Peter Renfer, Kommunikationsverantwortlicher des Berufsbildungsverbandes der Versicherungswirtschaft (VBV), erklärt: «Die aktuelle Wirtschaftslage und die damit steigenden Anforderungen an die Mitarbeiter motivieren Arbeitgeber wie Arbeitnehmer, verstärkt in Bildung und Kompetenz zu investieren.» Der in der Branche für die ausserbetriebliche Weiterbildung verantwortliche VBV hat allerdings keine speziellen Angebote zur Finanzmarktkrise entwickelt.

Die beiden im Herbst 2007 gestarteten Weiterbildungen zum Fachausweis Versicherung und zum Diplom Höhere Fachschule Versicherung (HFV) sind jedoch gefragter denn je. «Noch nie zuvor haben sich so viele Mitarbeitende der schweizerischen Assekuranz in diese berufsbegleitenden Lehrgänge eingeschrieben wie jetzt», stellt Renfer fest.

Gespart wird vorderhand nicht

Wie weit diese Nachfrage mit der Krise zusammenhängt, darüber kann nur spekuliert werden. Jedenfalls scheinen die grössten Gesellschaften ihre Budgets für externe Weiterbildungsmassnahmen im Vergleich zum Vorjahr nicht abgespeckt zu haben. Bei gewissen Unternehmen werde nun klar antizyklisch gehandelt und zusätzliches Geld in die Weiterbildung investiert. «Viele betonen, wie wichtig gerade jetzt das branchenspezifische Know-how ist», so Renfer. Selbstverständlich könnte er auch Beispiele von Firmen aufzählen, bei denen die Weiterbildungsbudgets massiv unter Druck geraten sind.

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Das ist allerdings bei den von der «Handelszeitung» direkt befragten Gesellschaften nicht der Fall. «Mitarbeiterentwicklung und Talent-Management gehören zu unseren strategischen Pfeilern und werden wegen der Krise auf den Finanzmärkten nicht weniger wichtig, weshalb die Weiterbildung im üblichen Rahmen weiterhin gefördert wird», sagt zum Beispiel Sonja Giardini, Sprecherin der Zurich Schweiz. Ganz ähnlich tönt es bei den Basler Versicherungen und der Schweizerischen Mobiliar. Bei den Basler ist das Thema Subprime-Krise in den vergangenen Monaten jedoch in die verschiedenen Weiterbildungen im hauseigenen Ausbildungszentrum eingeflossen.

Firmen schulen zuerst selbst

Die Swiss Life hat die Auswirkungen der Finanzkrise ebenfalls an eigenen Veranstaltungen und in der Mitarbeiterzeitung diskutiert. Auch die Zurich hat das Thema in interne Kurse eingebettet und die Mitarbeiter über Intranet, Telefonkonferenzen, Faktenblätter und Videobotschaften laufend aufdatiert. «Das Interesse an den entsprechenden Inhalten war und ist hoch», verrät Giardini. Auch wenn der Versicherungskonzern bis jetzt noch kein ausserbetriebliches Weiterbildungsangebot gesichtet hat, zu dem er die eigenen Leute zwingend schicken müsste, so arbeitet er wie schon in der Vergangenheit mit jenen Hochschulen zusammen, die Fragen und Techniken des Krisenmanagements vertieft behandeln.

Vor den grössten Herausforderungen stehen in der Finanzmarktkrise die Mitarbeitenden der Banken. «Alle werden stets auf dem neusten Stand gehalten, vor allem via Intranet», berichtet UBS-Sprecher Andreas Kern. Die von den Turbulenzen besonders hart getroffene Grossbank hat zudem die interne Weiterbildungsinitiative «Enabling back to Business» lanciert. Sie beinhaltet unter anderem Workshops und Module, die den Vorgesetzten an der Front helfen sollen, Kundenbindungs- und Rückgewinnungspotenziale zu identifizieren und Lösungen auszuarbeiten. Zudem können Führungskräfte im Selbststudium über das Modul «Leading in Challenging Times» die effektivsten Führungspraktiken auffrischen. «Wird intern kein passendes Weiterbildungsangebot gefunden, so greifen wir gerne auf externe Anbieter zurück», sagt Kern weiter. Das betrifft besonders Sprachen, Fach- oder Managementausbildungen.

Auch die Credit Suisse (CS) setzt auf die Hilfe von externen Weiterbildungsinstituten, wobei nur das Beste gut genug ist. Denn die Anbieter müssen, wie CS-Sprecher Dorjee Kokasang betont, «die von uns geforderten höchsten Qualitätsstandards erfüllen.» Mit «Expert Insights» stellt die Bank zudem allen Mitarbeitenden eine Plattform zur Verfügung, welche die aktuellen Entwicklungen erklärt und mit thematischen Lernangeboten verknüpft.

Zurückhaltender als auch schon

Und die Zürcher Kantonalbank (ZKB) hat eine 90-minütige Abendveranstaltung auf dem Programm, die für alle Kundenbetreuer obligatorisch ist. «Die Mitarbeiter an der Front sollten danach in der Lage sein, die Fragen von Kundinnen und Kunden, die sich um die aktuelle Krise, deren Auswirkungen auf ihr Vermögen und mögliche Handlungsalternativen drehen, rasch und kompetent zu beantworten», erklärt ZKB-Personalleiter René Hoppeler. Er betont weiter, dass die Finanzmarktkrise auf das externe Weiterbildungsbudget keine direkten Auswirkungen habe. Allerdings sei man bezüglich Bewil-ligungen nun leicht zurückhaltender und prüfe allenfalls bei Gesuchen auch Alternativen.

Insofern ist das, was Jacques Bischoff, Rektor der Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ), als Konsequenz der Finanzmarktkrise für das eigene Angebot befürchtet, also nicht ganz unbegründet. «Mittelfristig rechnen wir damit, dass gewisse Finanzinstitute ihre finanzielle Beteiligung an den Weiterbildungskosten ihrer Angestellten reduzieren werden», sagt Bischoff. Zudem beobachtet er, dass bei den Unternehmen wieder stärker auf die Anerkennung der Abschlüsse und deren Akzeptanz auf dem Arbeitsmarkt geachtet werde.

 

 


Die Universitätsprofessoren wollen dem Halbwissen zu Leibe rücken

An der HSG in St.Gallen sind schon 2008 sofort Aspekte der Krise auf den Finanzmärkten in die bestehende Lehre eingebaut worden. Manuel Ammann, Professor am dortigen Swiss Institute of Banking & Finance, erklärt: «Wir haben beobachten müssen, dass der Wissensstand über Anlage- und Risikomethoden vielerorts krass ungenügend ist.»

Diesem gefährlichen Halbwissen wollen die Professoren jetzt zu Leibe rücken. «Zudem legen wir künftig noch grösseren Wert auf die Förderung der kritischen Denkfähigkeit der Studierenden, gepaart mit verantwortlichem Handeln.» Indes ergäben sich aus der Krise keine grundsätzlichen Korrekturen an den eigentlichen Lehrinhalten. «Die klassischen Theorien müssen wir deswegen nicht über den Haufen werfen; vielmehr gibt es jetzt dazu einfach wunderschöne neue Fallstudien», führt Ammann aus.

Am Bankeninstitut der Universität Zürich ist als Reaktion sofort die Vorlesung «Geschichte des Finanzplatzes Schweiz» ins Programm aufgenommen worden. «Damit die jungen Studenten etwas mehr Bodenhaftung bekommen», meint Direktor Thorsten Hens. Er macht kein Geheimnis daraus, dass er in den letzten Monaten neue Erkenntnisse gewonnen hat, die nun in die Lehre einfliessen sollen. «Für den Erfolg auf den Finanzmärkten ist es gar nicht so wichtig, wie gut sich einer in finanzmathematischen Dingen, sprich Derivaten, auskennt und damit rechnen kann», stellt er fest. Viel entscheidender sei, ob sich ein Marktteilnehmer relativ zu den Mitbewerbern richtig einschätzen könne. «Die zentrale Aufgabe der Lehre ist es, die Spezialisierung der Studierenden auf eine breite Basis zu stellen, auch wenn diese lieber nur ihr Lieblingsfach studieren.»

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Vor drei Monaten hat das Institut für Finanzdienstleistungen (IFZ) der Hochschule Luzern das Seminar «Kundenkommunikation in der Vertrauenskrise» als blitzschnelle Reaktion auf die Krise geschaffen. «Das Interesse an dieser Veranstaltung war bei den Banken riesig», erzählt Dozent Nils Hafner. Die vermittelten Inhalte und die gewonnenen Erkenntnisse bilden nun in einigen Weiterbildungen einen eigenen Vertiefungsschwerpunkt.(ps)