigen kann auch ein Handy

Weit weniger verschwiegen zeigt sich hingegen die Firmen-Homepage. Klick, klick, klick: Unter 300000 Fr. wird das Œuvre aus dem Hause Maurice Lacroix, welches in einer jährlichen Auflage von 20 Exemplaren hergestellt werden dürfte, wohl nicht zu haben sein. Merk bettet das gute Stück wieder in Samt und Seide. Und sagt: «Die Zeit anzeigen? Das kann auch ein Handy. Aber nur solch ein Chronograph vermag bei seinem Träger Emotion und Passion in höchstem Masse zu wecken.»

Der 51-Jährige hat die Affinität zu edlem Uhrwerk von seinem mittlerweilen verstorbenen Vater, einem Arzt, bereits in jungen Jahren eingeimpft bekommen. «Er war Sammler, und mit 14, 15 hat auch mich die Mechanik in ihren Bann geschlagen.» Merk hebt eine Masterpiece le Chronographe aus der Schatulle und dreht an der fein gewirkten Krone. «Eine Zugfeder treibt über vier Räder ein Pendel an: Seit 400 Jahren hat sich an diesem Prinzip praktisch nichts geändert, das ist doch fantastisch.» Merk mahnt: «Entweder man entwickelt Leidenschaft für solch ein Kunstwerk – oder eben nicht.»

Der Chef über 120000 Uhren

Rund 120000 Uhren werden bei Maurice Lacroix jährlich hergestellt, gegen 50000 davon mit mechanischem Werk, Merk gibt sich – anders als sonst branchenüblich – mit zwei, drei Zahlen sehr offen.

Die Manufaktur im jurassischen Saignelégier gehört zur Zürcher Desco von Schulthess AG. Die Familiengesellschaft wurde 1889 als Handelsunternehmen für Rohseide und Bekleidungstextilien gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die weltweite Vermarktung von Schweizer Uhrenunternehmen der gehobenen Klasse (unter anderem Audemars Piguet, Jaeger-LeCoultre, British Masters, Parmigiani) hinzu.

Mit der Übernahme einer Uhrenmontagefabrik in den Freibergen stieg das Handelsunternehmen 1961 in die Produktion ein. 1975 wurde die erste Uhr unter eigenem Label in Österreich lanciert; im Heimmarkt sind die Maurice-Lacroix-Uhren erst seit 1983 erhältlich. «Verglichen mit den traditionellen Schweizer Uhrenherstellern sind wir eine junge Marke», bemerkt Merk, «das hat aber den Vorteil, dass wir eine gewisse Narrenfreiheit geniessen.»

Er schmunzelt. «Wir nennen uns selber gerne ‹The new kid on den Block›.» Ein – geografischer – Ausreisser im helvetischen Uhrenviertel, das einen sauberen Bogen schlägt von Schaffhausen über Biel nach Genf. Explizit weist Merk denn auch darauf hin, dass Maurice Lacroix nicht einzig und allein eine jurassische Marke sei, sondern, aufgrund des Fabrikationsstandortes, gar eine «Jura-jurassische». Da sei ein Krumen Eigenbrot quasi inklusive.

Sei man in den ersten Jahren als «Einstiegsmarke der Schweizer Uhrenbranche» mit entsprechender Preisgestaltung aufgetreten, so habe sich das spätestens 1989 mit dem Zukauf einer Gehäusefabrik geändert, führt Merk aus. Sie gibt dem Unternehmen mehr Spielraum, den die Mitarbeiter kreativ und innovativ umzusetzen wissen. Heute kostet das Gros der Modelle von Maurice Lacroix zwischen 4000 und 12000 Fr., nach oben sind den Preisen kaum Grenzen gesetzt, wie die Memoire 1 zeigt. «Wir wollen uns klar im Hochpreissegment positionieren», sagt der Firmenchef, der spätestens für das Jahr 2012 eine vollumfänglich in der eigenen Manufaktur hergestellte Masterpiece-Kollektion verspricht. Mit dem Firmennamen im Übrigen huldigt Maurice Lacroix einem ehemaligen Mitarbeiter von Desco.

Philippe Merk ist seit sieben Jahren Chef von Maurice Lacroix. Dass er dereinst einmal in Diensten eines Uhrenproduzenten stehen würde, das hat er sich in jungen Jahren, als er in des Vaters hehren Sammlung stöberte, nicht ausmalen können. Seine Karriere weist denn auch nicht unbedingt jene Zwischenstationen auf, die man mit «vorbestimmt» umschreiben kann.

Von Sandoz zu Feldschlösschen

Vorwärts, das ging es nach dem Studium der Naturwissenschaften zwar immer; Merk allerdings bewies stets auch Neugierde, was andere Felder und Branchen anbelangte. So führte ihn der Weg von der ETH Zürich ans Rheinknie zu Sandoz und von dort zu einem renommierten Unternehmensberater nach Deutschland. Nach einem weiteren Engagement bei Sandoz ging es anschliessend zu Feldschlösschen in die Getränkebranche – und von dort, im Jahr 2000, zu Maurice Lacroix.

«Bekanntlich führen ja viele Wege nach Rom», lacht der zweifache Familienvater, der mit seiner Familie vor den Toren Zürichs lebt, gerne mit den zwei Hunden spazieren geht («Die brauchen keine Uhr, verfügen aber über einen zuverlässigen Rhythmus»), oder sich auf eine seiner beiden Harley Davidsons schwingt. «Das ist angesichts der strategischen Neupositionierung des Unternehmens und den damit verbundenen Arbeiten in letzter Zeit aber alles ein bisschen zu kurz gekommen.»

Apropos Zeit: Für den passionierten Golfer ist das jener Punkt, an dem Vergangenheit und Zukunft sich treffen. «An uns liegt es dann, die Erfahrung der Vergangenheit mitzunehmen und mit der daraus gewonnenen Energie vorwärts, in die Zukunft zu schreiten.»

Der «Manager mit naturwissenschaftlichem Background» (Merk über Merk), der permanent zwischen dem Firmensitz in Zürich und dem Produktionsstandort im Jura unterwegs ist, schätzt seine Mitarbeiter ausserordentlich. Und staunt über deren Esprit: «Das sind Künstler, die sich fortwährend zwischen Hightech und Grimms Märchenwelt hin- und herbewegen. Wahre Horlogers wie sie im Buch stehen.»

Fester Glaube an die Mechanik

Dass die klassische Armbanduhr, zumal der teure Chronograph, auch in Zeiten allgegenwärtiger Zeitbeschaffungsquellen wie Computer- oder Handyuhren seine Anhänger findet, dafür hat Merk eine beinahe philosophische Erklärung. «Die Menschen», sagt er, «haben langsam, aber sicher genug von diesem elektrischen und elektronischen Alltagsterror. Bei einem Chronographen, da liegen die Werte tief verankert.» Wer dies erkenne, der sei auch bereit, den entsprechenden Preis für eine Uhr hinzublättern. Merk blickt noch einmal durch das Glas seiner Masterpiece. «Sehen Sie doch nur all diese Teile, wie sie sich einander zuwenden, miteinander funktioneren, ein Ganzes bilden. Das ist wie eine Liebesbeziehung in einem riesigen Harem.» Die Schwärmerei endet mit einem Schmunzeln. «Wenn sie so wollen», sagt der Maurice-Lacroix-Chef, «würde ich in dieser Uhr gerne die Rolle des Paschas übernehmen.»

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