Oliver Wyss ist wohl der einzige Eishockey-Fan, der nicht offen sagen kann, für welchen Klub sein Herz schlägt. Seine Aussage könnte Kunden verärgern – Fribourg-Gottéron beispielsweise oder die Kloten Flyers. Denn Wyss ist Merchandising-Chef des Embracher Eishockey-Ausrüsters Ochsner Hockey. «Ich muss diplomatisch bleiben», sagt er.

Von Diplomatie ist dieser Tage in den grössten Eishockey-Stadien der Nation nichts zu spüren. Dort geht es um alles oder nichts. Der SCB duelliert sich mit den ZSC Lions um den Meistertitel 2012. Die Playoffs halten nicht nur Zehntausende von Zuschauern, sondern auch die Mit­arbeitenden von Ochsner Hockey in Atem. Spieler brauchen noch Stöcke, Schuhe oder Bekleidung. Die Fans brauchen Trikots, Schals, Kapuzenpullover oder Baby-Bodies – alles in den Mannschaftsfarben.

Wyss hält zum ZSC

Auch Wyss arbeitet zurzeit auf Hochtouren. Und er bekennt für das finale ­Duell für einmal sogar Farbe. Er wird den ZSC Lions die Daumen drücken. Das lässt sich für einmal mit dem Geschäft vereinbaren. Die Zürcher tragen nämlich Trikots, die er vermittelte, und spielen mit Stöcken von Ochsner Hockey, die Berner nicht.

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Patron Jürg Ochsner war einst selbst Eishockey-Spieler und -Trainer. In den 60er-Jahren gründete er dann seinen eigenen Handelsbetrieb für Eishockey-Ausrüstung. Heute führen seine Söhne Sacha und Marc Ochsner den Betrieb. Zahlen zum Geschäftsgang wollen sie keine nennen. Doch dass es gut läuft, ist offensichtlich. 60 Personen arbeiten mittlerweile für das Unternehmen, das 19 Filialen in der ganzen Schweiz betreibt.

Auch NHL-Spieler kommen vorbei

Der Laden am Hauptsitz in Embrach ZH sei einer der drei grössten Eishockey-Shops in Europa, sagt Wyss. Zur Ausstattung gehört auch eine­ ­eigene Eisbahn mit Originalbande, auf der die Spieler neues Material testen können. Liga- und Nationalmannschaftsspieler ­gehen im Geschäft ein und aus. Auch NHL-Spieler Yannick Weber sei schon da gewesen, erzählt Wyss stolz.

Wer hier hinter der Kasse steht, muss etwas von Eishockey verstehen. «Es ist schon wichtig, dass man die bekannten Spieler erkennt», sagt Wyss. Auch vom Sport muss man was wissen. Bei Bewerbungsgesprächen würden sie deshalb schon mal zwei, drei Eishockey-Fachkenntnisfragen stellen, erzählt der 42-Jährige.

Lehrlinge spielen selbst Eishockey

Manche der Lehrlinge bei Ochsner Hockey kennen sich nicht nur sehr gut aus, sondern spielen auch selbst sehr gut Eishockey. «Das bedeutet halt auch, dass einzelne jeden Nachmittag Training haben», erklärt Wyss. Darauf nehme man gerne Rücksicht.

Einige der früheren Ochsner-Lehrlinge haben mittlerweile Profiverträge. Etwa Denis Hollenstein, der bei den Kloten Flyers spielt, oder Pascal Caminada, der bei Lausanne im Tor steht. Beide standen früher hinter der Kasse bei Ochsner ­Hockey.

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Der Verkauf von Eishockey-Ausrüstung ist das Kerngeschäft. Ein Profispieler braucht pro Saison zwischen 12 und 60 Stöcke und 2 bis 10 Paar Schlittschuhe. Dazu kommen ein neuer Helm, neue Schoner, Handschuhe und Bekleidung. Ochsner Hockey verkauft aber nicht nur an Klubs und Profispieler, sondern auch an Private und Fachgeschäfte.

Bereit zur Diversifikation

Immer wichtiger wird der 1999 gegründete Geschäftsbereich Merchandising. Ab der nächsten Saison wird Wyss’ Team die Mannschaftstrikots und Fanartikel von sechs der zwölf Schweizer Liga-Teams ­gestalten und vertreiben.

Neben den ZSC Lions sind das die Kloten Flyers, Fribourg-Gottéron, die SCL Tigers, neu auch Ambri-Piotta und der HC Lugano. «Für so viele Klubs Trikots und Fanartikel zu entwerfen, ist eine Herausforderung», sagt Wyss. Schliesslich dürften sich die Designs auf keinen Fall gleichen.

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Wyss sucht Nähe zu Spielern und Fans

Um mit seinen Entwürfen den Wünschen der Fans möglichst nahe zu sein, geht Wyss selbst oft an Eishockey-Matches. Am Verkaufsstand spricht er mit den Fans, die ihm zwischen Bratwurst und Bier ihre Meinung zum neuen Klubtrikot sagen.

Produziert Wyss’ Team an den Wünschen der Anhänger vorbei, schlägt sich dies sofort in den Verkaufszahlen nieder. «Letztes Jahr haben wir für den ZSC eine spezielle Sommer-Fankollektion herausgebracht», erzählt Wyss. Die Anhänger ­interessierten sich jedoch kein bisschen für T-Shirts in knalligen Farben, die nur entfernt an das klassische ZSC-Design erinnerten. «Aus solchen Erfahrungen lernt man», sagt Wyss.

ZSC hilft auch Ochsner

Für die Trikots dieser Saison setzte er wieder auf klassisches ZSC-Blau zusammen mit dem Slogan «Mir sind Züri», darunter die Skyline der Stadt Zürich. Der Slogan soll Emotionen wecken. Und die sind gut fürs Geschäft.

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«Grundsätzlich verkaufen wir mehr, je besser das Team spielt», erklärt der ­Merchandising-Profi. Wenn der ZSC wie in dieser Saison schlecht starte, seien auch die Absätze nicht so toll. Wettgemacht ­haben dies die Zürcher nun mit dem ­Finaleinzug. Berauscht vom Erfolg ihres eigenen Teams, haben sich bereits Hunderte von Fans das neue ZSC-Shirt gekauft, das Wyss und seine Leute speziell zum Playoff-Final herausgaben.

Das Merchandising-Geschäft ist ein Spiel mit Emotionen. Wyss versteht etwas von dem Spiel und hofft nun, dass der ZSC ebenso viel vom Eishockey-Spielen versteht. Sonst könnte er auf den Meister­trikots, welche bereits vorgängig gedruckt werden, sitzen bleiben.