Schwankungen gehören ein Stück weit zum Geschäftsmodell von Ölhändlern. Wenn an einem Ort der Welt die Förderung abbricht und anderswo die Nachfrage steigt, schlägt ihre Stunde: Die Cargos – so heissen die Lieferungen im Jargon – zur richtigen Zeit am richtigen Ort bringen den Profit.

«Ein bisschen Volatilität ist gut», sagt Gerard Delsad, Schweiz-Chef beim weltweit grössten unabhängigen Ölhändler ­Vitol aus Genf. «Aber im Moment ist sie schlicht viel zu hoch.» Kein Händler jubelt in diesen Wochen der Ölflut.

Die Margen schwinden, die Umsätze sinken. Grosse Trader ächzen, bei den kleinen geht es in ersten Fällen bereits ans Existenzielle. ­Anhaltende Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Risiken türmen sich.

Cyberkriminelle schlagen häufiger zu

Etwa das Kreditrisiko, wonach ein Händler die Ware, die er bereits geliefert hat, nicht bezahlt erhält, da die Kunden selber in ­finanziellen Engpässen stecken. Oder die rechtlichen Risiken: Öfters berufen sich Geschäftspartner nun auf die sogenannte Force Majeure, auf die höhere Gewalt, um sich nicht an vertragliche Abmachungen zu halten.

Konflikte in der Wertschöpfungskette nehmen laufend zu, ganze Länder gelten plötzlich als nicht mehr verlässlich, da der Ölpreis ins Bodenlose gefallen ist und die Förderung auf der Kippe steht. In einigen Regionen kann die Fracht nur mit grosser Verspätung gelöscht werden, weil die Tankercrew wegen Quarantänemassnahmen in den Häfen festsitzt.

Zu alledem schlagen nun Cyberkriminelle häufiger zu, weil die Trader – statt hinter ihren professionellen Terminals zu sitzen – ihre millionenschweren Aufträge nun meist von zu Hause abschicken.

Weniger Geld von Banken

Natürlich sichern sich die Händler von physischem Öl gegen grosse Preisein­brüche ab, so gut es geht. Ihr Geschäft ist nicht die Spekulation, sondern das Ausbalancieren von Angebot und Nachfrage. «Das Hedgen gelingt bei diesen starken Preisschwankungen in so kurzer Zeit nicht immer zu 100 Prozent», sagt Delsad.

Die schwarze Flut

Wie die Schweiz der Ölkrise begegnet. Mehr hier.

Der Grund dafür liegt in der Berechnung des Wertes eines Cargos. Der Kaufpreis wird oft über fünf Tage vom Preis­informationsdienst Platts berechnet. Das gleichzeitige Absichern an den Futures-­Märkten ist nicht präzise, wenn ein Fass Öl innerhalb von Stunden 5 Dollar weniger wert sein kann.

Und trotzdem: Die grossen Öltrader Glencore, Tra­figura, Vitol, Mercuria und Gunvor kommen vorderhand über die Runden. «Es ist schwierig, aber immer noch möglich, das Ölhandelsgeschäft profitabel zu gestalten», so Delsad von Vitol. Anders sieht es bei den kleineren Händlern aus, die von den Ufern des Genfersees oder von Zug aus agieren.

«Ich habe aktuell drei Schiffe gechartert», sagt ein Zuger Trader, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. «Sie sind alle voll mit Öl beladen, treiben auf dem Meer und ich finde einfach keinen Käufer, der mir genug ­bezahlt.» Seit drei Wochen ist er auf der ­Suche nach Kunden, nach Möglichkeiten für die Zwischenlagerung, nach einer Raffinerie, die ihm die Ware abnähme.

Das Öl stammt aus langfristigen Verträgen, die er noch im letzten Jahr unterschrieben hat. Dieser Händler verliert seit Wochen Geld. 25 000 Dollar am Tag, sagt er. So viel kostet die Schiffsmiete. Normalerweise lebt er von der Prämie, die Kunden für das Öl zu bezahlen bereit sind. Sie ist ein ausgehandelter Aufschlag zu den Notierungen bei Platts, deckt die Kosten des Traders und bringt ihm den Gewinn. «Jetzt kann jeder Käufer unter 15 Cargos auswählen.

Anzeige

Die Grossen erhalten nicht gefährdete Darlehen

Die Prämie ist negativ, wenn ich als Händler nun verkaufe», sagt er. Hinzu kommen Probleme mit den Banken. Das bestätigt ein weiterer Zuger Händler: «Die Vorfinanzierung des Öls via Banken ist zwar noch machbar. Aber sie ist deutlich schwieriger und teurer geworden», sagt er.

Auch das trifft die kleinen heftiger als die grossen, denn diese müssen nicht ­wegen jedes einzelnen Cargos zu den Banken; sie erhalten für das Alltags­geschäft langfristige, vorderhand nicht gefährdete Darlehen. Glencore jedenfalls hat diese Woche Kreditlinien von 15 Milliarden Dollar verlängern können.

Die kleinen Trader dagegen geraten zusehends in Liquiditätsengpässe. Paradoxerweise verschärft sich die Lage ausgerechnet aufgrund der Versicherungen gegen den Preiszerfall. Um sich abzusichern, hedgen sich die Trader an den Terminbörsen zum Beispiel mit einem Short. Sinkt also der Wert ihres Cargos, so steigt wenigstens der Wert dieser Versicherung.

Das Problem ist nur: Bei der aktuell gigantischen Volatilität legten die Kurse zuletzt über Nacht auch 10 oder 20 Prozent zu. In diesen Fällen sinkt der Wert der Versicherung rapide und die Trader erhalten von der Bank einen Margin Call: Sie sollten Geld nachschiessen, um die Versicherung aufrechtzuerhalten. Das geht sofort in die Millionen.

In der Branche hörte man zuletzt von Händlern, die deswegen Probleme bekommen haben. Martin Fasser von der Zug Commodity Association sagt: «Ich erwarte, dass es Liquiditätsengpässe gibt.»

Supertanker als Stauraum

Was viele Trader zurzeit rettet, ist die Contango genannte Preisstruktur. Sie besagt, dass heute gekauftes Öl billiger ist als jenes, das erst in sechs Monaten geliefert wird. Das macht sich der Trader zunutze.

Er kauft heute Öl, parkiert es irgendwo, hat aber bereits die Zusicherung, dieses Öl zum Beispiel in sechs Monaten zu einem höheren Preis an einen Käufer liefern zu können. «Der Trader ist im Markt, er kennt die Trends wie kein anderer. Dieser Wissensvorsprung nützt ihm bei seinen Entscheiden», sagt Charles Thiémélé vom ­Ölberatungsunternehmen Damalex.

Aber auch dieses Spiel ist für die grossen Player einfacher, weil sie mehr Reserven haben. So hat Glencore vor wenigen Wochen den Supertanker «Europe» für mindestens sechs Monate gechartert, um ihn als treibendes Tanklager nutzen und das Contango-Szenario spielen zu können.

Eine rasche Besserung ist nicht in Sicht. Jedenfalls berichteten letzte Woche erste kleinere Ölproduzenten von negativen Preisen. Wer ihnen Öl abnahm, erhielt noch was drauf. Ein Paradies, müsste man meinen. Jetzt müssen die Händler bloss noch Kunden finden.

Anzeige