In einer Hauruck-Übung hat die Schweizer Firma The Archive ihren Direktor ausgewechselt, nachdem das Unternehmen in Deutschland Tausende von Internet-Nutzern von der Anwaltskanzlei Urmann + Collegen für je 250 Euro abmahnen liess, weil die sich angeblich unerlaubterweise im Web mit Porno-Filmchen vergnügten.

Als die Abmahn-Aktion sich im Nachbarland zum eigentlichen Skandal entwickelte, bekam der im Kanton Zürich wohnhafte Deutsche Philipp Wiik kalte Füsse, nachdem er vorher der Presse noch entspannt Interviews gab.

Bald liess er seinen Landsmannn Ralf Reichert wissen, dass er aus der Firma austrete – «mit Bedauern» wurde Wiiks Schritt von Verwaltungsrat Reichert zur Kenntnis genommen. Mit einem Mal stand The Archive ohne rechtsgültiges Domizil da, der Film- und Musik-Unternehmer Reichert musste schnellstens handeln, wollte er seine Firma nicht in Zwangsliquidation versetzt sehen.

«Zahlungsstörungen» und miese Bonität

In Crespin Djengue fand er einen neuen Domizilgeber. Bei Amtsantritt leerte der mal als erste Amtshandlung den vollen Briefkasten und pinselte beim Klingelschild neben seinen Namen mit weisser Farbe die Buchstaben «Archive AG» hin, weiss der «Beobachter». Der 35-jährige Afrikaner aus Benin fungiert nun gegen aussen als Direktor, bekam von Reichert Unterschriftsberechtigung und ist in der Schweizer Unternehmerszene ein Unbekannter.

Nicht so im Betreibungsamt. Dort kennt man Direktor Djengue seit Jahren – das zeigen Akten, die handelszeitung.ch vorliegen. Djengue hat in den Akten Verlustscheine im Umfang von mehreren tausend Franken. Das heisst: Gläubiger versuchten bei ihm erfolglos Geld einzutreiben. Auch Kleinstbeträge kann Djengue laut Akten offensichtlich nur mit Mühe berappen. Diverse Bonitätsdatenbanken bewerten Djengues Zahlungsmoral mit den schlechtesten Werten wie «sehr tief». Ein wenig Taschengeld für die Ausübung des neuen Direktoren-Postens kann Call-Center-Agent Crespin Djengue also gut gebrauchen.

Handelszeitung.ch wollte von The-Archive-Hintermann Reichert wissen, wie er auf Djengue als Direktor gestossen sei und warum er überzeugt ist, dass dieser seiner Aufgabe zu Reicherts Zufriedenheit nachkommen werde. Bis zum Publikationszeitpunkt äusserte sich Reichert nicht. Auch Crespin Djengue reagierte auf Kontaktversuche von handelszeitung.ch nicht.

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