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Debatte
Müssen Schweizer stets erreichbar sein?

Smartphones ermöglichen ständige Erreichbarkeit. In Deutschland schalten Konzerne wie VW nachts die Mailserver ab – um Mitarbeiter vor Stress zu schützen. Schweizer Firmen halten davon nichts.

Von Mathias Ohanian
am 19.02.2014

Nach dem Abendessen noch ein Mail des Kollegen in den USA beantworten, vor dem Sonntagsbrunch schnell ein Projekt für den Wochenstart vorbereiten. Für viele Beschäftigte in der Schweiz endet der Arbeitstag oft nicht mit dem Verlassen des Büros. Kleine Arbeiten am Wochenende sind keine Seltenheit. Selbst in den Ferien ist das Smartphone dabei: Fast die Hälfte der Schweizer arbeitet am Traumstrand weiter, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie herausgefunden hat. Drei Viertel der über 1200 Befragten lesen und schreiben E-Mails, über 40 Prozent führen geschäftliche Telefongespräche.

Besonders gilt das für Beschäftigte in Schweizer Grosskonzernen. In kaum einem der wichtigen im Schweizer Aktienindex SMI vertretenen Unternehmen ebbt die Informationsflut für Mitarbeiter nach Dienstschluss ab, wie eine Stichprobe von handelszeitung.ch zeigt. «Für ein international tätiges Unternehmen ist die digitale Erreichbarkeit der Mitarbeitenden wichtig», teilt etwa der Elektrotechnikkonzern ABB mit. Projektleiter oder Service-Mitarbeiter müssten «in Notfällen gut erreichbar sein», so eine Sprecherin. In insgesamt rund 100 Ländern beschäftigt ABB eigenen Angaben zufolge etwa 150'000 Mitarbeiter.

«Wir setzen auf die Eigenverantwortung der Angestellten»

Damit ist ABB kein Einzelfall. Auch beim Telekommunikationsunternehmen Swisscom sind die Beschäftigten ständig erreichbar, ebenso beim weltweit tätigen Baustoffkonzern Holcim. Auch der Industriekonzern Sulzer führt die internationale Vernetzung als wichtigen Grund für die ständige digitale Erreichbarkeit seiner Beschäftigten an. Laut einer Sprecherin werde das «von den Mitarbeitenden explizit erwünscht». Arbeiten viele Schweizer also gerne nach Dienstschluss und in den Ferien? Umfragen zufolge ist das keineswegs der Fall: Über die Hälfte der Eidgenossen lehnt das ab.

Und der gefühlte Stress am Arbeitsplatz steigt. Das zeigt die in dieser Woche veröffentlichte Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik. Demnach steht beinahe jeder fünfte Schweizer Erwerbstätige im Job meistens oder immer unter Stress. Ebenfalls fast jeder Fünfte gibt zu, sich bei der Arbeit emotional verbraucht zu fühlen. Dabei weisen Personen, die viel Stress bei der Arbeit erleben oder Burnout gefährdet sind, demnach eine fünf respektive sechs Mal höhere Wahrscheinlichkeit für eine Depression auf als Erwerbstätige, die diesen Belastungen nicht ausgesetzt sind.

Entsprechend hat die Inanspruchnahme medizinischer Dienstleistungen infolge psychischer Probleme in den vergangenen 15 Jahren zugenommen, zeigt die alle fünf Jahre veröffentlichte Langzeitstudie des Bundes. Diese Ergebnisse decken sich mit Erhebungen des Staatssekretariats für Wirtschaft aus dem Frühjahr 2011 und Erfahrungen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums.

«Der Stress in den Unternehmen steigt»

Martin Flügel kennt das Problem: «Der Stress in den Unternehmen steigt», sagt der Präsident des Dachverbands Travail Suisse. Verantwortlich dafür ist zu einem Grossteil auch der Siegeszug digitaler Produkte: «Insbesondere seit dem Aufkommen von Smartphones haben psychosozialer Druck und Stress am Arbeitsplatz zugenommen haben», sagt Pepo Hofstetter von der Gewerkschaft Unia. 

Beide Experten fordern von den Schweizer Unternehmen klare Ansagen gegenüber der eigenen Belegschaft. Denn oft läuft das Zusammenspiel zwischen Chefs und ihren Mitarbeitenden im Vagen ab: Zwar wird nach Dienstschluss keine zusätzliche Arbeit erwartet, etwas dagegen hat der Vorgesetzte aber auch nicht. «Im Umgang mit E-Mails setzen wir auf die Eigenverantwortung der Angestellten», heisst es etwa beim Nahrungsmittelgiganten Nestlé. Bei der SBB sei «der Umgang mit elektronischen Medien eine Führungsaufgabe».

Unia: «Recht auf Unerreichbarkeit»

Klare Regelungen gibt es also vielerorts also nicht – sowohl für Unia als auch Travail Suisse ein untragbarer Zustand: Man trete nun für ein «Recht auf Unerreichbarkeit» ein, sagt Unia-Experte Hofstetter. Unternehmen und Sozialpartner sollten gemeinsam klare Regeln im Umgang mit mobilen Kommunikationsmitteln festlegen – «ein Appell an die Selbstverantwortung der Mitarbeitenden genügt nicht», sagt er. Werde Erreichbarkeit in der Freizeit erwartet, sei diese entsprechend zu enschädigen.

Ausserhalb der Schweiz sind die von Bund, Unia und Travail Suiss aufgezeigten Probleme erkannt – und werden teils rigoros bekämpft. Insbesondere gehen immer mehr deutsche Konzerne gegen die digitale Flut vor. Auch – oder ausgerechnet – jene Unternehmen, die wie ihre Schweizer Pendants rund um den Globus tätigt sind. Bei Bayer und Eon lautet die offiziell den Mitarbeitern kommunizierte Marschroute, dass E-Mails in der Freizeit nicht bearbeitet werden müssen oder sollen. Bei BMW werden neuerdings mobile Tätigkeiten in der Freizeit auf einem Stundenkonto erfasst. Dort formulierte man nun ebenfalls das von Unia geforderte «Recht auf Unerreichbarkeit».

Drastische Massnahmen in Deutschland

Weitaus drastischer fallen die Massnahmen in anderen Grosskonzernen aus: Sind Mitarbeiter von Daimler in den Ferien und haben ihren Abwesenheitsassistenten aktiviert, werden die eintreffenden Mails automatisch gelöscht. Der Absender muss die Nachricht nochmal schreiben. Und der Wolfsburger Autobauer fährt sogar seinen Mailserver nach Dienstschluss automatisch herunter und erst am kommenden Morgen wieder hoch. 

Das geht Travail-Suisse-Präsident Flügel etwas zu weit, dennoch hält er fest: «Die Datenflut wird grösser – da haben Schweizer Unternehmen Nachholbedarf.»

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