Frau Blocher...
Miriam Baumann-Blocher: Frau Baumann.

Frau Baumann-Blocher?
Ich bin kein Fan von Doppelnamen, aus Effizienzgründen. Entweder ich nehme den Namen an oder nicht. Ich stehe zu beiden Namen.

Dürfen wir ein Basler Läckerli probieren?
Selbstverständlich. Haben Sie noch nie ­eines probiert?

Aber natürlich!
Sonst hätte ich Sie auf der Stelle raus­werfen müssen (lacht).

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Ich bin sehr direkt. Aber auch ein Kontrollfreak, was in der Führung nicht immer von Vorteil ist.

Könnten Sie Ihre Basler Läckerli selbst bei einer Blindverkostung herausschmecken?
Jeder würde den Unterschied merken. Die Konsumenten schicken uns hin und ­wieder Basler Läckerli im Kuvert und beschweren sich, dass es nicht so schmeckt, wie sie es erwartet haben. Meistens sind das aber Kopien; Konsistenz und Geschmack sind deutlich anders. Viel hängt mit dem Honig zusammen.

Wo kommt dieser her?
Aus Mittelamerika. In der Schweiz wird der Honig zu 95 Prozent von den Imkern direkt an den Endkonsumenten verkauft. Die restlichen 5 Prozent gehen über den Detailhandel an die Konsumenten, für die Industrie bleibt nichts übrig. Es braucht grosse Mengen gleichbleibender Qualität. Das ist in der Schweiz unmöglich. Rohstoffe, die in der Schweiz verfügbar sind, beziehen wir auch in der Schweiz.

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Wie viel Schweiz steckt im Basler Läckerli?
Unsere Produkte, insbesondere das Basler Läckerli, erfüllen die Swissness-Richt­linien. Wir haben ja den Baslerstab in unserem Läckerli-Huus-Logo – das verpflichtet. Das Gesetz sagt, 60 Prozent der Wertschöpfung muss in der Schweiz sein, und das ist bei uns unproblematisch. Alles wird hier gemacht. Und 80 Prozent vom Gewicht der Rohstoffe müssen ebenfalls aus der Schweiz sein. Es sei denn, die Rohstoffe sind hier nicht verfügbar. Honig ist eine solche Ausnahme.

Das soeben probierte Läckerli kommt mit Schoggi-Überzug daher. Machen Sie jetzt auch Schokolade?
Eine Kombination mit Schoggi bietet sich an, denn sie gehört einfach zur Schweiz. Übrigens auch dann, wenn die Kakaobohne nicht in der Schweiz wächst. So viel zu Schweizer Rohstoffen in Schweizer Spe­zialitäten.

Sie sagten auch schon, Schoggi machten bereits zu viele, darauf wollten Sie nicht setzen. Warum jetzt plötzlich doch?
Das ist richtig. Auf uns hat im Schoggi-Bereich niemand gewartet. Seit neuestem aber findet man bei uns auch Schoggi-­Produkte. Auch in diesem Bereich müssen wir eben besser sein als die anderen, nur so werden unsere Innovationen wahrgenommen.

Wird das von den Kunden angenommen?
Wir sind mit Schoggi-Produkten deutlich über Plan. Diese Ostern haben wir zum ersten Mal auch Schoggi-Hasen kreiert, ­alles Handarbeit.

Mit Erfolg? Immerhin gibt es bereits den Lindt-Hasen, der alles dominiert.
Es ist nicht so, dass unsere Schoggi beim Mengenabsatz das Basler Läckerli schlagen muss. Aber wer dank Schoggi zu uns kommt, der kommt auch mit dem Original-Basler-Läckerli in Berührung, das ist die Idee. Wir bleiben gern in der Nische.

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Experimentieren Sie auch mit anderen neuen Produkten?
Was unser traditionelles Basler Läckerli betrifft, arbeiten wir gerade an einer völlig neuen Version, die wir im Herbst lancieren wollen. Und wir machen Versuche in unserer Produktion, neben den Oster­hasen auch für die Weihnachtszeit originelle Saisonfiguren herauszubringen.

Derzeit ist Hanf in aller Munde. Auch bald mit Ihren Läckerli?
Wir haben das diskutiert, uns aber von der Idee verabschiedet. Sag niemals nie, aber wir legen den Fokus auf Genuss, nicht auf Labels und Trends. Wenn es keinen Mehrwert bringt, interessiert es uns nicht.

Miriam Baumann-Blocher

Funktion: Präsidentin, CEO und Eigentümerin des Läckerli Huus

Ausbildung: diplomierte Lebensmittelingenieurin ETH

Karriere: 2000 bis 2004: Leiterin der Produktion beim Bonbonhersteller Zile in Rupperswil AG

2004 bis 2007: Leiterin der Produktion beim Getränke­hersteller Thurella in Egnach TG

2007 bis heute: Inhaberin und Geschäftsführerin der Basler Läckerli Huus AG

Familie: verheiratet mit Matthias Baumann, CEO von Möbel Pfister, und Mutter zweier kleiner Kinder.

Wie läuft es im Auslandsgeschäft?
Nummer eins unter unseren Auslandsmärkten ist derzeit Japan. Für Japaner ist es vor allem wichtig, dass die Produkte authentisch sind. Wir sind zwar nur in Tokio vertreten, da sind aber 35 Millionen Einwohner – damit sind wir schon zufrieden.

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In China haben Sie es auch probiert. Hat das geklappt?
Bei unserer Expansion ins Ausland ist ­einiges nicht gelungen.

Was heisst das konkret?
Wir sind in China mit einem Joint Venture gestartet und haben eigene Läden aufgemacht. Es war ein guter Partner, wir haben einiges investiert. Ziel waren Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, die international noch nicht so bekannt sind, damit die Standorte bezahlbar bleiben. Unsere Produkte waren als Geschenk an offizielle Personen gedacht. «Offizielle» Geschenke sind in China beliebt und ­gehören zur Kultur.

Was meinen Sie mit «offiziell»?
Oft wird Geld geschenkt, das zu einem ­Geschenk mit Statussymbol dazu gesteckt wird, etwa einer Geschenkverpackung aus dem Läckerli Huus. Quasi die Renminbi-Nötli zwischen den süssen Spezialitäten.

Was hat nicht funktioniert?
Das Geschäft lief gut an. Dann ist aber die neue chinesische Regierung gekommen und hat neue Compliance-Regeln eingeführt und unser «Geschenkmodell» ist zusammengebrochen. Wir haben unsere drei Standorte in China geschlossen und das Joint Venture aufgelöst. Das investierte Kapital war aufgebraucht.

Haben Sie andere Märkte im Visier?
Nummer zwei bei uns ist jetzt Deutschland, allerdings vor allem die grenznahe Region. 85 Prozent der Käufer sind Schweizer. Wir sind da, wo der Kunde ist. Ein Exportgeschäft ist es trotzdem, auch wenn es anschliessend reimportiert wird.

Und die USA? Walmart hatte einmal ­Waren und Labels in den eigenen Regalen von Firmen gefördert, welche frauen­geführt sind. Sie waren auch dabei.
Das war eine einmalige Aktion, zumindest mit unseren Produkten. Damit kann man Aufmerksamkeit erregen, aber das ist nicht unbedingt nachhaltig.

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«Wegen neuer Compliance-Regeln ist unser Geschenkmodell in China zusammengebrochen.»

 

Abgesehen von der Geografie: Wie ist Ihre Verteilung im Vertrieb bezüglich online und stationär?
40 Prozent des Umsatzes generieren wir in eigenen Läden. Unser Online-Shop läuft sehr gut, allerdings wird der Hauptkauf­impuls immer noch offline gegeben. Wir verschicken physische Kataloge und der Kunde bestellt dann online, verschickt wird die Ware in die ganze Welt. Das Versandbusiness macht rund 15 Prozent ­unseres Umsatzes aus. Den Rest des Umsatzes erwirtschaften wir mit Kunden­geschenken für Firmen, im klassischen Detailhandel, im Industriebereich – wie Rahmtäfeli für Glacé – und im Export.

Sie haben 2014 einen Grossauftrag der ­Armee erhalten. Gibts den noch?
Ja. Und eine weitere Ausschreibung läuft gerade, wir haben bereits eine Eingabe ­gemacht. Die Armee kauft im grösseren Stil Snack-Artikel, so auch unsere Basler Läckerli, die bei den Soldaten sehr gefragt sind. Das wird alle drei Jahre nach WTO-­Kriterien ausgeschrieben. Wir müssen dafür absurderweise ganze Bücher verfassen, zum Beispiel, dass wir keine Kinder beschäftigen, was ja selbstverständlich ist. Aber so sind halt die WTO-Anforderungen.

Vor zehn Jahren haben Sie neun firmeneigene Standorte in der Schweiz übernommen. Seither sind zwei neue dazugekommen. Warum läuft die Expansion so langsam?
Läckerli Huus verträgt nicht so viele Filialen in der Schweiz. Auf unserer Wunschliste stehen Zürich und Genf für einen zweiten Laden oder auch Lugano, im Tessin sind wir schliesslich bisher gar nicht vertreten. In diesen Zentrumslagen können wir uns die Mieten aber leider meist nicht leisten. Wir warten immer noch auf die viel beschworene Immobilienkrise.

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Wie viel Geduld wollen Sie noch beweisen?
Wir betreiben sehr kleine Läden, das heisst, wir konkurrenzieren bei der Standortsuche nicht mit grossen Textilketten. Wir stehen eher in Konkurrenz mit Uhrenanbietern, die ebenfalls nur sehr kleine Läden brauchen. Die Uhrenbranche kann sich weiterhin Läden in Stadtzentren leisten. Freie Immobilien in den passenden Grössen in diesen Lagen sind deshalb rar. Wir sind der Ansicht, ein Laden muss selbsttragend wirtschaften können.

Ist ein selbsttragender Laden realistisch, wenn die Mieten so hoch sind? Sie müssten dafür ja zig Tausende Läckerli verkaufen.
Eben deswegen gestaltet sich die Standortsuche schwierig. Wenn das nun aber ein privater Hausbesitzer ist, der sagt: «Das ist eine Schweizer Firma, die bleibt auch, die finde ich sympathisch, deshalb verzichte ich gerne auf ein bisschen Miete», dann haben wir gute Chancen.

Gespraech mit Miriam Baumann Blocher

Miriam Baumann-Blocher (Mitte) im Gespräch mit den Redaktoren Bernhard Fischer und Seraina Gross.

Quelle: ZVG
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Ist das nicht unwahrscheinlich?
Man darf halt nicht ungeduldig werden. Deswegen haben wir Pop-up-Stores oder Shop-in-Shop-Lösungen vorangetrieben und stehen derzeit bei 31 solchen Standorten in der Schweiz. So kommen wir auch in kleinere Orte, die wir sonst nicht ab­decken könnten. Wir sind dort quasi Ergänzungssortiment, traditionell natürlich in Bäckereien und Spezialitätenläden. Und setzen auch auf alternative Verkaufskanäle, zum Beispiel auf Gartencenter oder auf Möbelhäuser. Das läuft unglaublich gut.

Läckerli Huus gibt es auch bei Möbel ­Pfister. Ihr Mann ist CEO von Möbel ­Pfister. Synergien in der Familie?
Das wäre eine gute Story, war aber nicht so. Wir waren zuerst bei Möbel Hubacher, erst danach hat Pfister Hubacher gekauft. Hubacher hatte die gute, unkonventionelle Idee. Wir dachten noch, was sollen wir denn in einem Möbelhaus? Aber sind wir mit den Verkaufszahlen sehr zufrieden.

Kein Thema am Frühstückstisch?
Beim Frühstück diskutieren wir alles Mögliche, auch über Möbel und Basler Läckerli.

Denken Sie auch an Akquisitionen?
Ja. Es könnten neue Standorte, neue Technologien, neue Distributionsmodelle sein oder im Bereich der Kapazitätsauslastung. Sogar die Expansion in neue Geschäfts­felder ist möglich. Da gibt es einige Ideen, die wir uns anschauen.

Als Tochter des einstigen SVP-Bundesrats Christoph Blocher hatten Sie einen ­schweren Start im links-grünen Basel, bis hin zu Boykottaufrufen gegen Ihre ­Läckerli. Hat Ihnen das geschadet?
Es hat einen medialen Aufruhr gegeben. Wenn man den Gesamtmarkt für Basler Läckerli anschaut, hat es den Markt belebt und er ist in der Folge gewachsen.

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Bad news are good news?
Wir sehen auch: Wenn über uns negativ geschrieben wird, führt das zu einer Be­lebung.

Also gut: Wie schlecht läuft das Geschäft?
Umsätze geben wir nicht bekannt. Wir ­haben 150 Mitarbeitende, 50 in den Läden und 100 an unserem Standort in Frenkendorf. Letztes Jahr haben wir 1000 Tonnen Läckerli verkauft, 300 Tonnen Rahmtäfeli und 25 Tonnen Schokolade. Wir machen von Oktober bis Dezember 40 Prozent unseres Gesamtumsatzes, Weihnachten ist unser Kerngeschäft. In dieser Zeit stellen wir zusätzlich 80 Mitarbeitende ein, in den Läden zum Regalauffüllen, in der Produktion, im Lager und zur Entgegennahme von telefonischen Bestellungen.

Im Weihnachtsgeschäft setzen Sie auf ­Teilzeit-Arbeitskräfte. Woher kommen die?
Wir haben eine gewisse Anzahl Personen, die kommen jedes Jahr. Das sind Leute, die haben schon bei uns gearbeitet und wollen zum Beispiel nach der Pensionierung noch etwas dazuverdienen, von Saison zu Saison. Meistens sind das Frauen. Leider sind das nicht all jene achtzig Leute, die wir brauchten. Was die restlichen benötigten Arbeitskräfte betrifft, nehmen wir, was auf dem Markt ist. Das Gros davon sind Ungelernte und Studierende.

Sind auch Grenzgänger darunter?
Ja, aber weniger bei den Temporär-­Arbeitskräften. Die Grenzgänger kommen grösstenteils aus dem Elsass, das sind etwa zehn Personen, Tendenz abnehmend, weil die jüngere Generation kein Deutsch mehr spricht. Und das ist nun einmal unsere Firmensprache. Aus Deutschland haben wir auch einige wenige Grenzgänger.

Wie stehen Sie zur Personenfreizügigkeit?
Die finde ich per se problematisch. Denn gerade bei unseren Mitarbeitenden sehe ich deswegen einen grossen Lohndruck.

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Gibt es auch Vorteile?
Ja, es bleibt uns viel administrative Arbeit erspart. Aber den Lohndruck kann man nicht wegdiskutieren.

In der Schoggi steckt Kakao, der immer wieder Thema in der Compliance ist. Braucht es ein Gesetz, das Schweizer Firmen zur Transparenz verpflichtet? Stichwort: Konzernverantwortungsinitiative.
Es ist die Frage, was man regional und was man global regeln muss. Im Kakaobereich hat die Schweiz bereits eine absolute Vorreiterrolle. Wir stellen die Schoggi nicht selber her, wir kaufen sie von der Firma Felchlin zu. Ich muss auch sagen, wir geben nichts auf Labels. Wir folgen der Leitlinie, nur ein Label auf unseren Produkten auszuweisen, und das ist Läckerli Huus. Unsere Marke steht dafür, dass wir diese Fragen glaubwürdig und sicher abdecken.

«Unsere Basler Läckerli sind bei den Soldaten der Armee als Snacks sehr gefragt.»

 

Also kein eigenes Gesetz?
Wenn man das Problem einheitlich lösen will, so ist der Staat zu wenig nah dran und kann zu wenig beurteilen, was zu tun ist. Damit der Staat hier eine effektive Rolle spielen könnte, müsste man die Mittel und das Personal dafür massiv aufstocken. Und das fände ich nicht gut. Immerhin müsste das der Steuerzahler bezahlen. Ich glaube, Private können das besser lösen.

Ihr Verhältnis zur Politik ist von Skepsis geprägt. Sie sagten einmal, Parlamentarierlöhne müssten reduziert werden, damit sie es sich nicht leisten können, Vollzeit zu ­politisieren. Sehen Sie das immer noch so?
Ich bin nach wie vor nicht für Berufspoli­tiker. Es braucht Leute aus der Praxis, sonst kann der Staat nicht klug agieren.

Wie viel zahlen Sie sich selbst aus?
Das entscheide nicht ich, sondern die Steuerbehörde. Die schaut schon darauf, dass möglichst viel im Unternehmen verbleibt, um das als Gewinn besteuern zu können.

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Sie sind zweitgrösste Aktionärin bei EMS-­Chemie mit rund 9 Prozent Anteil im Wert von rund 1,5 Milliarden Franken. Nehmen Sie noch Geld vom Läckerli Huus?
Ich könnte gratis arbeiten. Ich würde dann aber auch weder Sozialversicherungs- noch Pensionskassenbeiträge zahlen. Ich weiss nicht, ob das so sozial wäre.

Wollen Sie Ihren EMS-Anteil behalten oder verkaufen und woanders investieren?
Wenn ich mit einer Anlage nicht zufrieden bin, muss ich verkaufen. Aber EMS ist eine gut rentierende Wertanlage. Und ich muss wenig dafür tun. Natürlich hat es auch ­einen emotionalen Wert. Mein Vater hat die Firma aufgebaut. Ausserdem wäre es gar nicht so einfach, das Paket zu verkaufen. Der Free Float ist nicht so gross. Wenn ich verkaufen würde, dann würde ich es zuerst intern anbieten.

Reizt Sie der Gang in die Politik?
Nein. Ich bringe mich im Vorstand des ­Gewerbeverbandes Basel-Stadt und der Biscosuisse ein, bin also politisch affin, nehme an allen Abstimmungen teil. Aber ich plane nicht, politisch aktiv zu werden. Fürs Läckerli Huus sehe ich noch viele Entwicklungsmöglichkeiten.

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