Stundenlang befragten die Mitarbeiter von PricewaterhouseCoopers Tausende Arbeitskräfte quer durch alle Branchen. Was das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen interessierte, war das Thema Loyalität. Das Resultat war ernüchternd. Loyalität gegenüber dem ­Arbeitgeber gilt heute unter den Mitarbeitern nur noch wenig. Die meisten wollen früher oder später die Firma wechseln.

Das musste PricewaterhouseCoopers (PWC) in der Schweiz auf oberster Ebene gleich selber erfahren. Vor einem halben Jahr erst haben drei Partner aus dem Beratungsbereich das Unternehmen verlassen und beim Rivalen Deloitte angeheuert. Das war nur die Spitze des Eisberges. Seit gut zwei Jahren ist die Fluktuation beim Branchenleader überdurchschnittlich. 2009 waren bei PricewaterhouseCoopers 20 Partner im Bereich Consulting tätig. 10 haben das Unternehmen seither bereits wieder verlassen, die meisten freiwillig.

Abgänge sind heikel

Auch auf Direktorenstufe gab es zahlreiche Abgänge. «Im Bereich Wirtschaftsberatung sehen wir einen beträchtlichen Brain-Drain bei PWC», sagt ein Marktexperte. «Der Branchenleader hat ein Problem. Er muss aufpassen.» Doch das Unternehmen kommt nicht zur Ruhe. Vergangenen Dienstag wurde intern bekannt, dass Markus Bucher als Leiter der Wirtschaftsberatung zurücktritt. Er bleibt aber in der Firma.

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Das Geschäftsmodell von PricewaterhouseCoopers steht auf drei Säulen: Haupt­pfeiler ist das klassische Wirtschafts­prüfgeschäft (Audit). Daneben betreibt man Steuer- und Rechtsberatung und als kleinsten Geschäftszweig die Wirtschaftsberatung, etwa in den Bereichen Nachhaltigkeit, Gesundheitswesen oder Compliance. «Es ist schon länger der Problem­bereich bei PWC», erzählt ein Partner aus dem Bereich Audit. Wenn in der Wirtschaftsberatung ein Partner gehe, sei schnell einmal auch sein Mandat weg. Die Kunden hingen weniger an der Marke als an den Beratern. «Abgänge sind dort deshalb besonders heikel», sagt der Partner.

Der Kampf um die besten Leute verschärfte sich in der Branche seit einiger Zeit. «Deloitte ist auf Einkaufstour und verstärkt sich enorm», sagt Eva Manger-Wiemann von der Meta-Beratung Cardea. Der Markt sei stark in Bewegung. Sie erwarte weiterhin ein intensives Buhlen um gute Fachkräfte. Auch andere Beratungsfirmen haben Leute an die aggressiv auftretende Deloitte verloren, aber niemand so viele wie PWC.

Das Unternehmen selber sieht dennoch keinen Grund zur Besorgnis. «Die Veränderungen im Consulting waren Teil unseres strukturierten Weiterentwicklungsprozesses dieses Geschäftsbereiches», sagt Sprecherin Claudia Sauter. «Wir sind sehr zufrieden mit dem Verlauf des Consulting Business und sind auch für die Zukunft sehr gut gerüstet.»

Kunden machen sich trotzdem Sorgen. «Bei PWC gingen Partner, die es geschafft hatten, langfristige und vertrauensvolle Geschäftsbeziehungen aufzubauen», sagt ein Manager eines Konzerns, der Aufträge an PricewaterhouseCoopers vergibt. «Das ist für uns wichtig. Die Persönlichkeit des Beraters spielt bei der Auftragsvergabe eine grosse Rolle.» Stattdessen habe man inzwischen ab und zu den Eindruck, das Verrechnen von Leistungen sei bei PWC zum obersten Ziel geworden.

PricewaterhouseCoopers Schweiz steht finanziell gut da. Im letzten Geschäftsjahr steigerte das Unternehmen den Umsatz um 2 Prozent auf 716 Millionen Franken. Die Wirtschaftsberatung steuerte rund 15 Prozent dazu bei. Trotz Wachstum lastet auf den Partnern aber stets der Druck, Umsatz zu generieren. Wegen verpasster Ziele kam es schon zur Trennung von bisherigen Partnern. Im Consulting ist der Druck besonders ausgeprägt. Die Sparte ist konjunkturabhängiger als die andern und soll laut Kennern bei Pricewaterhouse­Coopers nicht die gleiche Profitabilität ausweisen wie etwa das Auditing. «Das Konkurrenzdenken zwischen den Partnern ist deutlich stärker als in den ­anderen Bereichen», sagt der Partner aus dem ­Audit.

Neuer Markenauftritt

Offenbar bildeten sich in dieser Situa­tion im Consulting zwei Lager. Die einen haben den Ruf, eher kurzfristig Umsatz zu bolzen. Die andern stehen für kunden­orientiertes Langfristdenken. «Die erste Gruppe hat derzeit Überhand», berichtet ein Beratungsexperte mit guten Kontakten zu PWC. Es gebe Seilschaften, Grabenkämpfe zwischen den Fraktionen und Ellbögeleien. Die Stimmung sei nicht die beste. Ein früherer Partner sagt, in der Führung von PWC fehle es möglicherweise an Verständnis für die Kultur im Consultinggeschäft. «Man kann es nicht über Umsatzziele steuern», sagt er. «Es braucht mehr Freiheiten als anderswo, damit sich die Kompetenzen entwickeln können.»

Das Unternehmen versucht zu reagieren. «PWC Schweiz Consulting ist in einer Neupositionierungsphase, unter anderem mit einem neuen Auftritt», sagt Branchenexpertin Manger-Wiemann. «Die Marke verlor in den letzten zwei Jahren etwas an Kraft.» Im Markt sei noch nicht allen ganz klar, wie sich das sehr breit aufgestellte Unternehmen positionieren wolle.

Im Sommer übernimmt der designierte Chef Urs Honegger das Konzernsteuer. Mangelnde Loyalität zur Firma war bei ihm noch nie ein Thema. Er arbeitet seit einem Vierteljahrhundert bei PWC.