Die Krise um das neue Coronavirus verschafft einer Disziplin Aufschwung, die sonst eher ein Schattendasein fristet: der Impfstoffforschung.

Die Erfahrung mit früheren Virenaus­brüchen zeigt, wie schwierig es ist, zu ­Resultaten zu kommen. Ob es diesmal ­anders wird? Eine Übersicht über ein ­Rennen, bei dem es um einen Platz im ­Geschichtsbuch geht:

▶ Moderna

Das Biotech-Unternehmen aus Cambridge in den USA setzt neue Massstäbe bei der Impfstoffentwicklung. Dieser Tage ging es, nur 63 Tage nach der Dekodierung des neuen Coronavirus, bereits in Tests an Probanden. Die Tests werden von der US-Gesundheitsbehörde durchgeführt; in einem ersten Schritt wir der Impfstoff in den nächsten sechs Wochen 45 Probanden im Alter zwischen 18 und 55 Jahren verabreicht. Das Unternehmen ist vorn mit dabei mit der mRNA-Technologie (für «Messenger-RNA»), bei der die moleku­lare Maschinerie der Zelle dafür genutzt wird, Krankheiten zu bekämpfen.

Moderna wird von der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (Cepi) in Oslo unterstützt. Die Organisa­tion wurde 2016 aus der Taufe gehoben und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation und verschiedenen Regierungen unterstützt.

▶ Curevac

Das Tübinger Biotech-Unternehmen ist zuversichtlich, im Juni mit einem Wirkstoff in die Testphase am Menschen gehen zu können. Sein Vorteil: Curevac hat bereits erfolgreiche Tests mit dem Tollwut­virus hinter sich. Auch hier wirkt die Feuer­kraft der Cepi. Curevac hat bereits vor einen Jahr 34 Millionen Dollar aus Oslo bekommen, um eine mobile, automatische Produktionsanlage, einen RNA Printer, zu entwickeln. Im Januar kamen 8,3 Millionen Dollar dazu, um einen Impfstoff zu entwickeln.

▶ Biontech

Das Unternehmen aus Mainz ist das dritte im Bunde der mRNA-Impfstoff-­Jäger. Das Unternehmen, das vom Basler Nobelpreisforscher Rolf Zinkernagel wissenschaftlich beraten wird, hat bereits eine Kollaboration mit Pfizer, um einen mRNA-Impfstoff gegen das Grippevirus zu entwickeln. Nun steigt es ins Covid-19-­Rennen ein.

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Biontech ist eine strategische Partnerschaft mit Fosun Pharmaceutical eingegangen, einem der grössten chinesischen Pharmaunternehmen. Sollte es zu einer Zulassung kommen, so wird Fosun Pharmaceutical den Impfstoff in China vermarkten.

Ausserhalb Chinas bleiben die Rechte bei Biontech. Das Unternehmen erhält Vorauszahlungen und Meilensteinzahlungen im Umfang von bis zu 135 Millionen Dollar. Zudem gib es eine Entwicklungsvereinbarung mit Pfizer.

Der grosse Vorteil der mRNA-Technologie liegt darin, dass keine Ei- oder Zellkulturen mehr angelegt werden müssen, um die Impfstoffe herzustellen. Das vermindert, so die Hoffnung, allergische ­Nebenwirkungen und ist sicherer.

Zudem nimmt die Produktion weniger Zeit in ­Anspruch – Biontech rechnet mit einer Halbierung der Produktionszeit –, was dazu führt, dass die Impfstoffe akkurater sind. Denn: Viren mutieren, wenn sie sich vermehren. Das heisst: Je schneller ein Impfstoff auf den Markt kommt, desto eher «passt» er zum Virus.

▶ Inovio

Das US-Unternehmen hat einen DNA-Impfstoff und will ab April mit dem Testing beginnen. Inovio kann sich dabei auf seine Erfahrung mit Mers verlassen, einem mit Sars-CoV-2 verwandten Virus, auch wenn es hier nicht zu einer Zulassung kam – ein Beispiel dafür, wie schwierig es ist, in einer akuten Krise einen Impfstoff zur Marktreife zu bringen.

Auch ­Inovio bekam Geld von der Cepi. Zudem flossen 5 Mil­lionen Dollar von der Bill & Melinda Gates Foundation, um ein Gerät zu entwickeln, mit dem der Impfstoff ­appliziert werden kann.

Auch traditionelle Impfstoffhersteller machen Tempo

▶ GSK

GSK, nach der Übernahme des Impfstoffgeschäfts von Novartis grösster Impfstoffhersteller weltweit, unterstützt ein Impfstoffprojekt der Universität Queensland in Australien. Zudem spannen die Briten mit der chinesischen Clover Biopharmaceuticals zusammen, einem Unternehmen mit grossen Produktionskapazitäten.

▶ Johnson & Johnson

Johnson & Johnson setzt, anders als die Newcomer aus den USA und Deutschland, auf die klassische Methode. Das ­Unternehmen ist daran, einen Impfstoff zu entwickeln, bei dem ein deaktivierter Virus injiziert wird. Gleichzeitig spannt der US-Gigant mit der Biomedical Advanced Research and Development Authority (Barda) zusammen – einer Einheit des US-Gesundheitsministeriums, die für die Bekämpfung von Pandemien zuständig ist –, um antivirale Medikamente zu entwickeln.

Zudem gehen die Amerikaner über die Bücher, um zu schauen, ob eines ihrer ­bereits kommerzialisierten Medikamente gegen das Virus wirken könnte.

▶ Sanofi

Der französische Konzern sucht, ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Barda, nach einer Antwort auf Sars-CoV-2. Er setzt dabei auf eine Technologie, die es möglich machen soll, ein exaktes gene­tisches Gegenüber für Proteine auf der Oberfläche des Virus zu finden, um es so unschädlich zu machen.

Doch auch das wird so schnell nicht gehen. Das Unternehmen geht davon aus, dass es sechs Monate brauchen wird, um die Tests im Labor durchzuführen, und dass es ein bis eineinhalb Jahre brauchen wird, bis mit den Tests an Menschen begonnen werden kann.

Was von all diesen Anstrengungen fruchtet, wird sich zeigen. Die Vergangenheit zeigt: Forcierte Medikamentenforschung im Virusnotfall kann schnell zu ­einem Millionengrab werden. Dann nämlich, wenn die Eindämmungsmassnahmen greifen und der Virusausbruch begrenzt bleibt. Doch das ist diesmal definitiv nicht der Fall.

Roche: 8,5 Millionen Tests monatlich

Testing Der Basler Pharmakonzern Roche beziffert die Zahl der Tests, die er zur Verfügung stellen kann, auf 8,5 Millionen pro Monat. Roche war das erste Unternehmen, das einen Sars-CoV-2-Test entwickelt hat. Seit kurzem hat es zudem einen Massentest auf dem Markt, der fast vollautomatisch auf grossen Diagnostikgeräten in Labors und Spitälern läuft – ein Durchbruch, der ihm die Anerkennung von US-Präsident Donald Trump eintrug.

«Bei unserem derzeitigen Tempo» könne das Unternehmen hier 3,5 Millionen Tests pro Monat zur Verfügung stellen, schreibt Roche. Bei den Tests, die manuell durchgeführt werden müssen, liegt die Kapazität bei 5 Millionen. Zudem arbeite das Unternehmen «rund um die Uhr» daran, die Kapazitäten weiter zu erhöhen. Gleichzeitig empfiehlt das Unternehmen «dringend», sich auf Patientinnen und Patienten mit Krankheitssymptomen zu konzentrieren. Roche setze alles daran «so viele Tests wie möglich zur Verfügung zu stellen»; in einem globalen Gesundheitsnotfall wie diesem sei es aber möglich, dass die Nachfrage das Angebot übertreffe.