Arturo Bris hatte alles, was sich Akademiker wünschen. Er lehrte als ­Finanzprofessor in Yale, liess sich Hemden mit seinen Initialen massschneidern, lunchte mit Hillary Clinton und schüttelte dem US-Präsidenten die Hand. Sein Job brachte ihm viel Anerkennung ein. «Ich wurde allein wegen meiner ­Position automatisch in die Business Class hochgestuft, wenn ich reiste», sagt der Spanier. Doch das gab er alles auf – um mit seiner Familie nach Lausanne zu ziehen. Bris ist seit 2007 Professor an der privaten Business School IMD in Lausanne.

Die Mächtigen der Welt trifft er nicht mehr regelmässig. Doch das war es ihm wert. In Yale habe er sich nach einigen Jahren gelangweilt. «Im Grunde brachte man dort vielen reichen Kindern bei, wie die ­Finanzwelt in der Theorie funktioniert.» Zeitungen habe er nie für seinen alten Job lesen müssen. In Lausanne ist das anders. Jetzt muss er sich ständig gut über das ­aktuelle Wirtschaftsgeschehen informieren. Denn er arbeitet gerade in einem Finanzwirtschafts-Seminar mit hochrangigen ABB-Managern – deren Konzernchef Joe Hogan kurz zuvor zurückgetreten war.

«Hier muss ich täglich die Wirtschaftspresse lesen, sonst bin ich in solchen Si­tuationen aufgeschmissen.» Die Praxisnähe des IMD fasziniert ihn. Statt an abstrakten Theorien arbeite er mit realen Zahlen der Unter­nehmen. «Hier herrscht Leidenschaft für das Thema. Und man lernt auch von den ­Seminarteilnehmern sehr viel.»

Das IMD gibt es seit 1990. Damals fusio­nierten das 1946 gegründete International Management Institute IMI aus Genf und das 1957 von Nestlé gegründete Institut pour l’étude des méthodes de direction de l’entreprise (IMEDE). Inzwischen ist die Hochschule weltweit eine der renommiertesten privaten Einrichtungen im Bereich der Managementweiterbildung. Straumann-Chef Marco Gadola, Sunrise-Lenker Libor Voncina und ABB-Schweiz-Chef Remo Lütolf – sie alle gingen hier zur Schule.

Kellner und feine Speisen

Dass das Institut mit Blick auf den ­Genfersee keine normale Uni ist, merken ­Besucher schnell. Die Studenten heissen «Teilnehmer». Rund 8000 besuchen jedes Jahr Kurse, fast 100 verschiedene Natio­nalitäten treffen sich. Nur 4 Prozent der Teilnehmer stammen aus der Schweiz, ­gesprochen wird am IMD englisch. Alle Teilnehmer haben schon einen guten Karrierestart hinter sich – wenn nicht bereits eine Führungsposition. Top-Manager gehen hier noch einmal zur Schule. Statt der Mensa gibt es am IMD in Lausanne-Ouchy ein Restaurant mit weissen Tischdecken, Kellnern und feinen Speisen.

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Der grüne Rasen auf dem Campus sieht aus wie mit der Nagelschere getrimmt. «Es ist irgendwie angenehm, hier nochmals so richtig zu büffeln», sagt einer der Teilnehmer des MBA-Studiengangs. Es sei eine Mischung aus hartem Studium und Urlaub. Er ist Anfang 30, gelernter Ingenieur. Um seine Karriere­perspektive zu erweitern, entschied er sich für den Studiengang. «Beziehungsweise das IMD entschied sich für mich», sagt er stolz. Nur 90 Plätze im Jahr vergibt das Institut pro Jahr für den MBA. 60000 Franken kostet der Karriere-Booster.

«Für diesen Studiengang ist das IMD wohl am bekanntesten», sagt Sprecherin Aïcha Besser. Doch von den jährlichen Einnahmen, die bei 105 Millionen Franken pro Jahr liegen, macht das ­Programm nur 8 Prozent aus. Der Rest kommt ­von den offenen Lehrprogrammen, welche mehrere Tausend Franken pro Teilnehmer kosten und auf Unternehmen mass­geschneidert sind – wie Arturo Bris’ ABB-­Seminar.

Viele solcher Angebote leitet auch Albrecht Enders. Er ist Innovations- und Strategie-Spezialist. Der Deutsche hilft Unternehmen weiterzukommen, wenn das alte Geschäftsmodell nicht mehr greift. Wie Bris schätzt er die Nähe zur Praxis. Enders arbeitete früher für die Boston Consulting Group und lehrte an der Universität Heidelberg. Auch wenn die Wettbewerber des IMD hauptsächlich Business Schools mit klingenden Namen wie London Business School oder Harvard seien, hier gebe es einen viel näheren Bezug zur Beratungsarbeit. «Die Leute fragen sich sicherlich oft: Gehe ich zu McKinsey, BCG oder vielleicht zum IMD?»

Nicht zu verachten seien auch die Vorteile, die man an einer privaten Schule habe – mehr Ressourcen, viele Reisen, ­viele Freiheiten. Das schätzt auch Kollege Bris. Er will nicht über sein Gehalt reden, doch auf die Frage, ob er denn nun auch ohne Upgrade in der Business Class fliegen kann, lächelt er nur.

IMD-Rangliste: Die Schweiz auf Platz 3

Rangliste
Das IMD publiziert seit 1989 das World Competitiveness Yearbook mit der Rangliste der wettbewerbsfähigsten Staaten. Im Ranking 2012 lag Hongkong vor den USA an der Spitze von 59 Staaten. Die Schweiz belegte Rang 3. Das nächste Ranking erscheint am 30. Mai. Bis 1995 publizierte das IMD die Studie in Zusammenarbeit mit dem World Economic Forum in Genf. Seither konkurrieren sie sich. Im «Global Competitiveness Report» des WEF belegte die Schweiz 2012 Platz 1 vor Singapur und Finnland.