Während Migros-Chef Herbert Bolliger an der Medienkonferenz referiert, macht sich Claude Hauser fleissig Notizen. Der Präsident der Migros-Verwaltung überlegt sich Fragen, welche die Journalisten ihm stellen könnten und was er darauf antworten soll. Fragen nach der instransparenten Vergütung der Generaldirektion, nach neuen Läden, nach den Resultaten.

Trotz aller Vorbereitung blieb am 22. März nach der Medienkonferenz ein irritierter Hauser zurück. Mit einer Frage hatte er nicht gerechnet: Wer wird sein Nachfolger? «Das ist noch viel zu früh, um darauf zu antworten», lachte der Romand. Am 30. Juni 2012 wird er sein Amt als Präsident abgeben. Im Alter von 70 Jahren fällt die Altersguillotine.

Für Hauser mag es noch zu früh sein, um über seinen Rücktritt zu reden. Intern wurde das Rennen um die Spitze längst gestartet. Das Parlament der Migros, die Delegiertenversammlung, verabschiedete bereits ein neues Wahlverfahren. Mehrere Kandidaten laufen sich warm und müssen sich auf ein hartes Gerangel gefasst machen.

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Das Amt des Präsidenten gilt mitunter als mühsam. Das spürte Hauser in den letzten Jahren zunehmend. Im Zürcher Hauptsitz des Migros-Genossenschaftsbundes nahm man ihn nicht ernst. Er stand derart im Clinch mit der Medienstelle, dass er sich einen eigenen PR-Mann leistete, um sein Image aufzupolieren. Auch das Verhältnis zum Konzernchef ist nicht frei von Spannungen.
Claude Hauser: Tritt Mitte 2012 ab

Der Präsident legt zusammen mit der Verwaltung die Strategie fest, fällt Personalentscheide für die Spitzenkräfte und gibt geschäftliche und ideelle Ziele vor. Viel Geld gibt es dafür nicht. «0,95 Millionen Franken erhalten die zehn Verwaltungsräte der Migros insgesamt. Was im Vergleich zu anderen Verwaltungsräten moderat ist», meint Hauser selbst.

Trotz beschränkter Macht und wenig Lohn wollen einige Hausers Job. Gisèle Girgis mache sich Hoffnungen, sagen Insider. Die studierte Ökonomin ist seit 1998 Mitglied der Generaldirektion und leitet zurzeit das Departement Personal, Kulturelles und Soziales, Freizeit. Die Migros-Generaldirektorin wäre prädestiniert, Hauser nachzufolgen. Denn sie vertritt als Waadtländerin auch die lateinische Schweiz. Mit ihrer Wahl käme auch endlich eine Frau an die Spitze von Migros.

Erstmals eine Frau?

Girgis als Nachfolgerin? Zu dieser Frage lächelt Hauser vielsagend. Er gilt als Förderer der Kaderfrau. Zu möglichen Kandidaten oder Kandidatinnen will er sich aber nicht äussern. «Es ist ein wichtiges Thema, aber das Buch ist noch geschlossen.» Girgis selbst kann sich zum Thema Wahl in den Verwaltungsrat derzeit wegen Krankheit nicht äussern.

Girgis hat allerdings ein Problem. Sie würde intern als schwache Präsidentin angesehen. Denn im Männergremium der mächtigen Generaldirektion ging ihre Stimme weitgehend unter.

Eine weitere Frau im Rennen ist Doris Aebi. Als Vizepräsidentin der Verwaltung wäre sie eine valable Kandidatin. Doch der Frauenbonus zählt bei der Migros weniger als die Verankerung in der Firma. Deshalb hat die selbstständige Headhunterin wenig Chancen auf den Präsidentenstuhl. Aebi meint: «Die Migros ist ein grossartiges Unternehmen, dem ich mich, unabhängig in welcher Rolle, sehr verbunden fühle.» Über Personalien möchte sie sich zurzeit nicht äussern.

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Vorteilhafte Französischkenntnisse

Am Ende könnte daher durchaus ein Mann das Rennen machen. Herbert Bolliger, aktuell Präsident der Generaldirektion, gilt als Kandidat. «Wenn Bolliger als Migros-Chef abtritt, wäre der Weg frei für eine Neuerung an der Spitze», sagen Kaderleute. Denn bisher habe Bolliger keine Rezepte gegen Aldi und Lidl gefunden, und er sei auch kein Visionär, wie es das Vorbild Gottlieb Duttweiler war. In der Tat verlor Migros seit 2008 Marktanteile. Als Visionär ist Bolliger bisher nicht aufgefallen. Doch der 58-Jährige winkt ab: «Ich bin sehr gerne operativ tätig. Ich fühle mich topfit, ich habe keine Ambitionen.» Muss man denn als Präsident der Verwaltung nicht fit sein? «Sicher, aber es ist ruhiger.»

Ambitionen hat jedoch Ernst Weber, der Geschäftsleiter der Migros Luzern und Vizepräsident der Migros-Verwaltung. Er tritt als Geschäftsleiter Ende Juni 2012 ab, just zum Zeitpunkt, wenn der neue Präsident der Verwaltung antreten soll. Das 63. Jahr, das Alter, zu dem Migros-Leute sich heute noch pensionieren lassen können, erreicht Weber erst Ende 2012. Er spricht zudem gut Französisch. Das ist ein Vorteil, denn mit dem Deutschschweizer Chef Bolliger und einem Deutschschweizer Präsidenten würden sich die Romands schnell untervertreten fühlen. Ihre Stimmen sind bei der Wahl aber entscheidend. Auf die Frage nach seinen Ambitionen gibt sich Weber wortkarg: «Kein Kommentar.»

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Kompliziertes Wahlprozedere

111 Delegierte wählen den neuen Präsidenten. Auch wenn das Kandidatenkarussell noch nicht offiziell läuft, wurden Mitte März die Weichen für die Wahl gestellt und ein neues Wahlverfahren genehmigt. Bis im Sommer wird ein Evaluationsgremium geschaffen. Darin sollen je drei Leute des Delegiertenversammlungsbüros und drei Leute aus der Verwaltung, Ausschuss Nomination und Entschädigung, stammen. Dieses Gremium soll auch ein Profil erarbeiten und Kandidatenvorschläge eingeben. Im März 2012 wählt dann die Delegiertenversammlung von 111 Delegierten den neuen Präsidenten.

Herbert Bolliger, Gisèle Girgis: Kandidaten mit Chancen auf den Präsidentenposten