Die Folgen der Corona-Krise sind für Airlines brutal: Überall auf der Welt sind sie gezwungen, ihr Fluggerät zu parken. Einreisesperren und Lockdowns machen das Geschäft fast unmöglich. Die Frage ist: Wer fliegt überhaupt noch? Und wer wird finanziell überleben?

Es trifft alle: die grossen wie die kleinen Anbieter. Besonders kritisch ist die Lage jedoch für kleinere Fluggesellschaften wie Chair Airlines. Sie verfügt nur über drei Airbus A319 mit je 150 Sitzplätzen. Zum Vergleich: Lufthansa betreibt 760 Maschinen, davon sind derzeit 700 am Boden.

«Den Kleinen fehlen die Reserven»

«Chair Airlines ist besonders gefährdet», sagt Max Oldorf vom Luftfahrt-Analyse-Unternehmen ch-avation in Chur. «Die grossen Airline-Konzerne wie Lufthansa sind ebenfalls in grosser Not, haben aber einige Reserven. Den Kleinen fehlt das oft.»

Schon ohne das Corona-Chaos war das Geschäftsmodell von Chair ambitioniert, sich gegen die Mächtigen der Branche behaupten zu können. Chair operiert in Zürich, Basel und Genf.

Wegen der Epidemie hat Chair Airlines vorerst alle Flüge gestrichen – bis zum 19. April. Die Airline ist allerdings noch in der Luft: «Wir führen Rückholflüge durch, diese Woche sind es fünf. Zwei nach Malmö, zwei nach Zürich und einer nach Basel», sagt die Pressesprecherin zu HZ. Denn gestrandete Touristen müssen in ihre Heimat zurückgebracht werden. Solche Sonderflüge machten auch Swiss, Edelweiss, Easyjet und Co. vielfach in den vergangenen Tagen.

Chair Airlines hat Kurzarbeit beantragt. Von den rund 140 Mitarbeitern sei allerdings niemand entlassen worden. Bei Helvetic Airways hingegen mussten bereits Mitarbeiter gehen.

Chair Airlines ist eine junge Firma mit bewegter Geschichte: Nachdem die deutsche Germania insolvent wurde, rettete die Zürcher Reiseunternehmerin Leyla Ibrahimi-Salahi mit ihrer Beteiliungungsfirma Albex Aviation den Schweizer Ableger Germania Flug. Später gab Ibrahimi-Salahi knapp die Hälfte der Firmenanteile an die polnische Chartergesellschaft Enter Air ab. Im Sommer 2019 gab sich Germania Flug einen neuen Namen: Chair Airlines war geboren. Den Chefposten hat mittlerweile der Ehemann von Leyla Ibrahimi-Salahi, Shpend Ibrahimi.

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Schon lange auf Balkan konzentriert

Die Ibrahimi-Familie ist mit ihrer Zürcher Firma Air Prishtina schon lange auf das Balkan-Reisegeschäft konzentriert, bietet allerdings mit Chair auch klassische Warmwasserziele an. Die Ibrahimis wollten sich mit Hilfe von Enter Air verstärken und den Flugbetrieb nach der Germania-Pleite wieder in geordnete Bahnen bringen.

Für den Sommer 2020 stand bei Chair ursprünglich ein umfangreiches Flugangebot auf dem Programmn: nicht nur Südeuropa, sondern auch Nordafrika. Chair kündigte zum Beispiel ab Zürich nonstop-Flüge nach Djerba an. Weiterhin sollte es auch Flüge nach Beirut geben.

Doch dann kam Corona. Das wirft alle Pläne über den Haufen.

Chair Airlines hat seine drei Flieger geleast. Egal, ob sie unterwegs sind oder nicht: Pro Maschine fallen im Monat rund 140'000 bis 160'000 Dollar Leasinggebühren an, rechnet Oldorf vor. Plus Kosten fürs Personal und alle anderen Dienstleistungen natürlich. So türmen sich enorme Verluste auf. Harte Zeiten für kleine Aviatik-Anbieter.

Nun steht der Frühling vor der Tür, bald auch der Sommer: «Die jetzigen Groundings kommen in einem sehr gefährlichen Moment für die ohnehin finanziell angeschlagenen Airlines», sagt Oldorf. Gerade die kleinen Fluggesellschaften, die mit einer sehr knappen Marge operieren, brauchen das Sommergeschäft, um über die Runden zu kommen. Denn im Winter gibt es kaum etwas zu verdienen.

Es galt schon vor dem Corona-Desaster: Chair hat massiv Konkurrenz im europäischen Ferienflugmarkt. Richtung Balkan mit Zielen wie Pristina hatten zuletzt auch Anbieter wie Lufthansa-Tochter Edelweiss Air gezeigt, dass sie das Geschäft nicht Chair allein überlassen wollen.

Enter Air bietet Grössenvorteile

Zugute kam Chair zwar die Tatsache, dass Enter Air eingestiegen war und sich gewisse Grössenvorteile erzielen liessen. Doch alle in der Branche kämpfen nun mit dem Super-Gau Corona.

Damit verschärft sich die unangenehme Lage für Chair. Branchenkenner argumentieren, dass sich Chair vielleicht in Zukunft noch stärker auf das Balkan-Geschäft konzentrieren muss. Das sei stets die Stärke der Ibrahimi-Airline gewesen, damit hat sie jahrelang gutes Geld verdient.

Einige Hunderttausend Menschen haben – nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen europäischen Ländern – Wurzeln auf dem Balkan. Diese Menschen per Flieger zu transportieren, könnte auch nach der Corona-Krise ein erträgliches Geschäft für Chair sein. Wenn bis dahin das Geld für Chair reicht – und Corona nicht noch schlimmer wütet.

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