Der Mineralwassermarkt zeigte über viele Jahre konstante Zuwachsraten, dank einem steigenden Pro-Kopf-Konsum. Dieser kletterte in den 1990er Jahren von 70 auf 100 l, erreichte seinen Höhepunkt im Hitzesommer 2003 mit 126 l und pendelte sich in den folgenden drei Jahren bei rund 120 l ein. «Im vergangenen Jahr war der Umsatz sogar leicht rückläufig», sagt Migros-Sprecherin Sandra Züllig. Marcel Kreber, Generalsekretär des Verbands Schweizer Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten (SMS), geht davon aus, dass die gesamte Branche allerdings volumenmässig noch um rund 1% zulegen konnte.

Auch Marktforscher Nielsen, der zumindest für den Detailhandel die Zahlen ermittelt, kommt zum gleichen Schluss. Wertmässig allerdings verzeichnete die Branche in den letzten zwei Jahren ein Minus von 2,2%. Feldschlösschen-Sprecher Markus Werner spricht denn auch von einem «harten Preiskampf», bei dem die verschiedenen Anbieter mit harten Bandagen um ihre Anteile ringen würden. Ein kräftiger Wachstumstreiber, wie es lange Zeit die stillen Mineralwasser (ohne Kohlensäure) und die leicht aromatisierten Wässerchen waren, ist jedenfalls nicht in Sicht. Umso heftiger tobt der Verdrängungskampf.

Jüngstes Beispiel ist der Kauf von Henniez durch Nestlé. Der grösste Nahrungsmittelkonzern ist damit im vergangenen September in der Schweiz auf einen Schlag zur Nummer eins aufgerückt und verfügt nun über einen Marktanteil von 25%. Und er ist durch die Übernahme der grössten Quelle mit moderner Abfüllanlage und Logistik vom reinen Importeur zum einheimischen Produzenten geworden. Für die weltweite Mineralwasserdivision Nestlé Waters ist die Akquisition allerdings unbedeutend. Henniez macht gerade mal 1,5% des weltweiten Mineralwasserumsatzes von 10,4 Mrd Fr. mit über 72 Marken aus.

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Konsolidierung weit gediehen

Der Henniez-Deal von Nestlé ist ein weiterer Schritt eines sich schon länger abspielenden Konzentrationsprozesses. So hat Feldschlösschen vor zehn Jahren Allegra, Passugger und Rhäzünser übernommen, um 2005 Allegra und Passugger wieder an eine Bündner Investorengruppe abzustossen.

Vor fünf Jahren hat Coca-Cola die Valser Mineralquellen gekauft. Elmer Mineral gehört inzwischen der Unidrink, Heidiland Mineralwasser der Russian Prime Group, Lostorfer den Eptinger Mineralquellen, die auch die Prix-Garantie-Flaschen für Coop abfüllen. Die sechs Grössten in der Branche verfügen zusammen über einen Marktanteil von 90%.

Zum stagnierenden Absatz der heimischen Wässerchen gesellt sich ein steigender Importanteil. Von den in der Schweiz getrunkenen Mineralwässer stammen inzwischen mehr als ein Drittel aus ausländischen Quellen. 1990 wurden erst 74 Mio l eingeführt, inzwischen sind es über 300 Mio l jährlich. Offensichtlich schätzen die Schweizer Konsumenten Berühmtheiten wie Evian oder Perrier, die auch für Lifestyle stehen. «Das Markenbewusstsein ist eben auch beim Mineralwasser gestiegen», kommentiert Verbandssprecher Kreber. Neben Nestlé (mit Contrex, San Pellegrino, Perrier, Vittel) ist Danone (Evian, Volvic) einer der grossen Importeure. Die beiden Nahrungsmultis sind auch weltweit im Geschäft mit Mineral- und Tafelwässern führend.

Daneben gibt es einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Konkurrenten: «Hahnenburger», also Leitungswasser. Der Schweizerische Verein des Gas- und Wasserfachs (SVGW ) betont als Fachorganisation der öffentlichen Wasserversorgungen jedenfalls immer wieder, normales Leitungswasser verfüge an vielen Orten über Mineralwasserqualität und sei erst noch tausendfach billiger.

Wer hat das populärste Wasser?

Den Konsumenten kümmerts wenig. Drei Viertel des Mineralwassers wird im Detailhandel verkauft, ein Viertel in den Restaurants. Migros und Coop sind folglich die grössten Verkäufer. Im Unterschied zu Coop verfügt die Migros zudem über eigene Quellen im Wallis. Sie ist damit als Produzent die Nummer zwei im Markt. «Unsere Eigenmarke Aproz ist das beliebteste Mineralwasser der Schweiz», betont Züllig. Das wiederum lässt Coca-Cola-Sprecherin Pia Lehmann nicht auf sich beruhen. Valser sei das populärste Mineralwasser, reklamiert sie.

Wer von beiden Recht hat, lässt sich nicht eruieren. Denn die Grosskonzerne weisen Mineralwasser in den Bilanzen ? Ausnahmen sind Nestlé und Danone ? nicht gesondert aus. Verbandssprecher Kreber schätzt das Schweizer Marktvolumen auf rund 1 Mrd Fr.

Das ist ungefähr die Hälfte dessen, was die Getränkebranche mit Softdrinks und Fruchtsäften umsetzt. In diesem Segment gibt Coca-Cola den Ton an. «Jedes zweite Erfrischungsgetränk, das in der Schweiz konsumiert wird, ist aus unserem Haus», betont Sprecherin Lehmann.

Mit «zuckerfrei» wie Fanta Orange zero und Sprite zero gibt es hier klare Trends, die trotz steigendem Gesundheits- und Fitnessbewusstsein beim Mineralwasser im Moment fehlen.

 

 


Getränkemultis erzielen mit sauberem Trinkwasser in Schwellenländern Milliardenumsätze

Ob Mineral- oder Hahnenwasser: Der Schweizer Konsument kann aus einem luxuriös breiten Angebot wählen und ist dabei fast immer gut bedient. Ganz anders sieht es in ärmeren Ländern aus: 1,2 Mrd Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser ? die Ursache für eine Vielzahl von Krankheiten in den Entwicklungsländern. Mehr als 2 Mrd Menschen in 40 Ländern der Erde sind mit Engpässen in der Wasserversorgung konfrontiert. Wasser wird genauso wie Erdöl zu einer immer knapperen natürlichen Ressource.

Diesen Umstand nutzen Getränkemultis wie Coca-Cola, Pepsi, Nestlé und Danone. Sie füllen in immer mehr Ländern normales Leitungswasser, das sie von lokalen Wasserwerken beziehen und mit Mineralien anreichern, in Flaschen ab.

Diese Tafelwässer sind in den letzten Jahren zu globalen Brands (Dasani, Aquafina, Pure Life oder Health) geworden, mit denen die erwähnten Konzerne Milliardenumsätze erzielen. Besonders gross ist die Nachfrage in Schwellenländern wie Indien oder Indonesien. Zudem vermarkten Nestlé (Beispiel: Perrier) oder Danone (Evian) auch quellenspezifische echte Mineralwasser weltweit.

Der globale Umsatz mit Flaschenwasser ab Leitung und aus Mineralquellen dürfte gemäss Schätzungen des Pacific Institute for Studies in Development 2007 die Schwelle von 60 Mrd Fr. überschritten haben. Volumenmässig wurden rund 180 Mrd l ab Flasche getrunken. Nestlé rechnet damit, dass sich dieser Markt bis 2014 aufgrund der prognostizierten jährlichen Zuwachsraten von 8 bis 10% verdoppeln wird.

Vom Bedarf nach sauberem Trinkwasser profitieren auch die französischen Milliardenkonzerne Veolia (ehemals Vivendi) und Suez Groupe sowie der deutsche Energiekonzern RWE. Die drei Unternehmen sind in dieser Reihenfolge die grössten Hersteller und Betreiber von Trinkwasseraufbereitungsanlagen.

Das rasant wachsende weltweite Geschäft mit sauberem Trinkwasser ist allerdings politisch umstritten. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Privatisierung eines öffentlichen Gutes wie Wasser als ungerechte Umverteilung von Ressourcen und Gebühren zugunsten von Anbietern aus Industrieländern. Zudem könnten sich das nach westlichen Massstäben zwar billige Tafelwasser mit 20 bis 50 Rp. pro l zum Beispiel in Indien nur 20 % der Bevölkerung leisten. (ps)