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Microlino
Plötzlich gibt es zwei «Knutschkugeln»

Der «Microlino»
Microlino: Produktionsfirma TMI plant Kopie der Schweizer Elektro-Isetta.Quelle: Micro Mobility Systems

Harte Zeiten für Wim Ouboter. Nach der Verschiebung des Microlino-Starts will die Produktionsfirma TMI eine Kopie herausbringen.

Gabriel Knupfer
Von Gabriel Knupfer
am 16.05.2019

Am Dienstag musste die Firma Microlino den geplanten Auslieferungsstart für das gleichnamige Elektroauto verschieben. Nun werden die Hintergründe für die Verzögerung bekannt. Klaus Frers, Geschäftsführer des Produktionspartners TMI und Eigentümer des Autoherstellers Artega, will nach eigenen Angaben ein sehr ähnliches Konkurrenzprodukt zum Microlino in Eigenregie herausbringen. Die Familie Ouboter, die das Schweizer Elektroauto entwickelt hat, sieht sich hinters Licht geführt.

Statt Ouboters' Auto werde er einen eigenen Kabinenroller namens Karolino auf den Markt bringen, der eine technische Weiterentwicklung des Microlinos sei, so Frers gegenüber der Fachplattform Edison. Diese Aussage habe die Situation jetzt zur Eskalation gebracht, so Patron Wim Ouboter auf Anfrage der «Handelszeitung». Gemäss bestehendem Vertrag sei Frers Plan zwar nicht möglich. Aber: «Ein Rechtsstreit ist vermutlich unausweichlich und wird der einzige Weg sein, unsere Rechte durchzusetzen.»

Entwicklung stockt seit Übernahme

Für Ouboter ist nun auch klar, «warum die letzten Monate so wenig für unseren Microlino getan wurde in Delbrück». Seit Monaten kommuniziere man nur noch über die Anwälte mit dem Produktionspartner. Zur Erklärung: Artega von Frers hatte im vergangenen November TMI übernommen, wo die Microlinos eigentlich gefertigt hätten werden sollen. Seither sei die Entwicklung ins Stocken geraten, so die Familie Ouboter, die TMI am Dienstag in einer Mitteilung vorwarf, die Qualitätsanforderungen nicht zu erfüllen.

TMI war Teil der Tazzari Gruppe und Auftragsfertiger und Entwicklungspartner für den Microlino. TMI hat langjährige Erfahrung im Bereich elektrischer Leichtfahrzeuge und bereits 2009 ihr erstes elektrisches Stadtauto unter der Marke Tazzari auf den Markt gebracht. Doch nach der Übernahme sei viel Know-how verloren gegangen, schrieben die Ouboters in der Mitteilung. Kein einziger der ehemaligen Mitarbeiter und Manager sei mehr bei TMI tätig.

«Zweite Swatch-Car Story»

Wie es nun weitergeht ist offen. «Es wäre sehr schade, wenn es eine zweite Swatch-Car-Story gäbe, in der versucht wird die Schweizer Vision zu zerstören», schreibt Oliver Ouboter, der Sohn des Patrons und Mediensprecher, auf Anfrage. «Doch soweit wollen wir es auf keinen Fall kommen lassen und können versichern, dass wir den Microlino auf die Strasse bringen werden.»

Für den Vater wäre der Ideen-Klau ein Déjà-vu. Bereits als Trottinett-Hersteller hatte er einen Hype für Tretroller und Kickboards ausgelöst und war danach von Nachahmerprodukten überrollt worden. Frers will noch in diesem Jahr mehrere Hundert Karolinos bauen und 2020 schon mehrere Tausend. Dennoch sei die Tür für den Microlino noch offen, sagt er gegenüber Edison.

Verbesserungen seit Monaten verschleppt

Ob der Microlino jemals bei TMI in Deutschland produziert werden wird, ist nach dem Zerwürfnis von dieser Woche offen. «Wir haben erste Gedanken gemacht für einen Plan B, doch hofften wir bis vor kurzen, das Klaus Frers doch noch einlenken würde», so Wim Ouboter. «Artega war auch nicht unser Wunschpartner aber so etwas haben wir uns in den schlimmsten Träumen nicht vorstellen können.»

Es gebe schon seit Monaten eine Liste mit den nötigen Verbesserungen für die Marktreife des Microlinos, sagt Oliver Ouboter. Die ersten Serienfahrzeuge seien bereits vorfinanziert und Teile bereits bestellt. Doch durch die Übernahme oder fehlenden Willen seitens von Artega sei sehr wenig geschehen in den letzten Monaten. «Die Leidtragenden dadurch sind wir, die seit knapp 5 Jahren unermüdlich an unserer Vision arbeiten und nicht zuletzt unsere über 15‘000 Vorbesteller.»

Revival der «Knutschkugel»

Der Microlino ist dem kultigen Rollermobil Isetta von BMW nachempfunden, das im Volksmund «Knutschkugel» genannt wurde. Das Revival der Isetta stammt aus Zürich und soll den Wagen als Elektroversion zurück auf die Strassen bringen. 2016 zeigte Wim Ouboter, Chef und Gründer des Trottinett-Herstellers Micro Mobility Systems, den ersten Prototypen am Genfer Autosalon. Der PR-Gag kam damals dermassen gut an, dass die Familie Ouboter mit dem Auto in Serie gehen will.

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