Diese Frau ist für Traditionalisten eine echte Provokation. Dienstwege, erzählen Kollegen, hält sie schon mal für geschäftsbehindernd, üppig bestückte Meetings für unproduktives Geplapper.

Ein enges Pflichtenheft wiederum animiert sie erst recht, neue Zukunftsprojekte anzureissen. Und um zusätzliche Kompetenzen bettelt sie schon gar nicht. Diese nimmt sie sich einfach.

Laura Meyer, Digitalexpertin bei der UBS, ist durch nichts und niemanden zu bremsen. Temporeich und speditiv muss es im Tagesgeschäft gehen. Ihr Drive zieht sich bis ins Private: Ihr eleganter Auftritt – stets in Schwarz – sei der Effizienzsteigerung geschuldet, ­feixen Arbeitskollegen, so verschwende sie vor dem Kleiderschrank keine kostbare Zeit.

«Laura-Style»

Schwarz gewandet und stets gut gelaunt schwingt sich die Managing Director der Grossbank frühmorgens aufs Fahrrad und radelt zur Arbeit ins Büro in der Zürcher Innenstadt.

«Laura-Style» nennt man intern ihren ausgeprägten Hang zur Nonkonformität. Dieser bringt manchen braven UBS-Banker schon mal ins Grübeln: Was doch in dieser ehrwürdigen Grossbank so alles möglich wäre – wenn man sich nur traute.

Anzeige

Und Meyer traut sich ­einiges zu, nein: alles. Als Headhunter Boyden vor zwei Jahren anklopfte und ihr ein Verwaltungsratsmandat beim Reisekonzern Hotelplan anbot, gab es kein Zögern oder Zaudern.

Zumindest nicht bei ihr, wohl aber bei der Bank. Schliesslich kletterte ihr Antrag für das externe Mandat die Hierarchieleiter hoch und landete ganz zuoberst, auf dem Pult von UBS-Konzernchef Sergio Ermotti. Dieser war angetan vom er­frischenden Tatendrang der jungen Mittelmanagerin und gab grünes Licht.

Zumbrunnen wollte die Digitalfrau

So landete Meyer, notabene ohne spezifische Branchenkenntnis, im Verwaltungsrat eines Touristikmilliar­den­konzerns. Ein neckisches Detail war der UBS-Kaderfrau damals kaum ­bekannt: Hausbank der Hotelplan-­Gruppe ist ausgerechnet die UBS-­Konkurrentin Credit Suisse.

Bei so viel Betriebsamkeit überrascht es kaum, dass die mittlerweile 39-jährige Bankerin keine Sekunde ­zögerte, als ihr Hotelplan-Präsident ­Fabrice Zumbrunnen diesen Sommer den Chefposten offerierte. Auf einen Search hatte Zumbrunnen, der als Mi­gros-Konzernchef ohnehin der starke Mann im Verwaltungsrat der Migros-­Tochter Hotelplan ist, verzichtet.

Anzeige

Laura Meyer stand zuoberst auf seiner Wunschliste. Und Meyer sagte – logisch – begeistert zu. Derweil wunderte sich die ganze Branche und fragte: Laura who? Ausgerechnet eine junge UBS-­Digitalbankerin soll «Hopla» aus der Krise führen?

Die Aufgabe, die sich Meyer ab Januar 2021 zumutet, könnte schwerer nicht sein. Es ist einer der heikelsten Jobs, den die Schweizer Wirtschaft zu vergeben hat. Die Touristikgruppe steckt nämlich tief im Krisenmodus, hat in den letzten Jahren wenig bis nichts verdient.

Bis zu 80 Prozent Umsatzeinbrüchen

Ein Unternehmen auch, das durch die Digitalisierungswelle und die Corona-Krise erschüttert wird. Die Rede ist von Umsatzeinbrüchen zwischen 40 und 80 Prozent, je nach Kundensegment.

Ob das Geschäftsmodell mit 84 Filialen das Beben übersteht, ist keinesfalls gesichert. Vieles hängt von der Geduld der Mutterfirma Migros ab. Im internationalen Vergleich ist ihre Tochter mit 1,4 Umsatzmilliarden ein Winzling. Im globalisierten Reisegeschäft prügeln sich Giganten wie Tui, Booking oder Airbnb.

Anzeige

Eine irre Zeit also – und ein irrer Wechsel. Bis Ende Jahr noch führt ­Thomas Stirnimann den Konzern. Ein Touristiker, der 1978 eine KV-Lehre bei Kuoni begann und nach über vierzig ­Jahren jeden Winkel der Branche kennt.

Seine Nachfolgerin dagegen ist eine New­comerin. Sie studierte Jus an der Uni in Zürich und finanzierte das Stu­dium nicht durch Bürojobs in Anwaltskanzleien, sondern durch Servieren in einer Santa-Lucia-Pizzeria. Bei McKinsey, ­ihrem ersten Arbeitsort nach dem Studium, betreute sie als Expertin für Verkauf und Marketing sämtliche Branchen – ausser Touristik.

Anzeige

Bei der NZZ aufgelaufen

Irgendwann, nach sechs Jahren, muss es ihr zu langweilig geworden sein. Nun lotste sie ein ehemaliger Mc­Kinsey-­Kollege zur NZZ-Medien­gruppe. Es war die Zeit von Firmenchef Veit Dengler – und einer Vision: aus der verstaubten Zeitungsfirma ein digitales Medien­unternehmen zu formen.

Doch es war zuvorderst ein gröberer Culture-Clash. Hier die superdynamische Ex-McKinsey-­Beraterin mit Zusatzstudium an der ­Insead in Paris und Singapur, dort die antiquierte Mediengruppe von der Zürcher Falkenstrasse.

Meyer wollte zu viel in zu kurzer Zeit mit zu wenig Branchenwissen, erinnert sich ein Weggefährte. Als sie realisierte, dass bei der NZZ der Veränderungswille nicht übermäs­sig war und ein Karrieresprung für sie nicht anstand, wechselte sie – nach bloss anderthalb Jahren – zur Grossbank UBS.

Anzeige

Digitaloffensive bei der UBS

Genauer: ins Reich von Digitalturbo ­Andreas Kubli, ebenfalls ein Bekannter aus der McKinsey-Zeit. Anfänglich betreute Meyer mit fünf Mit­arbeitenden die Website, die Social Media sowie die Kundenkontakte auf E- und Mobile-­Banking.

Ein Wechselbad: Betriebs-Gewinn (Stufe Ebit)

2010: Verlust
2011: Verlust
2012: Verlust
2013: –4 Millionen
2014: +23,6 Millionen
2015: Verlust
2016: Gewinn
2017: +5 Millionen
2018: +3 Millionen
2019: Gewinn
2020: Verlust*
2021: Verlust*

* Prognose
Quelle: Recherche HZ

Als die Digitaloffensive der Bank weiter an Fahrt gewann, baute sie einen Distribution-Hub und ein Zen­trum für Daten und Analyse auf. Nebenher dozierte die zweifache Mutter an der Zürcher Hochschule für Wirtschaft über Digital-Banking und engagierte sich im Frauennetzwerk Generation CEO. Projekte durchziehen, Change Management durchsetzen, digitales Offering aushecken, agiles Arbeiten über Silos hinweg – das alles kennt Meyer aus dem Effeff.

Anzeige

Eine Herausforderung liegt allerdings in der Dimension: Heute hat die UBS-Managerin geschätzt 150 Leute unter sich, bei Hotelplan werden es 14-mal mehr sein – und die allermeisten Mitarbeitenden hier sind verun­sichert. Ein Riesensprung, gewiss.

Old Economy in der Schweizer Touristikbranche

Aber bei der UBS hat Meyer gezeigt, dass sie Leute für sich und ihre Aufgaben begeistern kann. Auch ihr Know-how in Sachen Digita­lisierung dürfte helfen. Denn die Schweizer Touristikbranche gehört immer noch zur Old Economy, die auf Filialen baut. Ins Bild passt, dass Hotelplan das IT-Personal seit 2018 reduziert hat.

Künftig gewinnt, wer investitionsfähig fürs Digitale bleibt. Und teure Missgriffe vermeidet. Dazu gehört das Bedfinder-­Projekt, das Hotelplan-Chef Stirni­mann als digitales Prestigeprojekt 2016 gründete. Plattform-Partner Google hat sich längst davongemacht, geblieben sind Verluste in Millionenhöhe.

Anzeige

Auch die Umsatzsprünge blieben aus, derweilen hat man das Geschäftsmodell schon dreimal auf den Kopf gestellt. Auch die Virtual-Reality-Brillen in den Filialen, die beim Publikum die Lust auf Fern­reisen wecken sollten, hat man wieder eingesammelt.

Mittlerweile schiesst die Digitalkonkurrenz aus allen Rohren, mit dynamischem Pricing oder Datenana­lysen für massgeschneiderte Offerings. Für die Hotelplan Gruppe ist es ­allerhöchste Zeit für den Restart und einen Digital-Push. Laura-Style.

Social Media

Besuchen Sie uns bei Facebook, Linkedin & Co.

Anzeige