Volg ist ein Kuriosum. Man hat das Konzept als hinterwäldlerisch totgesagt. Weshalb hat der Dorfladen trotzdem überlebt?

Ferdinand Hirsig: Es ist nicht gerade ein Kompliment, als Chef einer hinterwäldlerischen Firma bezeichnet zu werden, aber ich nehme das mal zur Kenntnis. Volg wächst gut und macht Gewinn. Volg hat Erfolg, weil er den Nerv der Kundschaft trifft.

Selbst Ihr Mutterhaus, der Agrarkonzern Fenaco, hat am Konzept von Volg gezweifelt.

Hirsig: Unsere Mutter ist keine Detailhandelsfirma, sondern ein Landwirtschaftsbetrieb, der funktioniert anders. Detailhandelsexperten sagen seit zehn Jahren: Man muss gross wie Migros und Coop sein oder billig wie die Discounter. Wir zeigen, dass dieses Credo überholt ist.

Welchen Nerv der Kundschaft trifft Volg?

Hirsig: Wir haben immer an die Nähe geglaubt. Sowohl an die geografische als auch an die emotionale Nähe.

Was meinen Sie mit emotionaler Nähe?

Hirsig: Wir pflegen in allen unseren Läden die gleichen Werte. Die Verkäuferin kennt die Kundschaft und umgekehrt. Man spricht auch über Persönliches. Darum sind wir auch nicht in der Stadt. Hätten wir einen Laden am Zürcher Paradeplatz, würden sich vielleicht ein paar Japaner amüsieren, aber sonst würde das keiner verstehen. Ein Volg am Paradeplatz wäre Folklore. Dort spricht man anders, denkt anders, hat andere Werte. Anderseits würde eine Prada-Boutique im Muotatal auch keiner verstehen.

Volg würde auch in ein Quartier passen. Wollen Sie in Stadtquartiere vorstossen?

Hirsig: Nein. Quartier- und Dorfläden sind ähnlich, aber nicht gleich. Das Sortiment in der Stadt ist anders. Dort braucht es mehr Convenience-Produkte und Fingerfood. Volg heisst ursprünglich Verband ostschweizerischer landwirtschaftlicher Genossenschaften. Das ist Dorf, das ist Land. 90% unserer Läden sind in einem Dorf. Unter dem Namen Volg wollen wir nicht in Stadtquartiere vorstossen.

Ist die Stadt für Volg also tabu?

Hirsig: Als Grossist beliefern wir auch freie Detailhändler, seien diese als «frisch-nah-günstig» angeschrieben oder «Lebensmittel Meier». Solche Läden können durchaus auch in Quartieren liegen. Auch unsere Visavis-Läden, für die wir in der Westschweiz zurzeit Detaillisten suchen, können in der Stadt sein.

Wer einen Volg betritt, tritt in eine andere Welt. Zeit und Preis spielen keine grosse Rolle.

Hirsig: Das spricht für unser Konzept. Wir sind anders. Man spricht heute von Entschleunigen. Der Mensch sucht Ruhezonen. Wir wollen nicht schneller als Aldi, Lidl oder Denner sein.

Weshalb ist die Volg-Gruppe letztes Jahr mit 3,8% Umsatzsteigerung mehr gewachsen als Migros, Coop, Denner und Spar?

Hirsig: Preis und Grösse sind nicht alles. Ein starker Trend ruft auch immer einen Gegentrend hervor, und von dem profitieren wir. Wir sind alle Smartshopper, einmal kaufen wir beim Discounter, ein andermal spielt das Geld keine so grosse Rolle. Wenn man gute Standorte und Öffnungszeiten und ein gutes Sortiment anbietet, kann man Erfolg haben. Die Öffnungszeiten haben wir in letzter Zeit stark verbessert. Auch das Sortiment, indem wir den ganzen Tag zum Beispiel Brot und Fleisch anbieten. Wir haben zudem vom Trend zu traditionellen Werten profitiert.

Bedienen Sie die Sehnsucht nach Heimat und Schweizerischem?

Hirsig: Sicher, das ist auch ein Gegentrend zur Globalisierung. Heute geht man mit grosser Selbstverständlichkeit nach New York oder London zum Shoppen. Die gleichen Leute haben ungeheuer Freude, wenn sie im Dorf in einem kleinen Laden einkaufen können.

Wie viel Marktanteil hat Volg gewonnen?

Hirsig: Das interessiert uns nicht. Mit Marktanteilen hat man noch nie eine Rechnung bezahlt. Wir machen keine Folklore, unsere Läden müssen rentieren. Nicht im Sinn von Shareholder Value, aber die Kosten müssen gedeckt sein, denn wir werden nicht subventioniert, auch nicht von unserem Mutterhaus.

Und wie hoch ist der Gewinn?

Hirsig: Wir sind Hörnliverkäufer. Unsere Umsatzrendite ist bescheiden, kleiner als 1%. Unser Gewinn beträgt in der Regel 3 bis 4 Mio Fr. Jetzt ist er um rund 400000 Fr. gestiegen.

Muss jeder Laden rentieren?

Hirsig: Nein. Unter dem Strich muss es für die Gesamtgruppe aufgehen. Es gibt einfach Gemeinden, die sind so klein, dass ein Laden dort nicht rentieren kann. Auch solche Läden haben Platz in unserem genossenschaftlichen Gedankengut, aber das sind Ausnahmen.

Sie operieren also nicht nur nach Marktgesetzen?

Hirsig: Wir geben uns selber eine Verpflichtung zur Versorgung; aber natürlich, wenn ein Laden grosse Verluste schreibt, schliessen auch wir ihn. Wir mussten in letzter Zeit einige solche Läden zumachen. 2009 haben wir elf Läden aufgegeben. Wir brauchen in unseren kleinen Gemeinden pro Woche pro Haushalt einen Einkauf von 50 Fr., damit ein Dorfladen überleben kann. Das ist nicht viel.

Wie ist Volg ins neue Jahr gestartet?

Hirsig: Der Januar war verhalten. In den ersten Wochen schien es, also ob das Portemonnaie in der Schublade versorgt wurde. Der Februar läuft gut. Wir profitieren von den Unterländern, die in die Skiferien fahren. Aber vor den ersten drei Monaten machen wir keine Prognose, wie das Jahr laufen wird.

Volg verlangt stattliche Preise.

Hirsig: Wir sind im Schnitt etwas teurer als Coop.

Wir stark leidet Volg unter dem Preiskampf?

Hirsig: Bei Frischwaren wie Früchten, Gemüse und Brot spielt der Preis keine so grosse Rolle. Mehr Mühe bereiten uns Hygieneartikel. Wir können nicht so grosse Mengen einkaufen, um gleich billige Preise anzubieten wie unsere Mitbewerber. Man spricht immer nur vom Preis, aber die Preissensibilität ist in der Schweiz nicht so gross. Wir sind keine Deutschen.

Können Sie bei Fenaco billiger einkaufen?

Hirsig: Nein. Eine Migros kauft riesige Mengen Kartoffeln bei Fenaco. Die zahlen bei unserer Mutterfirma weniger als wir.

Inwiefern nützt Ihnen Ihr Mutterhaus?

Hirsig: Mit der Fenaco im Rücken ist es einfacher zum Beispiel mit einer Bank zu diskutieren, wenn wir einen Kredit für ein Bauvorhaben brauchen. Beim Einkauf hilft uns Fenaco aber nichts.

Die Volg-Gruppe ist 2009 um 3,8% gewachsen. Die eigenen Läden haben aber nur um 1,4% zugelegt.

Hirsig: In unserer Gruppe ist die Volg-Kette grösster Kunde, aber wir sind auch Belieferer des kleinflächigen Detailhandels. Dieser Markt mit Tankstellen und freien Detaillisten ist sehr stark in Bewegung. Dort sehen wir unsere grössten Wachstumschancen. Wir wollen Einzelhändler überzeugen, mit uns zusammenzuarbeiten. Die Anzahl Volg-Läden dagegen werden wir nicht mehr stark steigern können.

Jetzt beliefert aber Spar die Läden der Genossenschaft Treffpunkt und Mini-Marché. Weshalb ist Ihnen dies nicht gelungen?

Hirsig: Es ist für uns nicht attraktiv genug, diese zu beliefern.

In der Westschweiz ist Volg mit den Läden Visavis präsent. Wollen Sie auch ins Tessin vorstossen?

Hirsig: Nein. Da sind die Alpen dazwischen. Das ist logistisch nicht machbar.

Wer Ist Ihre Konkurrenz?

Hirsig: Kleinflächige Läden wie Coop Pronto, Migrolino, Avec und Tankstellen-Shops.

Womit hat Volg vor allem zu kämpfen?

Hirsig: Der Preiskampf betrifft uns schon. Wenn Coop den Preis runterfährt, müssen wir auch mitmachen, denn die Differenz zu Coop darf nicht zu gross sein.

Und wie lösen Sie das?

Hirsig: Mit einer Umsatzrendite von 1% haben wir nicht viel Luft. Im Moment ist es relativ ruhig. Wir haben gesehen, dass Aldi und Lidl nicht in die Schweiz gekommen sind, um den Markt zu zerstören, sondern um Geld zu verdienen. Sie verlangen höhere Preise als in Deutschland. Wenn der Preiskampf weitergeht, müssen wir Kooperationen suchen, etwa im Einkauf im Ausland. Dies trifft auch zu, wenn sich die Grenzen öffnen.

Oder Volg wird verkauft.

Hirsig: Nein, sicher nicht.

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