Sonne, Wind und Wasser machen ihn zum Superstar. Nick Beglinger reitet auf einer Erfolgswelle der Sonderklasse. Der Präsident des Wirtschaftsdachverbandes Swisscleantech propagiert seit langem eine saubere Energiestrategie. Nach dem Atom-Ausstieg bejubeln ihn die Medien als den «Mann der Stunde» und gar als «achten Bundesrat»

Politiker und Charismatiker loben Beglinger als hervorragenden Netzwerker, Trendaufspürer und Charismatiker. Der 41-Jährige ist mit seinem vor eineinhalb Jahren gegründeten Wirtschaftsverband rechtzeitig auf den Cleantech-Zug aufgesprungen. Schon vor Fukushima brachte er gegen den Widerstand des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse eine Verschärfung des CO₂-Gesetzes durch. «Und plötzlich war er ganz oben», wundert man sich dort heute. Bereits zählt Beglingers Verband 215 Mitglieder, Ende Jahr sollen es rund 300 sein.

Zum Millionär in Vietnam

Doch in der Erfolgsgeschichte des Superstars vermutet so mancher Insider ein paar intransparente Kapitel. «Es ist nicht klar, wie es beim Verband finanziell läuft», sagen Politiker und Wirtschaftsvertreter. Die Mitglieder bezahlen je nach Grösse bis zu 40000 Franken pro Jahr. Das reicht nicht, um Beglingers achtköpfiges Team zu finanzieren. Das Loch stopft seine eigene Foundation for global Sustainability (FFGS). «Die Stiftung hat Mandate des Verbandes, reicht das Geld aus den Verbandseinnahmen nicht, springt die Stiftung ein», erklärt Beglinger.

Das Stiftungskapital habe zu Beginn etwas über 1 Million Franken betragen. «Eine Million stammte von mir, der Rest kam von zwei Freunden der Familie, die ­anonym bleiben wollen», sagt Beglinger.

Seine Erklärung, wie er zur Million kam, klingt abenteuerlich: «Ich habe ein Start-up in Vietnam verkauft und Landgeschäfte dort getätigt», sagt er. Was abenteuerlich tönt, nennt er selber skurril.

Vietnam kannte Beglinger von seinem Wirtschaftsstudium an der London School of Economics. Während Kollegen in der Sommerpause sich Ferien in Spanien gönnten, habe er Praktika bei einer Bank in Vietnam absolviert.

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Nach einem Beraterjob bei McKinsey machte er sich Ende der 1990er-Jahre in Vietnam selbstständig, um ein Programmier-Zentrum in Saigon aufzubauen. Er expandierte nach Singapur und fungierte als Internet-Incubator. 1998 holte er Schweizer Geschäftskollegen an Bord, die Geld und Arbeitskraft in die Firma steckten. Kaum war das Start-up mit dem Namen Extramedia aufgebaut, platzte die Internetblase. Die Schweizer Geschäftskollegen zogen sich zurück. «Geld haben wir keines mehr gesehen», sagen sie heute etwas frustriert und sprechen von «verbrannter Erde». Das Unternehmen sei heruntergefahren worden. Beglinger habe zwar ein Gespür für den Trend gehabt, doch leider Pech. «Wir sind zu spät eingestiegen», so die Ex-Partner.

Beglinger gibt zu, in Vietnam zu spät gestartet zu sein. «Die Erwartungen waren enorm», sagt er. «Es ist aber auch schwierig, in einem Schwellenland mit einem Start-up Geld zu verdienen.» Rückblickend würde er das nicht mehr machen. Ein Teil der Firma Extramedia sei geschlossen worden, bestätigt er. Einen anderen Teil habe er herausgelöst und 2001 für wenig Geld verkauft. «Es ist neu für mich, dass ein Teil herausgelöst wurde», gibt sich ein ehemaliger Geschäftspartner erstaunt.

Doch woher kommt nun Beglingers Reichtum? «Hauptsächlich aus den Real-Estate-Projekten», sagt er. Er habe Lizenzen verkauft. Vietnamesen können kein Land direkt besitzen, sondern nur Nutzungsrechte. Solche «land use rights» hat Beglinger im Rahmen von Hotelprojekten verkauft. Ausländer durften vor 2009 zwar keine Immobilien besitzen, er habe im Joint Venture gehandelt, so Beglinger.

Neue Welle Cleantech

2007 kehrte er in die Schweiz zurück und steckte das Angesparte in seine Stiftung FFGS. Von der virtuellen Welt hatte er fortan genug. «Ich wollte etwas Handfestes machen.» Er stieg in die Bauentwiklungsfirma Maxmakers ein – und erwischte eine neue Trendwelle: Cleantech. Für die Firma arbeitete er im nahen Osten und für die Regierung in Abu Dhabi am Projekt Masdar City. Im Wüstenstaat soll eine CO₂-neutrale Stadt entstehen.

Seit der Finanzkrise sind die Scheichs nur noch schwer für Cleantech zu begeistern. Das Projekt wurde redimensioniert. Auch für Beglingers Firma war das Projekt nicht sehr lukrativ. «Man unterschätzt gerne die Komplexität und Intensität von Projekten wie Masdar», sagt er.

Zwischenzeitlich importierte Beglinger die Idee einer Öko-Stadt nach Dübendorf. Von Abu-Dübi auf dem Areal des Militärflugplatzes war dort die Rede. Heute spricht man noch von einem Innovationspark. Daraus entstand immerhin der Swiss­cleantech-Verband.

«Ich suche intensiv neue Mitglieder», sagt Beglinger. Denn das Kapital der Stiftung, die den Verband noch finanziert, sei bald aufgebraucht. Von einer intransparenten Finanzierung könne keine Rede sein. Derweil könnte sich sein Vietnam-Trauma wiederholen. Experten sprechen schon von einer Cleantech-Blase. «An der Börse lässt man besser die Finger von Solar- und Wind-Titeln», sagt er, eine gewisse Überhitzung sei vorhanden. Aber die Grundentwicklung in Richtung saubere Technik ginge weiter. Trotz geplatzer Blase gebe es ja schliesslich das Geschäft mit dem Internet immer noch.

Beglinger will die Cleantech-Welle konsequent weiterreiten – ab 17. Juni an der Spitze der bundeseigenen Exportplattform Cleantech. Ob es so kommt, ist fraglich. Der Vorstand hat offenbar andere Pläne.

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