Ob er es will oder nicht, der Mann wird in seiner neuen Funktion als Direktor des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse polarisieren und sich politische Gegner schaffen. Der 37-jährige Pascal Gentinetta ist sich dessen bewusst, eine einfache, monotone Aufgabe hätte den gebürtigen Walliser auch gar nicht gelockt. Was aber seinen künftigen Widersachern noch kaum bewusst sein dürfte, ist, dass der Mann sich nur schwer als Feindbild eignet.

Der Doktor der Wirtschafswissenschaft und Experte in Finanz- und Steuerpolitik ist nämlich nicht etwa ein trockener Dozent, sondern ein sportlicher Bon-Vivant, der mit seiner Art gute Stimmung verbreitet. Dazu tragen sein leichter französischer Akzent, sein spitzbübisches Lachen, seine Geselligkeit sowie seine Passion für Sport und gutes Tafeln bei. Wenn er ungewollt Sätze sagt, wie «Ich fühle mich sehr unternehmerlustig», dann ist das zwar grammatikalisch nicht ganz perfekt, aber eine sympathische Wortkreation, die erst noch zu ihm passt.


Wettbewerb mehr als ein Wort

Dem Klischee des lockeren und spontanen Romands entspricht Gentinetta dennoch nicht ganz. Seine Aussagen über Economiesuisse und seine Funktion sind zu geschliffen, um komplett spontan zu sein. Er sagte etwa: «Wir sollten uns immer so positionieren, dass wir im gesamtwirtschaftlichen Interesse handeln» oder «Der Verband soll eine liberale Reformkraft sein und dazu beitragen, dass individuelle Freiheiten und private Lösungen Vorrang erhalten.» Auch sein Lebenslauf wirkt strategisch wohl durchdacht und alles andere als überstürzt. Doch wie ist der aus einer Ärztefamilie stammende Romand zum überzeugten Liberalen geworden – in Fragen der Postmarktöffnung gilt er gar als Turboliberalisierer?

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Klar ist, den freien Wettbewerb predigt er nicht nur einfach so, er stellt sich selber leidenschaftlich gerne dem Wettkampf. Dies lebte er im Spitzensport als Jugendlicher voll aus. Im Tennis war er lange im Nationalkader der Junioren zusammen mit dem nachmaligen Tennisprofi Marc Rosset und schaffte es auf Platz 41 in der Schweiz.

Mit 15 Jahren entschied er sich, nicht voll auf Tennis zu setzen, sondern zu studieren. Der Wettkampfsport habe ihn stark geprägt, sagt er heute. Nachhaltig beeinflusst hätten ihn auch die Geschichtslektionen im altgriechisch-lateinischen Gymnasium über die Kämpfe, die die alten Völker ausgefochten hatten, um ihre Freiheit zu erlangen. Sein liberales Gedankengut final geformt habe das Studium an der Hochschule St. Gallen.


Von Genf nach St.Gallen

Dass er als Romand für das Studium in die Ostschweiz umsiedelte, findet er nicht aussergewöhnlich. Ihn habe es zur Betriebswirtschaft gezogen, weil er gerne etwas umsetze. Während dem Studium hat er in einem Praktikum bei BNP Paribas in Genf Bankenluft geschnuppert und seine Kenntnisse in Finanzanalyse angewendet. Er befand aber, dass er mit 22 Jahren noch zu jung sei, um voll ins Arbeitsleben einzusteigen. Deshalb startete er eine Dissertation in Betriebswirtschaft und nebenbei ein Jusstudium. Dass er parallel dazu als Tennislehrer arbeitete, passt zum energetischen Walliser.

Für ein bis zwei Tennisspiele die Woche nimmt er sich heute noch Zeit. Im kommenden Jahr stellt sich die Frage, ob er endlich für die Jungsenioren der Grasshoppers in der Nationaliga A spielen wird. Derzeit spielt er in der C-Liga, bei den normalen Aktiven. Am Sport mag er nicht nur den Wettkampf, sondern auch den Teamgeist und die Freundschaften, die sich dabei knüpfen lassen.

Trotzdem, Gentinetta ist kein Plauschsportler, er ist ein Siegertyp, dem man den Sieg nicht übel nehmen kann. Auf die Frage, ob er nur immer gewinnt, winkt er ab: «Nein, nein, im Tennis habe ich zum Teil auch viel verloren.» Es wäre schön, wenn man nur gewinnen würde. Aber im Sport müsse man auch mit der Niederlage umgehen können.

Beruflich gewinnen möchte er mehr als nur Geld. «Wenn es mir darum ginge, möglichst viel Geld zu verdienen, dann würde ich nicht für einen Dachverband arbeiten» begründet er. Nachdem er rasant und strategisch durchgedacht die Karriereleiter aufgestiegen ist, würde es zwar nicht überraschen, wenn er nach ein paar Jahren bei Economiesuisse weitere Topjobs angeln würde.

Doch als seine weiteren Lebensziele nennt er statt ambitiöse Posten lieber Glück im Privatleben, auch eine Familie zu gründen, sei vorstellbar. Bei Letzterem, relativiert er, habe natürlich seine Freundin, eine Bankerin, stark mitzureden. Sein Aktivitätsdrang ist einer ausgewogenen Work-Life-Balance nicht nur förderlich. Das sieht er selber ein. Wie er im neuen Job die Work-Life-Balance richtig auf die Reihe kriege, müsse er sich noch überlegen.


Bruder des Osterlamms

Arbeit hin oder her, auf seine Verbindungen und Hobbys möchte er nicht verzichten. Auf seine Mitgliedschaft bei der Bruderschaft zum Osterlamm in Brig schon gar nicht. Das sei aber sowieso nur ein festlicher Anlass, der einmal jährlich am Ostermontag stattfinde. An der traditionellen Tafelrunde nahmen bereits sein Vater, Grossvater und Urgrossvater teil. Ihr Ursprung liegt bei verfeindeten Brüdern, die nach der Niederlage von Napoleon und der Annexion des Simplon-Departements ins Wallis, ein Versöhnungsmahl gegeben und die Freundschaft gefeiert hatten.

Daraus resultierte die Tradition, wonach jedes Jahr drei Brüder das Mahl auf dem Schloss Stockalper spenden und dafür je ein neues Mitglied vorschlagen dürfen. Derzeit ist Gentinetta am Sparen, denn in sieben oder acht Jahren sei er als Spender an der Reihe. Dass es sich dabei um eine Altmännergesellschaft handelt, will er nicht gelten lassen. Erstens habe es auch Junge darunter und zweitens seien nach einer Statutenänderung auch Frauen in Exekutivämtern als Gäste zugelassen.


Netzwerker mit Vergangenheit

Dem parteilosen Gentinetta werden in Bern ausgezeichnete Lobbyfähigkeiten nachgesagt. Erste Netze in der Politik hat er bei der Arbeit an seiner Dissertation über die wirtschaftliche Machbarkeit von Grossinfrastrukturprojekten und die Anwendung auf Swissmetro gesponnen. Es war dann ein logischer Schritt, dass er im Anschluss an diese Dissertation im Eidgenössischen Finanzdepartement die Funktion als Ökonom und Spezialist für die Finanzierung von Infrastrukturprojekten übernahm. Nach drei Jahren wechselte er zu Economiesuisse als Leiter Finanz- und Steuerpolitik.

Einen Vergleich zwischen der Atmosphäre in der Bundesverwaltung und dem Verband zu ziehen, findet er schwierig. Beim Bund handle es sich um eine komplexe Organisation mit mehreren tausend Mitarbeitern und bei Economiesuisse zumindest von der Grösse her um ein KMU. Eine Aussage, dass beim Bund alles ein bisschen träger und bürokratischer ist, lässt sich ihm nicht abringen. Er sagt einzig: Längerfristig habe er in der Privatwirtschaft arbeiten wollen, weil das seiner Gesinnung entspreche und er sich zum Unternehmergeist hingezogen fühle.

Es scheint ihm fast entgegenzukommen, dass sich der Verband in einer kritischen Phase befindet. Auch, dass er antritt, um eine neue Strategie umzusetzen, und stark gefordert sein wird, die wieder gefundene Einigkeit zwischen den Branchenverbänden zu bewahren. Die Erwartungen an ihn sind hoch. «Ich werde mein Bestes geben, um diesen Erwartungen gerecht zu werden», kommentiert er mit dem entschlossenen Blick eines Tennisspielers vor dem Spiel.

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Zur Person

Steckbrief

Name: Pascal Gentinetta
Funktion: Direktor Economiesuisse, Zürich
Alter: 37
Wohnort: Kilchberg ZH
Ausbildung: Dr. oec. HSG und lic. jur. HSG

Karriere

1993–1995 Beratungsmandate Transport und Detailhandel
1996–1999 Eidg. Finanzverwaltung, Ökonom
1999–2007 Economiesuisse, Leiter Finanz- und Steuerpolitik, Mitglied Geschäftsleitungsausschuss
Ab Oktober 2007 Direktor Economiesuisse

Führungsprinzipien

1. Bring future to present.
2. Führe durch Beispiel sowie im Bewusstsein deiner Schwächen und Grenzen.
3. Erfolg misst sich letztlich an der Umsetzung.

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Firma

Economiesuisse: Der Dachverband der Wirtschaft zählt 30000 Schweizer Unternehmen aus allen Branchen zu seinen Mitgliedern. In den Geschäftsstellen des Verbands arbeiten 48 Mitarbeitende. Hervorgegangen ist Economiesuisse aus der Zusammenlegung von Vorort und Wirtschaftsförderung (wf).