Der Entscheid fiel weit weg - im sandsteinfarbigen Wolkenkratzer am New Yorker Rockefeller Plaza 75. In den Büros des Unterhaltungskonzerns Warner Music wurde beschlossen, alle Produktionen mit Schweizer Künstlern einzustellen. Die drittgrösste Plattenfirma setzte damit eine Reihe von überdurchschnittlich erfolgreichen Bands auf die Strasse: Lovebugs, Krokus oder Dada Ante Portas. Das war im Mai 2004.

Mit dem Paukenschlag in New York brach gleichzeitig die Stunde von Gadget Records an. Zusammen mit dem Schweizer Warner-Chef Chris Wepfer gründeten Eric Kramer und Reto Lazzarotto das Indie-Label und übernahmen die heimatlosen Schweizer Künstler.

Start schon zu Gymizeiten

Kramer und Lazzarotto waren schon damals keine Unbekannten in der Branche. Seit Längerem betätigten sie sich mit ihrer Firma als Konzertveranstalter und Agentur diverser Schweizer Künstler. «Die Übernahme war durchaus auch in unserem Interesse, besorgten wir doch bereits das Management von mehreren Schweizer Warner-Künstlern», erinnert sich Kramer an die hektischen Tage. Heute zählt Gadget acht Mitarbeitende und sitzt mit ihren Büros im aufstrebenden Quartier Zürich-West.

In der seit Jahren kriselnden Musikindustrie gehört Gadget Records zu den erfolgreichen Unternehmen, zumindest wenn man das Wirken an Preisen misst. Bei den Swiss Music Awards, die dieser Tage zum vierten Mal an die in der Schweiz erfolgreichsten nationalen und internationalen Stars vergeben werden, ist der Luzerner Sänger Adrian Stern gleich in zwei Kategorien nominiert - ein Schützling von Gadget. Bereits letztes Jahr war die Schweizer Musikfirma in die Kränze gekommen: Der von den Zürchern gemanagte Westschweizer Rapper Stress räumte gleich mehrere Preise ab.

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Der Erfolg von Gadget kam nicht über Nacht. Der 38-jährige Kramer lernte das Geschäft während seiner Zeit im Gymnasium kennen. Damals veranstaltete er erste Partys und Konzerte und betreute Bands wie zum Beispiel «Sitting on a Cornflake». Seine eigene Firma gründete er mit einem Partner 1994 - er war gerade einmal 21 geworden. Sein heutiger Geschäftspartner, der 45-jährige Lazzarotto, stiess im Jahr 2002 dazu. Auch er kam von Warner Music Switzerland, wo er für das Marketing verantwortlich gewesen war. Mitgründer Wepfer ist inzwischen wieder aus dem Unternehmen ausgeschieden.

Stress mit Coop

Mit Lazzarotto wurde das Geschäft breiter: Gadget managt Künstler, organisiert nationale sowie internationale Konzerte und Tourneen, verlegt Musik - und bietet umfassende Marketingkonzepte an. «Es war die Zeit, als die grossen Konsumgüterfirmen ihre junge Zielgruppe immer weniger erreichten. Deshalb waren sie offen für unsere Konzepte», erzählt Lazzarotto. Für Firmen wie Coca-Cola und den Spirituosenhersteller Baccardi hat Gadget in den letzten Jahren neue Ideen im Musikmarketing entwickelt. Im Fall des Limonadenherstellers war es beispielsweise eine gross angelegte Talentsuche. Coca-Cola hat den Event inzwischen für 12 Länder adaptiert.

Kramer und Lazzarotto brachten auch Künstler und Firmen für Sponsoringprojekte zusammen. Rapper Stress etwa drehte TV-Spots für Coop zum Thema Nachhaltigkeit. Das half dem Image des Detailhändlers und katapultierte den Bekanntheitsgrad von Stress in neue Dimensionen. Baschi, der einzige wirklich erfolgreiche Teilnehmer der Schweizer TV-Castingshow Musicstar, hat einen Vertrag mit dem Telekomanbieter Sunrise. «In der Schweiz sind ja nicht nur die CD-Verkaufszahlen rückläufig. Wir sind dazu noch in einem sehr kleinen Markt tätig. Da müssen wir zusätzliche Einnahmequellen erschliessen», begründet Kramer die neuen Vermarktungswege.

Das wichtigste Geschäft bei Gadget bleiben aber nach wie vor die Konzerte. «2010 haben wir 229 Konzerte veranstaltet. Damit machen wir noch immer die Hälfte unseres Umsatzes», sagt Kramer. Vor einiger Zeit hat Gadget ein Gemeinschaftsunternehmen mit Christof Huber gegründet, dem Leiter des Open-Air St. Gallen. Ziel ist es, die internationalen Beziehungen von Open-Air-Veranstalter und Gadget zu bündeln.

Partnerschaften sind das A und O für eine Firma wie Gadget. Dazu gehören auch jene mit den grossen internationalen Konzernen wie Sony und Universal: Adrian Stern, Baschi oder Stress veröffentlichen ihre CD auch heute noch bei einem dieser grossen Plattenfirmen. Sie verkaufen nach wie vor beachtliche Stückzahlen. Im Fall von Stress, dem derzeit erfolgreichsten Künstler von Gadget, sind es im Moment zwischen 70 000 und 90000 Stück pro CD.

«Gadget hat ein grosses Plus», sagen Lazzarotto und Kramer unisono: «Wir können alles unter einem Dach anbieten.» In der Musikindustrie wird diese Variante das «360-Grad-Modell» genannt. Es umfasst neben dem Management der Künstler auch die Live-Rechte samt Konzertorganisation. Dieses Modell funktioniere im Kleinen ohnehin viel besser als bei den internationalen Megastars. «Der Musiker hat nur noch eine Ansprechperson. Er bezahlt die üblichen 20 Prozent seiner Einnahmen nur noch an eine Partei. Dafür ist auch stets klar, wer schuld ist, wenn es nicht funktioniert», bringt Kramer das Modell auf den Punkt.

Ein 360-Grad-Modell für die Schweiz

Für die Zukunft sind die beiden optimistisch - trotz dem ungebremsten Abwärtstrend in der Branche. «Nicht die Musik steckt in der Krise, sondern die Musikindustrie. Es wird ja mehr denn je Musik gehört. In welcher Form man dies künftig tut - das ist die grosse Frage, die niemand beantworten kann», sagt Lazzarotto.

Das Glück der beiden Zürcher Musikunternehmer ist es, über ein ansprechendes Portfolio zu verfügen, sprich die richtigen Künstler unter Vertrag zu haben. Es liest sich wie ein Who is who der schweizerischen Musikbranche: Stress, Baschi, Lovebugs, Adrian Stern, Dada Ante Portas sowie auch die Newcomer 77 Bombay Street oder TinkaBelle. Sie gehören zum Erfolgreichsten, was die Schweiz in Sachen Pop aktuell zu bieten hat.