Die Migros macht seit Monaten einen schlechten Eindruck. Eine negative Schlagzeile jagt die nächste. Ein langjähriger Genossenschaftspräsident aus der Romandie liefert sich einen erbitterten Kleinkrieg mit der Zürcher Zentrale und entblösst so die tiefe Entfremdung zwischen der Basis in den Regionen und dem Management im Mi­gros-Hochhaus. Es gibt Sparrunden und Stellenabbau, es kommt zu Bespitzelungen von Angestellten. Um schlecht laufende Geschäfte loszuwerden, muss die Migros sie zu Dumping-Preisen verkaufen, zum Teil gar auf hohe dreistellige Millionenbeträge verzichten. Nur um reinen Tisch zu machen.

Die Migros ist in der Krise – und reagiert mit Rivalität statt Kooperation

Jüngst sind jetzt auch noch gravierende Informationslecks hinzugekommen. Vertrauliche Angaben zu sinkenden Umsätzen in fast allen Genossenschaften wurden am vergangenen Wochenende heiss diskutiert. Heute wurden sie bestätigt. Wenige Tage später wird ein offenbar bevorstehender Verkauf des Einkaufszentrums Glatt nahe Zürich in den Medien herumgereicht.

Derweil hört man von Chef Fabrice Zumbrunnen oder Präsidentin Ursula Nold öffentlich rein gar nichts – noch nicht einmal Durchhalteparolen. Was ist los bei der Mi­gros, dem neben den SBB, der Post und vielleicht noch der UBS wahrscheinlich wichtigsten Unternehmen der Schweiz?

Es ist die wohl intern reifende Erkenntnis, dass die über Jahrzehnte erfolgsverwöhnte Migros im Jahr 95 ihrer Existenz nicht mehr weitermachen kann wie bisher. Dass es im 21. Jahrhundert mit Strukturen und Gewohnheiten aus dem 20. Jahrhundert womöglich nicht mehr bergauf geht.

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Doch statt in der Krise genossenschaftlich für das Ganze einzustehen und zu kooperieren, verbreiten sich in der vermeintlich harmonischen Migros-Familie Missgunst und Neid. Teils arbeiten die Genossenschaften gegeneinander – und gegen die Zentrale.

Wegweisende Entwicklungen oder Neuerungen innerhalb des Migros-Konzerns gibt es seit Jahren eigentlich nicht mehr bei den Genossenschaften – dem Herz der Detailhändlerin –, sondern nur noch dort, wo Chef Zumbrunnen wirklich mit Herzblut dabei ist: im Gesundheitsbereich. Ein Beispiel dafür ist die diese Woche angekündigte ­Kooperation der Migros-Tochter Medbase – die grösste Schweizer Hausarztkette – mit der Privatklinikgruppe Hirslanden.

Die Teile der Migros passen nicht zusammen

Eigentlich hat die Migros alles, was es braucht, um im Handel erfolgreich zu sein. Ein dichtes Ladennetz, marktführende E-Commerce-Player, die auch den internationalen Vergleich nicht scheuen müssen, eine eigene Industrieproduktion für margenstarke Eigenmarken, ein etabliertes Discountformat, ein positives Image. Und vor allem Kundinnen und Kunden, die sich fast wie Groupies verhalten.

Aber eben: Das Ganze bleibt nur stark, wenn die Teile zusammenspielen. Und das tun sie aktuell nicht wirklich.

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